Konflikt am Golf: Das Pokerspiel von Hormus
Im Ringen zwischen USA und Iran bleibt die Lage unübersichtlich. Waffenruhe und Drohungen um die Straße von Hormus wechseln sich ab.
Wenn die letzten Stunden eines bewiesen haben, dann, wie fragil die Lage am Golf und im Nahen Osten ist und wie sehr alles im Fluss ist. Es wirkt fast wie ein Pflücken der Gänseblümchenblüte: Die Straße von Hormus ist zu, die Meerenge ist offen, der strategische Wasserweg ist doch zu. Die einzige gegenwärtige Konstante ist, dass der Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran noch bis Mittwoch gilt. Drumherum gibt es mehrere Optionen, wie es weitergeht:
Die gegenwärtige unsichere Warteschleife könnte noch eine Weile andauern. Ein Zustand, der keiner Seite nutzt und der die Weltwirtschaft noch mehr mit sich reißt.
Die andere Möglichkeit wäre die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen. Eine Option, die ebenfalls keiner Seite nutzt und an der weder der Iran noch die USA Interesse haben. Obwohl sie sich gegenseitig mit der Bekundung drohen, notfalls dafür bereit zu sein.
Die dritte Option wäre, dass man sich nun doch auf ein Grundsatzpapier für weitere Verhandlungen in Pakistan einigt. Etwas, das nicht so einfach ist und das Zeit braucht. Und dabei sprechen wir nicht von den Verhandlungen selbst. Die letzten Atomverhandlungen zwischen dem Iran und den USA, damals noch unter der Führung des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, hatten über 20 Monate in Anspruch genommen, bis es zu einem Abschluss kam.
Unterdessen spielen die USA und der Iran miteinander Pingpong, machen Zugeständnisse, die sie dann wieder zurückziehen. Alles begann mit einem Tauziehen darum, ob der Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran auch mit einer Waffenpause im Libanon verbunden ist. US-Präsident Donald Trump hatte zunächst erklärt, dass ein Waffenstillstand im Libanon kein Teil der Abmachung sei, obwohl sowohl die Iraner als auch die pakistanischen Vermittler öffentlich betont haben, dass beides als Voraussetzung für weitere Gespräche miteinander verknüpft wäre. Da die Iraner weiterhin auf dieser Forderung pochten, verkündete der israelische Premier Benjamin Netanjahu unter starkem Druck aus Washington dann doch noch eine Waffenpause im Libanon.
Die Iraner, deren Vorbedingung für weitere Verhandlungen nun offensichtlich erfüllt war, gingen dann ebenfalls in Vorleistung. Irans Außenminister Abbas Araghchi erklärte am Freitag, dass die Straße von Hormus „vollkommen offen für alle Handelsschiffe ist, in Folge des Waffenstillstands im Libanon“. Mit dem ging ein Social-Media-Post Trumps einher, in dem dieser am Freitag schrieb: „Israel wird den Libanon nicht mehr bombardieren. Das wird ihnen von den USA verboten. Genug ist genug!“
Mit beiden Seiten in Vorleistung standen die Zeichen auf Entspannung. Ein Waffenstillstand im Libanon für eine Öffnung der Straße von Hormus. Mit der Verbindung beider Dinge, erhöhte sich auch der Druck auf den israelischen Premier Benjamin Netanjahu, sich wirklich an die Feuerpause zu halten. Denn der israelische Premier hat ihr nur mit Widerwillen zugestimmt, sieht er sich in seinem Land doch zugleich mit einer öffentlichen Meinung konfrontiert, die den Krieg im Libanon gegen die Hisbollah als „unfinished business“ ansieht. Aber indem die Öffnung von Hormus damit verknüpft ist, schwindet auch Netanjahus Manövriermasse. Außer, er will die Verhandlungen zwischen Trump und den Iranern gefährden. Dann hält er die Spielverderber-Karte in der Hand.
Alles deutete bisher in Richtung weiterer Gespräche in Pakistan und auf eine damit verbundene Verlängerung des Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran. Wäre da nicht die Verlautbarung Trumps dazugekommen, dass die US-Blockade gegen Schiffe aus iranischen Häfen weiter aufrechterhalten bleibt. Was Trumps Motiv ist, diesen Stolperstein in den Weg zu Verhandlungen zu behalten, ist unklar. Möglicherweise will er zeigen, dass er das letzte Wort hat. Trump sucht immer noch nach einem Ausweg aus dem Krieg, den er als Sieg verkaufen kann.
Die Antwort aus dem Iran kam prompt von dem Marine-Kommando der Revolutionsgarden: „Solange die Schiffsbewegungen von und zu iranischen Häfen bedroht sind, gilt der frühere Status der Meerenge von Hormus.“ Sprich: Die Meerenge ist wieder von Seiten des Iran geschlossen. Entsprechend groß war die Verwirrung für die Schifffahrt selbst. Ein Dutzend Schiffe hatte sich schon auf den Weg gemacht. Ein Teil kam durch, ein anderer drehte um, zwei Schiffe wurden von der iranischen Seite beschossen.
Was das Bild, dass sich gegenwärtig fast stündlich verändert, zeigt, ist, dass wir uns mitten in einem Prozess des Aushandelns der Bedingungen für weitere Verhandlungen befinden. Das Hormus-Pokerspiel ist in vollem Gang. Der Iran zeigt, dass er weiterhin die Fähigkeit besitzt, die Meerenge von Hormus nach Gutdünken zu öffnen und auch wieder zu schließen. Dem gegenüber steht die US-Blockade für Schiffe von und zu iranischen Häfen und die Frage, ob der Waffenstillstand im Libanon hält.
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