Energiekrise: Wie sicher ist der Flug in den Sommerurlaub?
Der Krieg der USA und Israels gegen Iran hat die Preise für Kraftstoffe in die Höhe getrieben – auch im Luftverkehr. Was das für Flugreisen bedeutet.
Für Katherina Reiche steht fest: Deutschland hat erst mal genug Treibstoff. Genug Benzin und Diesel für den Straßenverkehr, genug Kerosin für die Luftfahrt. „Ich bleibe bei meiner Aussage, dass die Versorgungssicherheit in Deutschland gewährleistet ist“, sagte die CDU-Politikerin am Montag im Interview mit dem Deutschlandfunk. Damit trotzt Bundeswirtschaftsministerin Reiche weiter den Warnungen vor schwindenden Kerosinvorräten, die die Internationale Energieagentur (IEA) in der vergangenen Woche ausgesprochen hatte.
IEA-Chef Fatih Birol hatte gemahnt, dass Kerosin, der Kraftstoff für Flugzeuge, in Europa schon in etwa sechs Wochen knapp werden könnte. Dann könne es sein, dass Fluggesellschaften einige ihrer Flüge streichen müssen. Nach Beginn des Krieges zwischen den USA, Israel und dem iranischen Regime hatte Iran die Straße von Hormus, einen wichtigen Seeweg, praktisch blockiert.
Öllieferungen blieben teilweise aus – rund ein Fünftel des weltweit geförderten Rohöls wird normalerweise durch die Meerenge am Persischen Golf transportiert. Später ließ Iran zwar wieder einige Schiffe gegen Gebühr passieren. Vor gut einer Woche verkündete US-Präsident Donald Trump dann, dass die USA die Straße von Hormus ihrerseits blockieren würden. Die Kraftstoffpreise sind inzwischen deutlich höher als vor Beginn des Krieges – sowohl in der Luftfahrt als auch im Straßenverkehr.
Die Blockade werde sich besonders in asiatischen Ländern wie Japan, Pakistan und Südkorea bemerkbar machen, fürchtet Birol – Staaten, die ihr Öl zu großen Teilen aus der Kriegsregion im Nahen Osten beziehen. Doch auch in Europa und in den USA drohe Kerosinmangel. Was ist dran an den Befürchtungen?
Merz will nationalen Sicherheitsrat einberufen
Reiches Koalitionspartner und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) sagte, die Warnungen müssten ernst genommen werden. Reiche selbst unterstreicht hingegen die Bedeutung heimischer Raffinerien: Die stellten Kerosin in Deutschland selbst her. Erdöl komme aus Ländern wie Kasachstan, Norwegen und USA. Wie die Ölimporte und die hiesige Produktion des Flugkraftstoffs sichergestellt werden können, besprach die Wirtschaftsministerin am Montag mit Vertreter:innen der Luftfahrtbranche und des Bundesverkehrsministeriums.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) betonte, dass die Versorgung gesichert sei. Dennoch will er „zeitnah“ den nationalen Sicherheitsrat zu Beratungen über die aktuelle Energiekrise einberufen. „Unser Ziel ist dabei klar: Die deutsche Wirtschaft und die Bürger müssen sich darauf verlassen können, dass die Versorgung mit zentralen Produkten wie etwa Diesel, Benzin, Flugbenzin gesichert bleibt“, sagte er bei der Eröffnung der Hannover-Messe am Sonntagabend. Wann „zeitnah“ sei, dazu wollte sich der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer am Montag nicht äußern. Das Gremium tage „grundsätzlich geheim“, so Meyer.
Nur so viel: Die Versorgungssicherheit habe „höchste Priorität“ und gehöre deshalb in dieses Gremium. Und: Bei der Sitzung sollen auch Vertreter der Länder dabei sein, darunter der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies (SPD). Die schwarz-rote Bundesregierung hatte den Nationalen Sicherheitsrat als zentrales Gremium zur Koordinierung der Sicherheitspolitik neu eingeführt, er ist mit einer Stabsstelle im Kanzleramt angesiedelt. Neben Merz und Kanzleramtschef Thorsten Frei gehören ihm die Minister*innen zahlreicher Ressorts an, darunter Finanzen, Innen, Außen und Verteidigung, sowie Wirtschaft und Digitales. Die Chefs der Nachrichtendienste sind als ständige Gäste dabei.
Also alles halb so wild? Carolin Schenuit, geschäftsführende Vorständin des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) sieht das anders: „Wir stehen vor einer echten Öl-Knappheit“, sagte sie der taz. Angesichts teurer werdenden Kerosins streiche etwa die Lufthansa unwirtschaftliche Kurzstreckenflüge, verbrauchsintensive Flugzeugtypen würden eventuell frühzeitig ausgemustert. „In den Vorstandsetagen ist also klar, was derzeit von Seiten der Politik öffentlich noch sehr verhalten kommentiert wird.“
Carolin Schenuit, Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft
Kurzstreckenflüge streichen, Vorrang für Frachtflüge
Politik und Unternehmen müssten die mögliche Knappheit managen, nicht nur im Luftverkehr: „Homeoffice und Videokonferenz anstatt Pendeln und Geschäftsreisen für Meetings, systemrelevante Tätigkeiten und Verbräuche identifizieren, andere begrenzen“, schlägt Schenuit vor. Konkret heiße das zum Beispiel: „Lkw, die Nahrungsmittel ausliefern sind an der Tanksäule objektiv die wichtigeren Verbraucher als Sportwagen für die Spritztour ins Grüne“.
Beim Warentransport entfällt nur ein kleiner Teil der weltweit transportierten Güter auf den Luftverkehr. Weil jedoch oft verderbliche Güter oder solche in Flugzeugen transportiert werden, die besonders sichere Lieferketten erfordern, ist der Wert der Fracht relativ zu anderen Verkehrsmitteln hoch. Frachtverkehr sollte Vorrang haben, sagte deshalb auch der Energiepolitiker Michael Kellner (Bündnis 90/Die Grünen). Innerdeutsche Passagierflüge, Kurzstreckenflüge ins europäische Ausland und Privatjets seien hingegen verzichtbar.
„Die Kerosin-Krise zeigt, wie die neue Normalität aussieht“, ergänzte Mira Kapfinger, Sprecherin der Klimaorganisation Stay Grounded. Der Flugverkehr, einer der anfälligsten Sektoren für globale Schocks, mache deutlich: Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen bedeute Instabilität. „Die Lösung ist einfach: Flüge reduzieren und in Alternativen am Boden investieren“, sagte Kapfinger der taz.
Derweil sind die Kraftstoffvorräte auch in anderen europäischen Ländern Thema. In Österreich etwa hat der Energiekonzern OMV Rohöl aus der staatlichen Notreserve eingekauft – „zu marktüblichen Preisen“, wie das österreichische Wirtschaftsministerium am Montag mitteilte.
Reiche lehnt Übergewinnsteuer ab
Falls auf europäischer Ebene ein Plan zur Aufteilung und gemeinsamen Nutzung von Kerosin-Beständen geschmiedet wird, will sich Spanien aktiv einbringen. Das verkündete die dortige Energie- und Umweltministerin Sara Aagesen Muñoz (parteilos) ebenfalls am Montag. Die EU-Kommission tüftelt gerade einen Notfallplan aus, mit dem Kerosinknappheiten an europäischen Flughäfen vermieden werden sollen.
In Spanien hätten die Raffinerien schon die Kerosinproduktion in die Höhe geschraubt, sagte Aagesen Muñoz. Außerdem sprach sich die Ministerin und Chemieingenieurin nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters für eine sogenannte Übergewinnsteuer aus. Wenn Ölkonzerne Profit aus der Krise schlagen und ihr Produkt zu überhöhten Preisen verkauften, sei es fair, den Profit an die Verbraucher:innen zurückzugeben.
Katherina Reiche hingegen blieb am Montag auch in dieser Hinsicht beharrlich: Sie lehnt eine Übergewinnsteuer für deutsche Firmen weiter ab.
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