Abgesagte Klimastrategie: Revolte der Aktionär*innen bei Ölkonzern BP
Glänzende Geschäfte durch den Irankrieg, dennoch unzufriedene Anteilseigner*innen wegen der Klimakrise: BP erwartet eine turbulente Hauptversammlung.
Die Geschäfte laufen wegen der durch den Irankrieg verursachten Ölkrise bestens. Dennoch wird die Hauptversammlung des britischen Ölriesen BP an diesem Donnerstag für die neue Vorstandschefin Meg O’Neill und Verwaltungsratschef Albert Manifold turbulent. Ihm droht sogar, nicht von den Anteilseigner*innen im Amt bestätigt zu werden. Das empfehlen jedenfalls die mächtigen Stimmrechtsberater von Glass Lewis und ISS.
Stimmrechtsberater geben Anteilseigner*innen Empfehlungen für ihr Verhalten auf Aktionär*innenversammlungen – und haben deshalb großen Einfluss auf die Investor*innen. Ihnen sind die BP-Bosse verpflichtet. Der Führung des mit einem Börsenwert von 100 Milliarden US-Dollar zehntgrößten Ölkonzerns weltweit droht Ungemach.
Ursache der Aktionärsrevolte ist der BP-Strategieschwenk im vergangenen Jahr. Nachdem der Konzern wegen seines niedrigen Börsenkurses fast vom Widersacher Shell übernommen worden war, beschloss BP, das Geschäft mit erneuerbaren Energien abzubauen und wieder mehr auf fossile Brennstoffe zu setzen. Statt 8,5 sollten künftig jährlich 10 Milliarden US-Dollar in das klimaschädliche Öl- und Gasgeschäft fließen.
2020 hatte BP noch angekündigt, sich peu à peu zum Erneuerbaren-Konzern zu verwandeln. Bis 2030 sollte die Öl- und Gasproduktion um 40 Prozent gesenkt und gleichzeitig die Kapazitäten der Erneuerbaren ausgebaut werden. In der neuen Strategie bezeichnete BP den Glauben an eine rasche Energiewende als „unangebracht“, die Windenergiesparte wurde abgestoßen, ein Partner für das Solarstromgeschäft wird gesucht. Darüber hinaus cancelte BP mehrere Wasserstoffprojekte.
Und tatsächlich: Der Börsenkurs des Konzerns legte seitdem um 70 Prozent zu, nicht zuletzt wegen des Irankonflikts. Hier hat BP sogar Vorteile gegenüber der „Big Oil“-Konkurrenz: Die Briten sind kaum von der Krise betroffen, nur wenig BP-Brennstoff muss die Straße von Hormus passieren.
Auch schon Exxon in die Bredouille gebracht
Doch die niederländische Aktionärsgruppe Follow This reichte im Januar zusammen mit 16 weiteren institutionellen Investoren einen Antrag für das BP-Treffen ein. Inhalt: Das Unternehmen solle eine langfristige Strategie zur Schaffung von „Shareholder-Value“ entwickeln, wenn Öl- und Gasnachfrage weltweit sinken sollten.
BP schaltete auf stur. Der Antrag von Follow This soll am Donnerstag nicht zur Abstimmung zuzulassen werden. Er sei „ungültig und bei einer Annahme wirkungslos“, hieß es. Dabei erfüllt er formaljuristisch laut Beobachtern die Anforderungen. Außerdem: Follow This ist nicht irgendeine Aktionärsvereinigung. Dahinter stecken sogenannte aktivistische Aktionäre, die sich bei Unternehmen mit wenigen Anteilsscheinen einkaufen, um viel Einfluss auszuüben.
Follow This brachte so auch schon das US-Unternehmen Exxon in die Bredouille. Der größte Ölkonzern der Welt verabschiedete am Ende zwar keine Ökostrategie, aber es gab jede Menge Schlagzeilen für den Aufstand beim Aktionärstreffen. Auch in Deutschland machen kritische Anteilseigner*innen Furore, so mit Protestaufrufen gegen RWE oder Torten gegen VW-Bosse bei der Hauptversammlung.
Ärger gibt es auch in diesem Fall. Die Missachtung der Aktionär*innenwünsche durch BP brachte nämlich die Stimmrechtsberater auf den Plan. Die Entscheidung werfe „weitere Fragen zur Transparenz, zur Kommunikation mit den Aktionären und zur Reaktion auf deren Anliegen auf“, erklärte Glass Lewis. Auch ISS empfahl, gegen den BP-Vorstand zu stimmen.
Der Vermögensverwalter Candriam kündigte sogar an, er werde gegen alle zur Abstimmung stehenden BP-Chef*innen votieren, weil das Unternehmen keine Fortschritte bei der Bewältigung der „wesentlichen langfristigen Übergangsrisiken“ erzielt habe.
Aktivist*innen feiern die Unruhe
Ob die BP-Chefs wirklich beim Aktionär*innentreffen abgestraft werden, ist fraglich. Schließlich vertreten die Beratungsfirmen und Anteilseigner*innen, die sich bis jetzt zu Wort gemeldet haben, nur wenige Prozent der stimmberechtigten Aktionär*innen. Aber viele Investor*innen äußern sich nicht, so der Vermögensverwalter Blackrock, der mit 9 Prozent den größten BP-Anteil hält.
Die Aktivist*innen von Follow This feiern dennoch jetzt schon die Unruhe, die sie verursacht haben: Die vorliegenden Anträge „sollen den Druck der Aktionäre erhöhen und die Aufmerksamkeit auf die finanzielle Unhaltbarkeit fossiler Geschäftsmodelle richten“, sagt NGO-Gründer Mark van Baal. „Wenn die rückläufige Öl- und Gasnachfrage den Shareholder-Value mindert, müssen die Vorstände transparent sein, ob sie einen Übergang planen oder eine geordnete Abwicklung bewältigen wollen.“
Als im Jahr 2020 wegen des Ausbruchs der Coronapandemie die Ölnachfrage sank, senkten BP und Shell laut Follow This ihre Dividenden um 50 respektive 66 Prozent.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!