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Social-Media-Propaganda bei Jugendlichen„Sogar über Sex wird offen geredet“

Islamisten werben auf Social Media verstärkt um Jugendliche. Warum und wie das funktioniert, erklärt die Berliner Bildungsexpertin Canan Korucu.

Auf Tiktok hat der Berliner Salafistenprediger Abul Baraa über 100.000 Follower, auf Instagram knapp 58.000 Foto: Hanno Bode/imago
Susanne Memarnia

Interview von

Susanne Memarnia

taz: Frau Korucu, eine Erkenntnis des kürzlich erschienenen ersten Islamismus-Monitors der Berliner Verwaltung ist, dass sich islamistische Propaganda zunehmend an Kinder und Jugendliche richtet, und zwar über Social Media. Teilen Sie die Beobachtung?

Canan Korucu: Ja, das tue ich. Aber bevor ich auf Einzelheiten eingehe, möchte ich kurz einen Schritt zurück machen. Es gibt allgemein einen deutlichen Anstieg von extremistischen Inhalten auf Social Media – und das betrifft nicht nur islamistische, sondern genauso rechtsextremistische, rassistische, antisemitische oder sexistische. Nach einer Studie vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest sagten 42 Prozent der befragten jungen Menschen zwischen 12 und 19 Jahren im Jahr 2023, dass ihnen im letzten Monat extreme politische Ansichten auf Social Media begegnet seien. Zwei Jahre später waren das bereits 59 Prozent! Das betrifft alle möglichen Extremismen, aber auch Themen wie Fake News, Beleidigungen, Kommentare, Verschwörungstheorien, Hate Speech.

Bild: Christian Kautz
Im Interview: Canan Korucu

ist Co-Geschäftsführerin von ufuq.de, einem Verein, der sich vor allem um unaufgeregte Auseinandersetzungen rund um die Themen Islam, antimuslimischer Rassismus und Islamismusprävention bemüht. ufuq.de richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene sowie an Einrichtungen, Fachkräfte und Multiplikator*innen, die mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeiten. Korucu studierte Erziehungswissenschaften und Gender Studies in Berlin. Zu ihren aktuellen Arbeitsschwerpunkten zählen Antifeminismus, geschlechterreflektierte Bildungsarbeit sowie Prävention islamistischer Einstellungen auf Social-Media.

taz: Wie läuft das beim Thema Islamismus?

Korucu: Es sind zumeist lebensweltorientierte, sehr emotionsgeladene Videos, in denen es um einfache Antworten auf eigentlich komplexe Fragen geht und genau das macht sie so anschlussfähig. Wenn wir uns die salafistischen Influencer oder Akteure vornehmen, dann geht es um Fragen wie: Wie faste ich richtig? Welche Taten werden von Gott besonders belohnt? Darf ich auf den Weihnachtsmarkt gehen? Darf ich Geburtstag feiern? Darf ich wählen gehen? Darf ich Pornos schauen, mir die Fingernägel lackieren? Seit dem 7. Oktober geht es auch viel um Gaza. Es werden Bilder gezeigt von Kindern in Trümmern und zerstörten Straßenzügen zum Beispiel. Die Menschen in Gaza werden als Symbol für die Unterdrückung von allen Muslimen weltweit genutzt. Durch die schockierenden Bilder wird eine gezielte Emotionalisierung versucht und dieses islamistische Narrativ vom „Krieg gegen den Islam, gegen die Muslime“ erzählt.

taz: Die Adressaten sind also vor allem muslimische Jugendliche?

Korucu: Vor allem, aber nicht nur. Es gibt ja auch Jugendliche, die sich für den Islam interessieren oder die einfach ein bisschen provozieren wollen. Islamistische Akteure freuen sich über jeden Klick, über jede Person, die Fragen stellt oder auf die Videos reagiert. Es gibt auch welche, die gezielt Konversionen anbieten. Dementsprechend sind die Videos aufgebaut: Wir zeigen euch, wie der Islam ist, wie er richtig gelebt, richtig praktiziert werden soll. Kommt zu uns. Wir sind eine Gemeinschaft. Wir sind Brüder und Schwestern. Hier hast du Halt. Hier findest du Orientierung.

taz: Exemplarisch nennt der Monitor zwei Berliner Influencer oder Prediger namens Abul Baraa und Amir al-Kinani. Was ist deren Masche?

Korucu: Es ist tatsächlich erstaunlich, dass sie so gehyped werden, auch von jungen Menschen, denn eigentlich wirken sie auf den ersten Blick wie „alte Männer“. Manche sehen in ihnen vermutlich eine Art großen Bruder oder Vaterfigur, für andere haben sie wohl auch hohe Credibility, weil sie wie Gelehrte auftreten. Dann verbinden sie ihre Auftritte oft mit Humor, das machen sie tatsächlich ganz gut. Die Videos sind oft wie Gespräche, in denen der Influencer auf Fragen eingeht – und es geht eben um die Lebenswelt der Jugendlichen. Sogar über Sex wird offen geredet!

taz: Welche Jugendlichen spricht so was an?

Korucu: Es ist schwer, nur einen Grund für die Hinwendung zu islamistischen oder extremistischen Akteuren ausfindig zu machen. Das Elternhaus kann eine Rolle spielen, aber oft ist es so, dass die Eltern gar nicht islamistisch sind – manchmal sogar im Gegenteil, eher kritisch. Auf jeden Fall ist unsere Erfahrung, dass diese jungen Menschen auf der Suche nach Orientierung und Sinnstiftung sind.

taz: Aber das war immer schon so. Was hat sich geändert?

Korucu: Social Media und die Logiken der Plattformen. Wenn Jugendliche im Netz Antworten auf ihre Fragen suchen, landen sie sehr schnell bei den salafistischen Akteuren, weil die sehr viele Videos produzieren – wirklich sehr, sehr viele. Und der Algorithmus zeigt emotionalisierte Videos sehr viel häufiger. Dazu kommt die Weltlage: die ganzen Krisen, Kriege, damit verbundene Unsicherheiten. Auch Ausgrenzungserfahrungen, Rassismuserfahrungen spielen eine Rolle. Es gibt dazu insgesamt eine Zunahme an traditionellen Vorstellungen über Geschlechterrollen und das nicht nur bei muslimisch sozialisierten Jugendlichen.

taz: Ach ja?

Korucu: Das zeigen auch die Ergebnisse der Mitte-Studien. Danach hat ein Drittel der Bevölkerung ein geschlossenes sexistisches Weltbild und die Queerfeindlichkeit nimmt zu. Das heißt, wir haben gesamtgesellschaftlich gesehen einen Zuwachs an extremistischen Gedanken, an sexistischen, queerfeindlichen, rassistischen, antisemitischen Weltbildern. Warum sollte es bei den Jugendlichen anders sein?

Berliner Islamismus-Monitor

Die Gefahren für Kinder und Jugendliche durch islamistische Inhalte im Internet wachsen. „Salafistische und jihadistische Online-Propaganda richtet sich zunehmend gezielt an Kinder und Jugendliche“, heißt es im kürzlich veröffentlichten ersten Islamismus-Monitor der Berliner Senatsinnenverwaltung für die vergangenen beiden Jahre. In dieser Zeit sei es „zu einem massiven Anstieg“ bei der Verbreitung extremistischer Inhalte über Social Media gekommen, oft auch im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt und entsprechender Propaganda.

Im Bereich der politisch motivierten Kriminalität und religiösen Ideologie hat die Polizei laut Kriminalitätsstatistik 2025 einen weiteren Anstieg auf 532 Fälle erfasst (2024: 477 Fälle; 2023: 210 Fälle). Die Gewaltdelikte sanken dagegen im vergangenen Jahr auf 16 Fälle (2024:19; 2023: 24). Terrorismusdelikte stiegen von neun Fällen im Jahr 2024 auf 21 Fälle im vergangenen Jahr. (dpa, epd)

taz: Was ist also zu tun? Social Media-Verbot für Jugendliche?

Korucu: Man muss mehrgleisig fahren. Ein Verbot allein reicht nicht, obwohl ich das für ein bestimmtes Alter, sagen wir bis 12 Jahre, sinnvoll fände. So lauten beispielsweise die Empfehlungen von Landesmedienanstalten zur Nutzung von Smartphones. Man könnte die Social-Media-Nutzung noch mal abstufen, je nach Plattform.

taz: Welche Altersgrenze für welche Plattform – und warum der Unterschied?

Korucu: Plattformen mit stark algorithmisierten Kurzvideos wie Tiktok, Instagram-Reels oder Youtube-Shorts halte ich für besonders problematisch, weil Inhalte dort extrem schnell und emotionalisiert ausgespielt werden. Da würde ich eher eine Altersgrenze von 14 Jahren sehen. Ab 12 würde ich eher an Messenger wie Whatsapp oder Signal denken, wobei auch da Risiken bestehen, etwa durch Gruppenchats oder weitergeleitete Inhalte.

taz: Was sollte noch passieren?

Korucu: Es braucht mehr Medienkompetenz, nicht nur von SchülerInnen und Jugendlichen, sondern auch von Eltern, Erwachsenen – und auch in Bezug auf KI. Mit welchen Daten werden KIs trainiert, woher stammen diese Daten? Wem gehören die Plattformen, welche Interessen stecken dahinter? Wessen Wissen wird sichtbar, wessen Perspektiven fehlen? Die jungen Menschen müssen auch lernen, Deepfakes zu erkennen und einzuordnen. Gefördert werden muss auch die Freude am Diskutieren, am Widerspruch, an der Uneindeutigkeit. Und die Jugendlichen brauchen ein Gefühl von Zugehörigkeit zu dieser pluralistischen Gesellschaft.

Ohne Vertrauen nehmen die Kinder nichts an, sie öffnen sich nicht und sprechen bestimmte Themen gar nicht an

taz: Wo sollen sie all das bekommen? In der Schule?

Korucu: Ja, natürlich. Aber für all das ist oft keine Zeit im schulischen Alltag. Dabei ist es wichtig, dass Störungen Vorrang haben, dass man sie aufgreift und nicht einfach sagt, ich muss ja heute mein Curriculum abarbeiten. Beispielsweise als im Februar 2023 das Erdbeben in der Türkei und in Syrien war, als Zehntausende Menschen gestorben sind. Da wäre es wichtig gewesen, wenn man Schü­le­r*in­nen aus diesen Ländern in der Klasse hat, einfach mal zu fragen: Wie geht es euch so? Dann fühlen sie sich gesehen.

taz: Was bringt das?

Korucu: Wir sagen immer bei unseren Fortbildungen „Bindung kommt vor Bildung“: Wenn die pädagogischen Fachkräfte mit ihren Schü­le­r*in­nen keine Bindung aufbauen, können sie auch kein Wissen vermitteln. Ohne Vertrauen nehmen die Schü­le­r*in­nen nichts an, sie öffnen sich nicht und sprechen bestimmte Themen gar nicht an. Aber wenn diese Bindung da ist und wenn dann die Jugendlichen etwas Verstörendes sagen, zum Beispiel „Scharia geht über Grundgesetz“, ist es ganz wichtig, nicht zu moralisieren, sondern den Raum zu öffnen und Fragen zu stellen. Man muss in den Dialog gehen, auch um korrigieren zu können. In dem Moment, wo ein Raum geöffnet wird und dialogisch gesprochen wird, kommen auch die Stimmen von den anderen jungen Menschen in der Klasse dazu. Auch dadurch entstehen wichtige Impulse für diese Jugendlichen.

taz: Was müsste sich also ändern? Das Land Berlin hat ja ein ganzes Förderprogramm mit verschiedensten Präventionsangeboten gegen Radikalisierung. Aber reicht das?

Korucu: Berlin ist da wirklich sehr gut aufgestellt. Es gibt sehr viele gute Projekte, das Förderprogramm finanziert wichtige Angebote, das ist wirklich Gold wert. Gerade vor dem Hintergrund der geplanten Neuausrichtung des Förderprogramms „Demokratie leben!“ auf Bundesebene ist das wichtig. Gleichzeitig haben sich viele Konflikte in den vergangenen Jahren weiter verschärft, sowohl durch internationale Ereignisse wie den Terroranschlag vom 7. Oktober 2023 als auch durch innergesellschaftliche rassistische Diskurse wie die zum Stadtbild oder zur sexualisierten Gewalt. Solche Diskurse verstärken das Gefühl, nicht richtig zu sein oder nicht dazuzugehören. Einzelne Träger können diese gesellschaftlichen Dynamiken nicht alleine auffangen oder gar lösen.

taz: Was braucht es also?

Korucu: Es braucht einfach mehr Zeit und mehr Personal, sowohl in der Schule, als auch in anderen Regelstrukturen. Lehrkräfte brauchen Zeit, auf die verschiedenen sozialen Lagen und Herausforderungen reagieren zu können. Es braucht mehr Personal und längere Öffnungszeiten in den Regelstrukturen, mehr Orte für Jugendliche. Es braucht insgesamt eine Struktur, vielleicht auch eine Änderung des Bildungssystems, wenn wir ganz groß denken wollen, in dem junge Menschen in ihren Bedürfnissen und auch „Eigenheiten“ wirklich wahrgenommen werden und Anerkennung erfahren. Wo auch ihre Zukunftsperspektiven und -ängste eine Rolle spielen, sei es Klimakrise, unsichere Rente, Zugehörigkeit oder Wehrpflicht.

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