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Amnesty-Bericht zu MenschenrechtenKomplize Deutschland

In seinem Jahresbericht wirft Amnesty International der Bundesregierung Mittäterschaft in einer „globalen Menschenrechtskrise“ vor.

Teilnehmer einer Amnesty International Protestaktion gegen den Krieg im Gazastreifen vor dem Bundeskanzleramt, Mai 2025 Foto: Hannes P Albert/dpa/picture alliance
Christian Jakob

Aus Berlin

Christian Jakob

Der Befund überrascht angesichts der Nachrichtenlage kaum: In den vergangenen Jahren habe „eine Welt Kontur angenommen, in der Macht, Willkür und das Recht des Stärkeren regieren“, heißt es im neuen Jahresbericht von Amnesty International, den die Menschenrechtsorganisation am Montag in Berlin vorstellte.

„Für die allermeisten Menschen bedeutet dies: weniger Sicherheit und mehr Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch.“ Es seien dabei nicht nur die autoritären Regierungen selbst, die Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit abbauen, sagte Julia Duchrow, Amnesty Deutschland Generalsekretärin. Verantwortlich seien auch jene Regierungen, „die Appeasement betreiben, statt dieser Entwicklung eine andere Politik entgegenzusetzen. Dazu gehören die allermeisten EU-Mitgliedstaaten, insbesondere die Bundesregierung“.

Die USA unter Donald Trump nannte Duchrow einen „Brandbeschleuniger“, mit systematischen Angriffen und „offenem Straßenterror durch die paramilitärische Grenzschutztruppe ICE“. Mit völkerrechtswidrigen Angriffen auf Venezuela und Iran sowie den Annexionsdrohungen gegenüber Grönland gebe die US-Regierung „weltweit politischen Kräften Auftrieb, die das Völkerrecht und die Menschenrechte missachten“.

Amnesty kritisierte die Verantwortlichen für die eskalierende Lage in bewaffneten Konflikten, in denen Millionen Menschen von Gewalt und Völkermord bedroht sind.

In Sudan ereigne sich eine der größten Krisen der Welt, sagte Duchrow. Die Miliz Rapid Support Forces hätten in der Stadt al-Fashir, der Hauptstadt der Provinz Darfur, Massaker verübt und massenhaft sexualisierte Gewalt eingesetzt.

Verschärfung durch die Macht der Tech-Konzerne

„In Gaza geht der Genozid Israels auch nach dem Waffenstillstand von Oktober 2025 weiter“, so Duchrow. Israel weigere sich bis heute, Hilfe in das Gebiet zu lassen und vertreibe weiter große Teile der Zivilbevölkerung. Sie forderte eine Aussetzung des EU-Assoziierungsabkommens mit Israel. Russland greife in der Ukraine weiter zivile Infrastruktur an und verübe schwere Menschenrechtsverletzungen.

Der Angriff der USA und Israels auf Iran verletzte die UN-Charta und habe „verheerende Folgen für die ganze Region“. Die Bewohner des Landes seien derzeit doppelt bedroht: Von außen durch den „völkerrechtswidrigen Krieg der USA und Israels, der das Leben der Zivilbevölkerung eklatant missachtet“. Von innen seien die Menschen durch die „blutigste Niederschlagung von Protest seit Jahrzehnten, willkürliche Inhaftierungen und die steigende Zahl von Hinrichtungen“ gefährdet. Im vergangenen Jahr gab es die höchste Zahl an Hinrichtungen in der Islamischen Republik seit 1989.

Insgesamt legten mächtige Staaten so die „Axt an die Regeln und Institutionen, die zum Schutz der Menschenrechte geschaffen wurden“, sagt Duchrow. Verschärft werde all dies durch die Wirtschaftsmacht der großen Tech-Konzerne wie Palantir. Diese seien der „verlängerte Arm der US-Regierung und umgekehrt“.

Die Rechte von Flüchtlingen geraten laut Amnesty auch in der EU immer stärker unter Druck. Das neue EU-Asylsystem GEAS habe dies verschärft, gleichzeitig würden menschenrechtswidrige Abschiebezentren, die sogenannten Return Hubs in Drittstaaten, vorangetrieben. Die Kooperation mit autoritären Regimen zur Migrationsabwehr nannte Duchrow „geschichtsvergessen“. Deutschland habe mit der Abschiebung von 83 Menschen nach Afghanistan und einer Person nach Syrien gegen den Grundsatz der Nicht-Zurückweisung verstoßen.

In Deutschland sei die „Meinungsfreiheit stark unter Druck“, vor allem im Zusammenhang mit Palästinaprotesten. Duchrow kritisierte, dass wichtige Projekte der Demokratieförderung durch geplante Streichungen vor dem Aus stehen. Vor allem aber schweige die Bundesregierung „viel zu oft, wo Gegenwehr nötig wäre“, etwa mit Blick auf den Irankrieg.

Sanktionen gegen ICC-Richter:innen „wie Gift“

Wenn Deutschland nicht für die Menschenrechte einstehe und die Verletzungen beim Namen nenne, werde es Komplize. Die Bundesregierung müsse Gerichtsentscheidungen auch dann umsetzen, wenn sie ihr nicht gefielen, etwa das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts zur Zurückweisung von Mi­gran­t:in­nen an den deutschen Grenzen. Das Bundesinnenministerium setzt das im Juni 2025 ergangene Urteil derzeit nur für die Klagenden um, hält bis zur höchstinstanzlichen Klärung aber an der Praxis der Zurückweisungen fest.

Die Sanktionen der US-Regierung gegen elf Rich­te­r:in­nen des Internationalen Strafgerichtshofes ICC „wirken wie Gift“, sagte Duchrow, die Betroffenen und sogar ihre Angehörigen seien von grundlegenden Dienstleistungen ausgeschlossen.

Duchrow warf der Bundesregierung vor, die Strafmaßnahmen gegen die ICC-Richter:innen faktisch zu stützen. Denn die EU könnte in diesem Fall ihre sogenannte Blockierungsverordnung aktivieren. Dieses Rechtsinstrument der Europäischen Union kann EU-Bürger:innen vor extraterritorialer Sanktionen von Drittstaaten, etwa der USA, schützen. Sie hebt deren Wirkung auf und ermöglicht Schadensersatz für entstandene Verluste. Deutschland müsse im Fall der ICC-Richter:innen „treibende Kraft“ bei der Anwendung des Instruments werden, sei es aber nicht, sagte Duchrow.

Der aus den Philippinen stammende Menschenrechtsanwalt Joel Ruiz Butuyan erinnerte daran, wie wichtig der ICC angesichts der globalen Menschenrechtslage ist. In seiner Heimat habe der Terror in der von 2016 bis 2022 dauernden Amtszeit von Ex-Präsident Rodrigo Duterte rund 300.000 Menschen getroffen. „Weit überwiegend waren es die Ärmsten der Armen“, sagte Butuyan. Duterte habe sich selbst mit Hitler verglichen und mit der Ermordung von Millionen Dro­gen­kon­su­men­t:in­nen gedroht.

Duterte wurde vor dem ICC unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Für Mittwoch, den 22. April, wird in Den Haag ein Urteil erwartet. Das sei „von monumentaler Bedeutung“, sagte Butuyan. „Der ICC zeigt, dass das Völkerrecht kein Papiertiger ist und niemand über dem Recht steht. Deshalb muss die internationale Gemeinschaft den ICC vor Angriffen durch die USA, Russland und andere verteidigen.“

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18 Kommentare

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  • etwa das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts zur Zurückweisung von Mi­gran­t:in­nen an den deutschen Grenzen.

    Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

    Art 16a



    (1) Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.



    (2) Auf Absatz 1 kann sich nicht berufen, wer aus einem Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaften oder aus einem anderen Drittstaat einreist,....

    Tja, damit sind ALLE Zurückweisungen vom GG gedeckt.

  • Die USA betreiben seit Jahrzehnten offen ihr Foltergefängnis in Guantanamo. Von den "geheimen" Foltergefängnisse der USA auf der ganzen Erde wurden auch schon etliche bekannt. Daß AI jetzt autoritären Tendenzen in den USA bemerkt hat schon etwas kafkaeskes an sich.

  • Oh, AI hat also den durch Israel angeblich verübten Genozid jetzt festgestellt. Dies muss eine wahrlich mächtige Organisation sein, wenn sie über internationale Gerichte steht. Oder ist sie einfach nur latent antisemitisch.

    • @Puky:

      Internationale Gerichte besitzen nicht das Monopol in Fragen der Beurteilung eines Genozids sondern entscheiden in erster Linie über das Strafmaß und Schadensersatzansprüche.

      Auch der UN Menschenrechtsrat kann eine derartige Beurteilung fällen. Die Untersuchungskommission des UN Menschenrechtsrat hat in einem Bericht von September 2025 festgestellt, dass vier der fünf in der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948 erwähnten Tatbestände erfüllt seien und damit Israel offiziell attestiert, das es einen Genozid in Gaza begeht.

      Dieser Beschluss hat Bestand, nur rechtliche Ansprüche lassen sich daraus nicht ableiten. Das ist der einzige Unterschied.

      • @Sam Spade:

        Ja, aber es ist juristisch nicht festgestellt, dass Israel einen Genozid begangen hat. Und diese Feststellung wird auch nicht von einer Kommission getroffen.

    • @Puky:

      klingt – bis in die details der formulierung hinein - nach einer wilden verschwörungstheorie. das geraune von "mächtigen organisationen" mit "latenten" eigenschaften – das kommt einem doch irgendwoher schon bekannt vor

  • "Verantwortlich seien auch jene Regierungen, „die Appeasement betreiben, statt dieser Entwicklung eine andere Politik entgegenzusetzen. Dazu gehören die allermeisten EU-Mitgliedstaaten, insbesondere die Bundesregierung“."

    Diese Aussage ist komplett falsch und vollständig zurück zu weisen. Die Zuständigkeit dessen, was in anderen Ländern passiert, liegt bei den jeweils anderen Ländern. Deutschland ist in keiner wie auch immer gearteten Garantenstellung, selbst für Situationen wie im Sudan nicht.

    Dies gilt uneingeschränkt auch für den Irankrieg.

    • @DiMa:

      Die Souveränität der Staaten beinhaltet auch eine Verantwortung der Staaten das diese ihren Verpflichtungen aus völkerrechtlichen Vereinbarungen nachkommen. Dazu gehört auch der R2P. Der Menschenrechtsschutz wie in der UN Millenniumsdeklaration vom Oktober 2005 aufgeführt regelt die Vorbeugung von und das Vorgehen bei schweren Menschenrechtsverletzungen. Bedeutet in der Praxis nichts anderes, als das Staaten die ihrer Schutzverantwortung nicht nachkommen ihr Recht auf Nichteinmischung in ihre inneren Angelegenheiten verwirken.

      Gilt für die Menschenrechtsverletzungen im Iran, Sudan, Gaza und Westjordanland.

      Und gerade Deutschland hat etliche internationale Verträge zum Schutz der Menschenrechte unterzeichnet. Beinhaltet auch die Pflicht zur Intervention bei Verstößen.

      Einst war das Aufgabe der UN, deren Beschlussfähigkeit entbindet die EU und deren Mitgliedstaaten jedoch nicht von der Pflicht Verstöße zu ahnden. Ein probates Mittel sind Sanktionen. Kein probates Mittel hingegen Waffenlieferungen. Gilt für Israel wie für die arabischen Unterstützer im Sudankonflikt. Was Deutschland betrifft hat AI in diesem Fall das richtige Fazit gezogen, das die Regierung Beihilfe leistet.

      • @Sam Spade:

        Also müssen wir diese Verträge kündigen um nicht mehr in die Verantwortung gezogen zu werden?

    • @DiMa:

      deutschland ist israels zweitgrößter waffenlieferant

      • @Pflasterstrand:

        Wenn ich mit einem Waffenschein ganz legal bei einem Händler ein Jagdgewehr kaufe, und damit absichtlich 10 Menschen töte, ist da der Händler mitschuldig.

        Und Deutschland liefert auch Waffen in die Ukraine, ist Deutschland jetzt mitschuldig weil damit russische Soldaten getötet werden

      • @Pflasterstrand:

        Und der ganz überwiegende Teil sind Korvetten und U-Boote, also so what.

        Im Übrigen hat das Bundesverfassungsgericht erst im Februar diesen Jahres zur Frage der Lieferungen an Israel Stellung genommen.

        Es gibt keine Garantenstellung.

        • @DiMa:

          Das BVerfG hat die Verfassungsbeschwerde nicht angenommen, das wars auch schon.

          Es ist im übrigen nicht die letzte Instanz, wenn es um das humanitäre Völkerrecht geht und dieses ist in der Frage recht eindeutig.

          Kurzfassung: Rüstungsexporte, die völkerrechtswidrige Angriffe auf die Zivilbevölkerung in Gaza ermöglichen, sind selbst völkerrechtswidrig.

          Deutschland liefert u.a. Getriebe und Motoren für den Kampfpanzer Merkava Mark 4 und den Schützenpanzer Namer. Hergestellt u.a. von MTU Friedrichshafen und der Renk Group in Augsburg. Beide Panzertypen kamen im Gaza Konflikt zum Einsatz.

          Dazu liefert Deutschland auch Luftfahrzeugausrüstungen für Kampfflugzeuge die auch Waffenteile und Munition enthalten.

          Auch Panzerfäuste und Schusswaffen werden geliefert.

          Das sind alles Kriegswaffen deren Export ein Verstoß gegen den internationalen Waffenhandelsvertrag darstellt.

          Die von ihnen angeführten U Boote dienen übrigens auch als Abschussrampen für Raketen auf Gaza und fallen somit rechtlich nicht unter Rüstungsgüter sondern unter Kriegswaffen.

          Vielleicht verstehen sie jetzt, warum das BVerfG dieses "heiße Eisen" umschifft hat, indem es die Klage des Palästinensers nicht annahm

  • Ich sehe den ICC etwas kritisch, was seine befugnisse angeht.



    Er will sich herausnehmen über alle Menschen zu entscheiden, selbst über Menschen aus Ländern die ihn nicht anerkennen.



    Und Ai hat natürlich leicht reden, sie müssen sich ja weder um die Menschen, deren Integration noch um die finanzierung kümmern, da kann man immer große Töne von sich geben.



    Das sich von deren Seite über das Wohl von schweren Straftätern gesorgt wird sag schon alles. Deren Opfer sind diesen Organisationen egal.

  • Diese Regierung ist die wohl rückgratloseste und charakterlich abstoßendste, die wir in der BRD je hatten. Allen voran Mr. Mittelschicht-Stadtbild-solange-es-nicht-Kinder-betrifft-usw.-usf. Das sage ich mit Bedacht und mit Blick auf all das, was ihre Hauptvollstrecker schon seit Jahren, teils Jahrzehnten tun und von sich geben.

  • Ich habe mal nach der Genozidaussage aktiv das Lesesn beendet. Meine jährliche Spende für Amnesty wird gekündigt.

    • @Andi S:

      Wieviel war es denn? Ich würde meinen Beitrag entsprechend erhöhen.



      Ob man es jetzt Genozid nennt, oder "nur" Kriegsverbrechen und andauernde Verstöße gegen das Völkerrecht, Deutschland macht sich tagtäglich mitschuldig daran.

    • @Andi S:

      Warum? man muß diese auffassung ja nicht teilen, man kann auch anderer auffassung sein. aber es zeugt schon von einer gewissen bubble-existenz, derartige boykott-reflexe an den tag zu legen und in eine fast schon frühkindliche verweigerungshaltung wegzukippen, wenn die auffassung vertreten wird, dass das, was die faschistische regierung israels im gaza und westjordanland veranstaltet, die tatbestandsmerkmale eines genozids erfüllt. für einen blick über den tellerrand (exemplarisch): www.nytimes.com/20...hilippe-sands.html