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Ex-Präsident Radew siegt in BulgarienDie EU muss sich auf einen schwierigen Partner einstellen

Kommentar von

Barbara Oertel

Ex-Präsident Rumen Radew hat die Parlamentswahlen in Bulgarien klar gewonnen. Er ist für viele der richtige Mann, auch mit seiner demonstrativen Nähe zu Putin.

Rumen Radew mit Un­ter­stüt­ze­r:in­nen im Wahlkampf Foto: Vassil Donev/Matrix Images/imago

C hapeau! Rumen Radew hat bei den Parlamentswahlen am Sonntag in Bulgarien mit seiner Parteienallianz Progressives Bulgarien, die erst wenige Wochen alt ist, regelrecht abgeräumt.

Gründe für den Senkrechtstart des ehemaligen Luftwaffengenerals, der noch bis vor Kurzem Präsident des Balkanstaates war, gibt es viele. Seit jeher sind die Bulgar*innen, ständig auf der Suche nach einem Erlöser, an der Wahlurne auch für unorthodoxe Entscheidungen offen.

Gegen Korruption und Euro-kritisch

Seit 2021 waren sie acht Mal aufgerufen, die Nationalversammlung zu wählen. Entsprechend hoch war wohl auch der Leidensdruck der Menschen, der politischen Dauerkrise ein Ende zu setzen. Dafür scheint Radew offensichtlich der richtige Mann zu sein. Korruption ist in dem ärmsten Staat der EU ein leidiges Dauerthema. Und der ist Radew, anders als der langjährige Regierungschef Bojko Borissow, absolut unverdächtig.

Auch seine Skepsis gegenüber Sofias Beitritt zur Eurozone am 1. Januar 2026, über den er in einem Referendum hatte abstimmen lassen wollen, dürfte viele Wäh­le­r*in­nen abgeholt haben. Nicht erst seit diesem Stichtag spüren die Bul­ga­r*in­nen massive Preisanstiege schmerzhaft in ihren Portemonnaies.

Radews Affinität zu Russlands Präsident Wladimir Putin, die er auch im Wahlkampf unverhohlen und demonstrativ zur Schau stellte, tat ein Übriges. Seine eindeutige Positionierung gegen Militärhilfen für die Ukraine sowie das Mantra, Bulgarien laufe Gefahr, in diesen Krieg hineingezogen zu werden, fielen auf fruchtbaren Boden.

Orbáns Nachfolger?

Und jetzt? Neues Spiel, neues Glück? Abwarten! Zwar stehen die Chancen gut, dass Radew sogar eine absolute Mehrheit erreicht hat. Er könnte jedoch auf einen Koalitionspartner angewiesen sein. Und da wird es dünn. Noch vor den Wahlen hatte er eine Koalition mit dem proeuropäischen liberalen Bündnis Wir setzen die Veränderungen fort – Demokratisches Bulgarien (PP-DB) ausgeschlossen.

Am Sonntagabend hörte sich das schon etwas anders an. Zwar will auch die PP-DB der Korruption zu Leibe rücken. Doch was die Haltung zu Russland und dem Ukrainekrieg angeht, könnten die Positionen unterschiedlicher nicht sein. Wie auch immer die Endergebnisse lauten werden, eins ist schon jetzt klar: Nach der Abwahl des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán muss sich die EU mit Radew jetzt auf einen schwierigen Partner in Sofia einstellen.

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Ressortleiterin Ausland
Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
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