Eklat um Theaterprojekt in Sachsen: Pornografische Bilder im Bastelmaterial
Ein abgebrochenes Schulprojekt in Sachsen hat ein Nachspiel im Bundestag. Die AfD wettert gegen „Gender-Projekte“ und politische Bildung.
Dass der Bundestag sich mit Schul-Projektwochen beschäftigt, ist eher selten. Diese Woche aber könnte genau das passieren. Die AfD hat eine aktuelle Stunde beantragt, um sich über einen „Porno-Skandal“ zu empören. Die extrem rechte Partei zeigt wieder einmal, dass Bildung für sie vor allem ein Kampfplatz ist.
Anlass der Aufregung ist ein Theaterprojekt im März in der 9. Klasse der Oberschule im sächsischen Ort Schleife. Dort hatten Schüler:innen plötzlich ein Heft mit Fotos von nackten Personen und sexuellen Darstellungen vor sich, ausgeteilt von der Projektleitung. Schulleiter Jan Rehor intervenierte, die Projektwoche wurde abgebrochen. Doch erledigt ist das Thema damit nicht.
Das Projekt an der Schule im sächsischen Landkreis Görlitz sollte sich dem Thema Mut widmen. Die beiden Leitenden kamen extern vom Berliner Landesverband der Falken, der sozialistischen Jugend, an die Schule in Schleife. Wie Schulleiter Rehor dem MDR berichtete, sollte es in der Woche um „Mut- und Hoffnungslosigkeit unter Jugendlichen angesichts aktueller Krisen gehen“.
Ähnlich beschreibt das auch der Landesverband der Falken in einem mittlerweile veröffentlichten Statement. Zu Beginn der Projektwoche hätten die Schüler:innen eine gemeinsame Collage basteln sollen. Dafür hätten die beiden Projektleitenden stapelweise Magazine und Hefte zur Verfügung gestellt, aus denen die Schüler:innen Fotos ausschneiden und diese neu arrangiert zusammenkleben sollten. Allerdings: Unter den Heften sei auch eins mit pornografischen Darstellungen gewesen.
Queeres Erotik-Magazin
Die Schüler:innen machten Fotos von den Nacktbildern. Als die Projektleitenden das mitbekommen hätten, hätten sie das Magazin an sich genommen und erklärt, „dass das Material nicht zum Workshop und nicht in die Hände der Teilnehmer*innen gehöre“, so die Stellungnahme der Falken.
Laut Medienberichten handelte es sich um das 160 Seiten lange Magazin „Queer Sex – Whatever The Fuck You Want!“. Es zeige, wie „normal queerer Sex ist“, schrieb die Süddeutsche Zeitung 2021 in einer Rezension. Die Zeit nannte es ein „Schmuddelheft mit Bildungsauftrag“.
Der Bildungsauftrag an der Oberschule in Schleife war jedoch nicht sexualpädagogischer Natur. Schulleiter Rehor habe deshalb das Projekt noch am ersten Tag gestoppt, als er davon erfahren habe. Die Schulaufsicht wertet sein Vorgehen als angemessen.
Nachdem Schüler:innen ihren Eltern erzählt hatten, dass sie im Klassenzimmer pornografisches Material vorgesetzt bekommen hatten, erstatteten diese Anzeige bei der Polizei. Die ermittelt aktuell gegen zwei Personen wegen des Verdachts der Verbreitung pornografischer Inhalte an Minderjährige. Das sächsische Kultusministerium prüft derweil, ob die Projektverantwortlichen gegen Vorgaben des sächsischen Schulgesetzes verstoßen haben.
Falken sprechen von einem Versehen
Micki Börchers, seit 2025 Bundesvorsitzende der Falken, versicherte im Gespräch mit der taz am Dienstag, es habe sich um ein Versehen gehandelt. Bei den Magazinen und Heften für die Collage habe es sich um Spenden gehandelt. Die beiden Projektleitenden, die ehrenamtlich für die Falken tätig seien, hätten das Material zwar gesichtet. Aber als sie im März die Magazine austeilten, sei ihnen trotzdem nicht bewusst gewesen, dass sich darunter auch eins mit unangemessenem Inhalt befunden hätte.
Etwa einen Monat nach dem Vorfall berichtete die rechte Wochenzeitung Junge Freiheit, dass bei einem Theaterprojekt in der 9. Klasse pornografische Bilder gezeigt und politische Botschaften verbreitet worden seien. Nach Angaben der lokalen Lausitzer Rundschau habe der AfD-Bundesvorsitzende Tino Chrupalla, der nur wenige Kilometer von der Schule entfernt wohnt, auf das Thema aufmerksam gemacht.
Bildung ist für die extrem rechte AfD schon länger ein Kampfplatz: Die Partei scheitert immer wieder mit Anträgen gegen Antirassismusinitiativen an Schulen, schaltet Denunziationsportale gegen politisch missliebige Lehrer:innen und feindet Lehrkräfte direkt an. Auch die Unis stehen unter AfD-Beschuss: In Sachsen-Anhalt arbeitet die Landtagsfraktion der AfD offensichtlich bereits an Listen von Studiengängen und Lehrstühlen, welche der Partei ein Dorn im Auge sind.
Außerdem will die AfD in Sachsen-Anhalt die Förderung von Antirassismus-Initiativen an Schulen einstellen und durch Selbstverteidigungskurse ersetzen, wie es in ihrem Programm für die Landtagswahl im September heißt. Ebenso soll die Schulpflicht abgeschafft werden. Eltern, die der politischen Erziehung ihrer Kinder nicht trauten, sollen ihren Nachwuchs sinngemäß selbst zu Hause zu strammen Patrioten erziehen dürfen.
Angriff auf die Schulpflicht
Auch den Fall im sächsischen Schleife nutzt die AfD zur politischen Instrumentalisierung. Am Dienstag kündigte der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag, Götz Frömming, die aktuelle Stunde wegen des Vorfalls an der Oberschule an – obwohl es ein Landesthema ist. Ein willkommener Anlass, um die Schulpflicht in Abrede zu stellen – weil linke NGOs angeblich immer mehr in die Schulen drängen würden.
Zwar forderte Frömming nicht direkt die Abschaffung der Schulpflicht. Aber er sagte, in der Partei mehrten sich die Stimmen, die sich für eine „Lockerung der Schulpflicht“ aussprächen. Und landete dann schnell wieder im Kulturkampf: „Wir wollen das Schulen wieder neutrale Orte sind.“ Wobei durchaus klar sein dürfte, wie politische Neutralität aus Sicht der AfD aussehen würde.
Was in Schleife vorgefallen ist, stellte die AfD dabei sehr skizzenhaft dar und weit weg von dem, was wohl tatsächlich vorgefallen ist: Zwei sehr junge Aktivist:innen hätten beim Projekt ihre eigene Sexualität vorangestellt, sagte Frömming, und „die Spitze des Eisbergs war ja dann, dass in den Materialien, die den Schülern zur Verfügung gestellt worden sind, sich ein über 100 Seiten starkes pornografisches Heft befunden hat“.
An ein Versehen glaube er nicht. Anschließend verlor er sich in Andeutungen über Skandale um Gruppensex in einem Ferienlager der Falken in den Sechzigern – „die haben Angriff auf alles, was wir verbinden mit einem heteronormen Familienbild, sich zum Programm erklärt“, behauptete Frömming.
Angst vor Konflikten
In der aktuellen Stunde wolle er nun in Erfahrung bringen, ob es weitere Fälle gebe, was mit der Fürsorgepflicht des Staates „für unsere Kinder“ sei und inwieweit man es zulassen wolle, „dass solche NGOs auf unsere Kinder losgelassen werden“. Welche politischen Konsequenzen daraus zu ziehen seien, werde die Aufklärung zeigen, so der AfD-Politiker.
Die jahrelangen Einschüchterungsversuche der AfD bleiben nicht ohne Wirkung. Das zeigt eine repräsentative Umfrage zu politischer Bildung aus dem vergangenen Jahr. Viele Schulen trauen sich demnach aus Angst vor Konflikten im Kollegium, mit Schüler:innen und Eltern nicht an das Thema ran. Das gilt besonders in den ostdeutschen Bundesländern: Dort beobachtet fast jede dritte Lehrkraft, dass es bei der Demokratiebildung zu Widerstand aus den Familien oder der Schüler:innenschaft kommt. Bundesweit hat jede fünfte Lehrkraft Angst, im Unterricht die vermeintliche Neutralität zu verletzen.
Auch Susann Weitzmann, Regionalkoordinatorin Ostsachsen des Netzwerks Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage beobachtet die Entwicklung mit Sorge. „Es gibt in den Landkreisen Bautzen und Görlitz Schulen mit gefestigten rechtsextremen Strukturen“, sagt Weitzmann der taz. Für die AfD sei es dort natürlich leichter, ihre Ziele zu erreichen.
Selbst an den 13 Schulen, die aktuell in ihrem Netzwerk sind, sei eine gewisse Nervosität zu spüren, so Weitzmann. So habe eine Schulleitung zur Auflage für neu in der Schule ausgelegte Broschüren gemacht, dass sie nicht den Zorn der Rechtsextremen wecken dürften. Teils sei es auch zu Anfeindungen gegen Schüler:innen gekommen, die sich beispielsweise in der AG Schule ohne Rassismus engagierten.
Der Vorfall wird aufgearbeitet
Auch wenn es viele engagierte Lehrkräfte und Schulleitungen gebe: „Es ist für Schulen nicht einfacher geworden, für Toleranz und Vielfalt einzutreten“, sagt Weitzmann.
Der Vorfall in Schleife ist diese Woche auch im sächsischen Bildungsausschuss Thema. Kultusminister Conrad Clemens (CDU) sprach von einem „ungeheuerlichen Vorgang“. Die Aufarbeitung sei noch nicht abgeschlossen, aber die Schule habe angemessen reagiert. Projekte mit externen Partnern lägen in der Eigenverantwortung der Schulleitung, sagte ein Ministeriumssprecher der taz. Allerdings gebe es „digitale Marktplätze“, auf denen die Bewerbungen von externen Anbietern durch die Schulaufsicht inhaltlich geprüft werden könnten. Das sichere die Qualität.
Ob das in Schleife geholfen hätte? Immerhin betont Falken-Vorsitzende Micki Börchers, das Heft sei nur versehentlich in die Hände der Kinder gelangt. Das entspräche nicht den pädagogischen Standards der Falken. „Wenn wir nochmal so ein Projekt haben, werden wir unsere Materialien genauer sichten“, verspricht Börchers.
Den Theaterworkshop im März hatte die Amadeu-Antonio-Stiftung finanziert. Die hat inzwischen auch ein Statement veröffentlicht, in dem sie „bei den betroffenen Schüler*innen und ihren Eltern sowie beim schulischen Personal“ um Entschuldigung bittet. Die Förderung habe die Stiftung gestoppt. Sie stehe mit der Schulleitung im Kontakt und arbeite an der Aufarbeitung des Falls.
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