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Spaniens SozialdemokratieDie Zukunft gehört den Mutigen

Reiner Wandler

Kommentar von

Reiner Wandler

Spaniens Ministerpräsident Sánchez ist auch deshalb so erfolgreich, weil er sich traut, Sozialdemokrat zu sein. Deutschlands SPD kann viel lernen.

Der Spanier Pedro Sánchez ist unter Europas Linken längst ein Star geworden Foto: reuters

D er Erfolg von Ministerpräsident Pedro Sánchez spricht für sich: Die Zukunft gehört den Mutigen. Denen, die sich nichts trauen, gehört sie ganz sicher nicht. Der spanische Sozialdemokrat steht für seine Überzeugungen ein. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die Kriegsführung Israels in Gaza zu verurteilen.

Er stellt sich US-Präsident Donald Trump beim Irankrieg entgegen, unterbindet – anders als die Bundesregierung – die Nutzung der US-amerikanischen Basen für den illegalen Angriffskrieg. Und er war der Einzige, der Trump abblitzen ließ, als dieser die unmäßige Erhöhung des Verteidigungshaushalts von den Europäern forderte.

Stattdessen macht Sánchez – der sich dennoch der Verteidigung der Union verpflichtet fühlt und Truppen im Baltikum oder im südlichen Mittelmeer unterhält – Sozialpolitik. Der Mindestlohn stieg in seiner Regierungszeit um 66 Prozent, die Renten legen ebenfalls zu. Er kontrollierte den Strompreis zu Beginn des Ukrainekrieges, und jetzt, in der von Trump ausgelösten Erdölkrise, schnürt seine Linkskoalition ein Paket, das den wichtigsten Branchen und auch den einfachen Haushalten hilft.

Außerdem traut er sich an ein Problem, das allen reichen Ländern gemein ist: Einwanderer ohne Papiere. Während überall in der EU auch die Sozialdemokratie nicht davor zurückschreckt, von härterem Vorgehen gegen Immigranten zu reden. „Nicht nur durchhalten, sondern Lösungen vorschlagen“, nennt er diese Politik, die er ganz bewusst in den Rahmen des Kampfes gegen den Aufstieg der extremen Rechten stellt.

Mit dem Treffen der fortschrittlichen Kräfte in Barcelona stößt Sánchez, der längst eine Art Galionsfigur der europäischen Linken ist, eine Bewegung an, die das Zeug hat, die Resignation angesichts des Aufschwungs der großen und kleinen Trumps dieser Welt zu brechen. Die Rechte gewinnt nicht, weil sie es besser macht, sondern weil sie erreicht hat, dass das fortschrittliche Lager ideen- und regungslos auf das starrt, was da geschieht.

Die deutsche Sozialdemokratie kann von Sánchez nur lernen.

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Reiner Wandler
Auslandskorrespondent Spanien
Reiner Wandler wurde 1963 in Haueneberstein, einem Dorf, das heute zum "heilen Weltstädtchen" Baden-Baden gehört, geboren. Dort machte er während der Gymnasialzeit seine ersten Gehversuche im Journalismus als Redakteur einer alternativen Stadtzeitung, sowie als freier Autor verschiedener alternativen Publikationen. Nach dem Abitur zog es ihn in eine rauere aber auch ehrlichere Stadt, nach Mannheim. Hier machte er eine Lehre als Maschinenschlosser, bevor er ein Studium in Spanisch und Politikwissenschaften aufnahm. 1992 kam er mit einem Stipendium nach Madrid. Ein halbes Jahr später schickte er seinen ersten Korrespondentenbericht nach Berlin. 1996 weitete sich das Berichtsgebiet auf die Länder Nordafrikas sowie Richtung Portugal aus.
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1 Kommentar

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  • "Die Rechte gewinnt nicht, weil sie es besser macht, sondern weil sie erreicht hat, dass das fortschrittliche Lager ideen- und regungslos auf das starrt, was da geschieht."



    Beziehungsweise weil sie erreicht hat, dass fast alle Parteien ihre Themen übernehmen: Migration, Arme bekämpfen, Entsolidarisierung...

    Gerade eben lese ich die Schlagzeile: Söder über Warkens Reform



    „Nicht gerecht, dass normale Beitragszahler Krankenkosten für Bürgergeldempfänger finanzieren“

    Söder weiß was gerecht ist? Sicher nicht. Aber ist die deutsche Sozialdemokratie nicht inzwischen genauso?