Aufarbeitung von Tschornobyl: In der Zone des Schweigens
Am 26. April 1986 ereignete sich der Super-GAU von Tschornobyl. In der Ukraine war das ein Trauma, dessen Aufarbeitung vom Krieg unterbrochen wurde.
Natürlich – auch Tschornobyl findet sich in der Bibel.
Ein Wort mit dem doppelten A war am Anfang: Apokalypse und Absinth sind laut dem ukrainischen Autor Juri Andruchowytsch eine besondere Essenz und die eigentliche Bedeutung von Tschornobyl. Dessen Verknüpfung mit den Bibelversen aus der Offenbarung des Johannes setzte in der Ukraine unmittelbar nach dem Super-GAU ein. „Und der dritte Engel blies seine Posaune und es fiel ein großer Stern vom Himmel. […] Und der Name des Sterns hieß Wermut. Und der dritte Teil der Wasser wurde zu Wermut, und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie bitter geworden waren.“
Wermut – das heißt auf Ukrainisch Tschornobyl. Für viele in Europa war es das erste ukrainische Wort (bezeichnenderweise in seiner russischen Variante Tschernobyl), bevor die Ukraine selbst auf der Landkarte Europas wieder auftauchte. Beides ist übrigens eng miteinander verflochten. Mit der grenzüberschreitenden Atomwolke und dem Fallout zerfielen auch die ideologischen Blöcke des Kalten Kriegs. Der französische Philosoph Jean Baudrillard fasste es prägnant so: Nach Tschornobyl existierte die Berliner Mauer nicht mehr.
Symbol der Epochenwende
Unter ukrainischen Intellektuellen und AutorInnen machte bald die Rede vom „geistigen Tschornobyl“ die Runde. Tschornobyl – das war die Metapher für Fortschritt, Modernität, reife Technologie und Naturbeherrschung der Sowjetunion gewesen. Nach dem Super-GAU mutierte es zur Metapher für das endgültige Scheitern des Sowjetexperiments, zu einer endzeitlichen Metapher durch eine zur Realität gewordene atomare Apokalypse.
Es waren anfangs vor allem die Autor/innen der in den 1960er Jahren geprägten Generation wie Lina Kostenko, Wolodymyr Jaworiwskyj oder Jewhen Huzalo, die in ihrer Prosa über Tschornobyl als Symbol des Scheiterns und der Epochenwende erzählten. Jaworiwskyj unterstützte in seinen sozialistisch-realistischen Prosatexten in den 1970er Jahren sogar die industriell-technische Umgestaltung des Landes – heute würde man es eher Umweltzerstörung nennen – und schrieb auch einen Roman über den Nutzen der Atomkraft („Die Kettenreaktion“, 1978). Nach der Katastrophe erschien 1988 sein Buch „Maria mit der Wermutspflanze. Roman um die Havarie von Tschernobyl“ (dt. 1989).
Dabei wird die Katastrophe als Familiengeschichte und Tragödie auf zwei Handlungsebenen präsentiert, die miteinander verknüpft werden. Das Leben einer ukrainischen Familie wird dargestellt zum einen mit der Bäuerin Maria, die in der archaischen Wald- und Sumpflandschaft um Tschornobyl die Familie zusammenhält, und zum andern mit den Ereignissen im Atomkraftwerk, wo Marias Söhne und eine Schwiegertochter arbeiten und verstrahlt werden.
Diese literarische Familientragödie mit ihren typisierten Mitgliedern, vor allem der Mutter Maria als einer in der ukrainischen Literatur häufig anzutreffenden mystisch-religiös aufgeladenen Personifizierung der traditionellen ukrainisch-ländlichen Kultur, bleibt – trotz deutlicher Kritik an einzelnen Missständen – im sowjetischen System verhaftet. Wohl auch deshalb konnte der Roman überhaupt erscheinen und innerhalb kurzer Zeit auch in der DDR publiziert werden.
Bald nach der Havarie wurden zahlreiche Gedichtzyklen veröffentlicht. Während die nach der Havarie entstandenen Prosatexte um ein Narrativ ringen, die die traumatisierenden Ereignisse zu einer sinnvollen Geschichte verbinden und die Leser nach dem Chaos der Apokalypse wieder in eine geordnete oder wenigstens fassbare Welt zurückführen können, sind diese Gedichte unmittelbarer. Sie veranschaulichen die menschlichen Abgründe und die Orientierungslosigkeit nach der Apokalypse und vermengen sie oft mit religiösen, mystischen und historischen Reflexionen, zum Beispiel anschaulich im Poem von Iwan Dratsch „Die Madonna von Tschornobyl“. Hier ist die Verknüpfung mit der Tradition der ukrainischen Maria-Figuren schon im Titel präsent.
Wer hat das Unheil gesät?
In Lina Kostenkos Gedichtzyklus „Inkrustationen“ wird dagegen das Atom vom ukrainischen Wij, einem teuflischen Erdgeist, personifiziert. „Die Betonlider senkt das Atombiest / und zeichnet seinen grausigen Kreis. / Warum fiel der Wermutstern auf unsere Flüsse / wer hat das Unheil gesät, wer fährt die Ernte ein?“
Die Ukrainistin und Literaturübersetzerin Anna-Halja Horbatsch publizierte zum zehnten Jahrestag des Super-GAUs eine deutschsprachige Anthologie im Brodina Verlag, in der bis dahin entstandene, wichtige literarische Texte auf Deutsch zugänglich sind. Insgesamt aber finden sich in der ukrainischen Literatur weniger Werke als erwartet über das Trauma von Tschornobyl. Im Vergleich dazu erschien mehr Prosa zu Tschornobyl in anderen europäischen Ländern, in der deutschsprachigen Literatur etwa von Gudrun Pausewang, Christa Wolf oder Alina Bronsky.
Die ukrainische Autorin Oksana Sabuschko schrieb 25 Jahre nach der Katastrophe einen erhellenden Essay mit dem Titel „Planet Wermut“ über verschiedene gesellschaftliche und kulturelle Aspekte der künstlerischen Verarbeitung des Tschornobyl-Traumas: „Ich habe die ganzen 25 Jahre nicht darüber geschrieben. Meine Landsleute fragten kein einziges Mal, warum, das fragen ausnahmslos (und ziemlich regelmäßig) Ausländer. Meine Landsleute wissen nur zu gut, was diese ‚Zone des Schweigens‘ bedeutet, und wie schwer man aus ihr herausfindet.“
Und weiter sagt sie, dass eine „Art Psychohygiene“, die Ukrainer vor jeglicher Tschornobyl-Konjunktur bewahrte: „Die Furcht, in den lärmenden und gekünstelten Chor der Konjunkturritter zu geraten, die stets am Schauplatz von Katastrophen auftauchen. Das Schweigen war ehrenvoller – irgendwie anständiger … oder so … Mir ist schon klar, dass das wie eine Rechtfertigung klingt. Aber ich konnte wirklich nicht darüber schreiben. Dutzendfach versuchte ich es – und ließ es wieder, es passte hinten und vorne nicht.“
Andere Themen seit dem Krieg
Vielleicht hängt dieses lange Schweigen der Literatur mit der häufig anzutreffenden Latenzphase von 20 bis 25 Jahren zusammen, während der das Sprechen und Schreiben über Traumata keine angemessenen Worte, kein Narrativ für eine ordnungsstiftende Geschichte finden kann. Womöglich sind deshalb nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion keine ukrainischen Tschornobyl-Romane entstanden. Und nach dem Euromajdan und dem Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine standen andere Themen im Vordergrund.
Die Verarbeitung des Tschornobyl-Traumas fand jedoch in digitalen Medien, besonders in einem Computerspiel statt. „Stalker – Shadow of Chernobyl“ (2006) mit zwei Fortsetzungen („Clear Sky“, „Call of Prypiat“). Das visuelle Potenzial und die narrative Rahmung eines Games kann genauso wie Literatur, Filme, Fotos oder Kunstinstallationen Emotionen auslösen, die wiederum zu Empathie und Reflexion führen. Auf eine solche soziale Funktion der „Stalker“-Games verweisen unzählige Webforen und Blogs. In ihnen geht es natürlich auch um spieltechnische Fragen, aber ebenso um die Tschornobyl-Zone als Erinnerungsort.
Tatsächlich scheint laut Oleh Jaworskyj, einem der Entwickler, das Spiel im Rückblick auch ein Nachdenken über Tschornobyl als Zone der Erinnerung initiiert zu haben. Die Zone wurde dadurch nicht nur zu einem Spielraum, sondern auch zu einem Erinnerungsraum, der von vielen Gamern aus der Ukraine, Europa und Amerika als Touristen und als „Stalker“ in Rollenspielen und Reenactments – bis zur russischen Vollinvasion im Februar 2022 – besucht wurde.
Adaption von Tarkowskijs Film „Stalker“
Das Spiel selbst gründet auf einem literarischen Text der 1970er Jahre, dem Roman „Picknick am Wegesrand“ von Arkadij und Boris Strugatzki und dessen filmischer Adaption mit dem Titel „Stalker“ von Andrej Tarkowskij (1979), sowie auf der sogenannten Tschornobyl-Folklore, die bald nach der Katastrophe entstanden war und von Mutationen, Geistern und seltsamen Erscheinungen in der Zone erzählt.
Vor diesem Hintergrund verleiht das Spiel dem Tschornobyl-Trauma eine spielbare und damit auch erfassbare Form. Wenn man bis zu Ende spielt, löst sich das Trauma in der Erinnerung des Protagonisten Stalkers auf, ein Erinnern, das auch Vergessen des Traumas möglich macht.
Die sporadische literarische Verarbeitung des Super-GAUs wurde durch den gegenwärtigen Krieg völlig unterbrochen. Welche Richtung die Tschornobyl-Prosa hätte nehmen können, zeigt das sehr lesenswerte autobiografisch inspirierte Buch „Die Zone oder Tschornobyls Söhne“ (dt. 2022) von Markiyan Kamysch, eine neue Art Stalker, der bei seinen Expeditionen die Zone als vormodernen Raum der Freiheit und der Anarchie inszeniert.
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