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Krieg zwischen Israel und Libanon10 Tage Waffenruhe im Libanon

Nach Beginn der Feuerpause am Donnerstag kehren Binnenvertriebene zurück in den Südlibanon. Doch Israels Militär hat bereits angekündigt, dort bleiben zu wollen.

Trotz unsicherer Lage kehren Binnenflüchtlinge zurück Foto: Mohammed Zaatari/ap/dpa
Julia Neumann

Aus Beirut

Julia Neumann

Vier Minuten nach Mitternacht gab es einen lauten, dumpfen Knall in Beirut, weitere folgten. Ab Mitternacht sollte eine Feuerpause gelten. Aufatmen dann, als die lokalen Nachrichtensender melden, Hisbollah-Anhänger hätten die Waffenruhe mit Schüssen in die Luft gefeiert.

Die Lage in der Hauptstadt war angespannt, weil nach der letzten Verkündung eines Waffenstillstands am Mittwoch vergangener Woche das ganze Land innerhalb von zehn Minuten von 100 israelischen Bomben getroffen wurde. Dabei wurden laut libanesischem Gesundheitsministerium 357 Menschen getötet und 1.223 verletzt, darunter viele Frauen und Kinder.

Eigentlich sollte der Waffenstillstand zwischen Iran und USA auch gelten – so hatte es Pakistan als Vermittler verkündet. Doch Netanjahu weigerte sich. Der Iran hat infolgedessen darauf bestanden, dass eine Waffenruhe im Libanon Bestandteil jedes dauerhaften Abkommens sein müsse.

Historisches Treffen in Washington

Auf Druck des Weißen Hauses trafen sich am Dienstag Israels Botschafter in den USA und sein libanesischer Counterpart in Washington. Es waren die ersten direkten diplomatischen Gespräche seit Jahrzehnten. Libanon forderte als Bedingung für weitere Gespräche eine Waffenruhe und sagte eine Entwaffnung der Hisbollah zu.

Am Mittwochabend erklärte Trump, Libanons Präsident Joseph Aoun werde mit Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sprechen. Aoun cancelte all seine Termine für Donnerstagabend, lehnte jedoch ein direktes Telefongespräch mit Netanjahu ab. Beide telefonierten wohl unabhängig voneinander mit Trump. Dieser verkündete dann am Donnerstag die zehntägige Waffenruhe.

In 46 Tagen Krieg hat Israel im Libanon mehr als 2.200 Menschen getötet, darunter 300 Kinder. 1,2 Millionen Menschen sind binnenvertrieben. Die Hisbollah hat rund 6.000 Raketen auf Israel abgefeuert.

Temporäre Rückkehr von Binnenvertriebenen

In der Nacht zu Freitag bildeten sich Staus auf der wichtigsten Verbindungsstraße zwischen Nord- und Südlibanon. „Menschen aus dem Süden kehren zurück, um zumindest nach ihren Häusern zu sehen oder zu versuchen, die Überreste ihrer Habseligkeiten zu retten“, erklärt der Ingenieur Tarek Mazraani aus dem Grenzdorf Hula der taz. „Nachdem sie so unvermittelt fliehen mussten, werden sie nun zumindest Werkzeug und Kleidung holen.“ Mazraani hat eine zivile Bürgerinitiative zur Rückkehr der Kriegsvertriebenen gegründet. Dafür wurde er vom israelischen Militär angefeindet.

„Es gibt keine vollständige Rückkehr, da die meisten Häuser zerstört oder beschädigt sind“, sagt Mazraani. Das gelte auch für Straßen und Infrastruktur sowie Felder und Olivenbäume. Ohne Zusagen eines israelischen Rückzugs und des Wiederaufbaus müssten Vertriebene weiter an ihren Fluchtorten ausharren.

Die Rückkehr ist dadurch erschwert, dass Israels Militär alle Brücken über den Fluss Litani zerstört hat. Einige Stunden vor der Verkündigung der Waffenruhe hatte das Militär die letzte Brücke über den Fluss bombardiert. Damit sind wichtige Verbindungswege – vor allem für humanitäre Hilfen – gekappt.

Waffenstillstand – und dann?

Noch während über den Waffenstillstand berichtet wurde, bekräftigte Netanjahu, Israel plane eine „Sicherheitszone“ im Südlibanon – ein Euphemismus für Israels Besatzungspläne. Laut dem US-Außenministerium behält sich Israel im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens das Recht vor, sich „jederzeit gegen geplante, unmittelbar bevorstehende oder andauernde Angriffe zu verteidigen“. Die Formulierung deutet darauf hin, dass Israel nach Belieben angreifen möchte. Die Hisbollah erklärte, sie werde auf jeden Angriff Israels reagieren.

Unklar ist, wie es nach den 10 Tagen Waffenruhe weitergehen soll. Libanons Regierung möchte einen nachhaltigen, langfristigen Waffenstillstand. Israel drängt dafür auf die komplette Entwaffnung der Hisbollah. Gleichzeitig kündigt Israels Regierung an, trotz Waffenstillstand den Südlibanon militärisch besetzen zu wollen.

„Wie wir oft gesehen haben, ist die israelische Interpretation eines Waffenstillstands ist nicht das, was andere darunter verstehen: Du stellst Feuer ein, ich feure vielleicht weniger“, sagt Max Rodenbeck, Israel/Palestine-Direktor bei der International Crisis Group. Den Iran-USA-Waffenstillstand hätten israelische Journalisten als „beidseitig“ betitelt. „So als wäre das eine bemerkenswerte neue Art von Waffenstillstand“, sagt Rodenbeck. „Für den Rest der Welt ist ein Waffenstillstand beidseitig. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Waffenstillstand hält und wirksam ist, ist leider ziemlich gering.“

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