Trainerinnendebüt in Männer-Bundesliga: Ungewöhnlich Alltägliches
Nach dem trubeligen historischen Debüt von Marie-Louise Eta mit dem 1. FC Union Berlin kann sich der Verein befreiter dem Abstiegskampf widmen.
Historische Tage müssen gut dokumentiert werden. So lässt sich eine Frau eine dreiviertel Stunde vor diesem so besonderen Spiel am Samstag an der Alten Försterei von ihrem Partner fotografieren. Die Vorfreude steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie hält vor dem Stadioneingang den Schal mit der Aufschrift „Fußballgöttin“ hoch. Laut Fanshop ein Bestseller in diesen Tagen, preisgünstig vom Verein um 40 Prozent heruntergesetzt. Mit der Einstellung von Marie-Louise Eta als erste Cheftrainerin der Männer-Bundesliga macht sich der 1. FC Union Berlin um die Frauenemanzipation verdient und trägt dies mit einem gewissen Stolz vor sich her.
Nach dem Abpfiff und der 1:2-Niederlage gegen den Tabellenvorletzten VfL Wolfsburg ist das größte Thema bei Union wieder der Abstiegskampf. Der eigentliche Grund, warum der Klub sich für einen Wechsel auf der Trainerposition entschieden hat. Nur als die Wahl auf eine Frau fiel, hat kein Mensch mehr über einen möglichen Abstieg gesprochen. Es ging allein um das Geschlecht derjenigen, die diesen verhindern soll. Eta wurde zu einem internationalen Medienthema, von Belang etwa auch für die New York Times. Die 34-Jährige versucht am Samstag sachlich dagegenzuhalten. Ihr Fazit nach ihrer Premiere: „Am Ende ging es um Fußball. Darauf habe ich mich gefreut, hier heute an der Alten Försterei dieses Bundesligaspiel zu bestreiten.“
Fußballgötter sind Normalos in den Arenen der Männer-Bundesliga. Allein der 1. FC Union Berlin hat aktuell 27 davon. So zu tun, als wären es Fußballgöttinnen auch, dieses Kunststück konnte am Samstag an der Alten Försterei nicht gelingen, auch wenn die lautstarken Union-Fans Eta als solche lauthals begrüßten. Das Problem dabei ist die immens hohe Männerquote allerorten. Unter den 15 Fotografen, die sich um Eta während eines Fernsehinterviews vor der Partie drängen, ist nur eine Frau zu erkennen. Auf der voll besetzten Pressetribüne, welche die Trainerinnen-Premiere in Augenschein nehmen, ist die Überzahl der Männer (36:3) ebenso beträchtlich. Geradezu entrüstet hat der 1. FC Union sich zu rückwärtsgewandten sexistischen Kommentaren auf Social Media geäußert und betont, dass Qualität und Qualifikation allein entscheidend sind. Nicht nur die Geschichte der Fußball-Bundesliga, auch die aktuellen Zahlen erzählen eben etwas anderes.
Derrick Köhn, Union-Profi über Marie-Louise Eta
Aus all dem speist sich die Wucht, die diese Premiere kompliziert macht. Wer allerdings lediglich auf das Geschehen auf dem Rasen an diesem Samstagnachmittag blickt, muss feststellen, dass es ein typisches Neuanfangspiel eines verunsicherten Teams mit neuem Führungspersonal war. Engagiert und dennoch fehlerhaft. Kapitän Christopher Trimmel sprach „von neuer Energie auf dem Platz“. Das sei meistens nach einem Trainerwechsel so, weil sich alle Spieler, auch die bislang unberücksichtigten, neu beweisen wollen. Das Auftreten des Teams sei ein ganz anderes gewesen als zuletzt in Heidenheim. Der „Matchplan“ sei auch ein anderer gewesen. Mitspieler Derrick Köhn präzisierte: „Wir haben versucht, ruhiger zu bleiben in gewissen Momenten, Angriffe besser auszuspielen.“ Zur Arbeit mit der neuen Trainerin sagte er: „Wir fühlen uns sehr, sehr wohl mit ihr.“
Die Gestaltungsmöglichkeiten einer knappen Woche Trainingszeit sind natürlich begrenzt. Dass der gelungene Energietransfer nicht zu einem positiven Ergebnis führte, hatte auch mit dem ungünstigen Spielverlauf zu tun. Der VfL Wolfsburg gelang schon in der 11. Minute mit einem Sonntagsschuss von Patrick Wimmer der Führungstreffer, während Union danach bessere Möglichkeiten nicht nutzen konnte. Die Halbzeitansprache von Eta wurde schon nach wenigen Sekunden ihrer Wirkung beraubt, weil Wolfsburg erneut aus der Distanz erfolgreich war (Dzenan Pejcinovic (46.).
Das jeweils mangelhafte Defensivverhalten in diesen Szenen und die grundsätzliche Harmlosigkeit vor dem gegnerischen Tor wollte Marie-Louise Eta nicht zum Thema machen. „Es bringt nichts, immer darauf herumzureiten und immer wieder darauf hinzuweisen.“
Mit etwas mehr Glück hätte Union die Drangphase nach dem Anschlusstreffer von Oliver Burke (85.) zumindest zu einem Punktgewinn führen können. Eta sagte: „Ich bin extrem überzeugt, wenn wir mit der Art und Weise einfach weiterspielen, weitermachen, weiter daran glauben, dann wird auch das Ergebnis ein anderes sein.“ Streng sachbezogen und sehr freundlich war Marie-Louise Eta an diesem Tag all dem Trubel um ihre Person begegnet. Und sie formulierte Sätze, die man in der Geschichte der Abstiegskämpfe in der Männer-Bundesliga schon häufig gehört hat – nur waren sie dieses Mal eben erstmals von einer Frau ausgesprochen worden. Ein Gefühl der allgemeinen Erschöpfung machte sich am Ende dieses besonderen Tages breit. Gut, dass das nun endlich auch geschafft ist.
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