Schulbesetzung gegen Meloni in Italien: Was sie wollen
In Bologna besetzen Schüler:innen vier Tage lang ihre Schule. Sie kritisieren die Regierung von Meloni und protestieren gegen Aufrüstung.
W er die Schule durch das große Holztor in der Via Nazario Sauro in Bologna betreten will, muss zuerst an den Tischen am Eingang eine Frage beantworten: „Intern oder extern?“ Schüler:innen des Liceo Minghetti dürfen rein, Schüler:innen von einer anderen Schule müssen ihren Namen angeben. Andere Personen sind nicht zugelassen. Lange Listen mit Namen, Eintritts- und Austrittszeiten liegen auf den zwei Tischen. Die Kontrolleur:innen sind meist Mädchen, sie tragen Sonnenbrille, Kopfhörer um den Hals und große Ohrringe und gehen ihrer Aufgabe gewissenhaft nach.
Vormittags, wenn die von den Schüler:innen organisierten Workshops stattfinden, ist mehr los, über die Mittagszeit wird es ruhiger, weil viele daheim essen. Dann wird auf den Tischen auch mal eine Runde Karten gespielt. Bei einem Konzert am Samstagabend waren mehrere hundert der insgesamt rund 1.000 Schüler:innen da, schätzen sie. Manche Passant:innen kommentieren die Schulbesetzung in dem historischen Schulgebäude in der Bologneser Altstadt im Vorbeigehen. „Sie sagen: ‚Wer nicht lernen will, der besetzt‘“, sagt eine Schülerin mit einem Augenrollen. Eine zweite erzählt, dass andere sie auch mal mit einem „Bravi!“ für ihren Aktivismus loben. Viele Besetzer:innen übernachten auch in der Schule.
Eine besetzte Schule, das ist in Bologna – aber auch in Rom, Mailand oder Turin – keine Neuheit. „So ungefähr einmal im Jahr, ja“, sagt der Rektor des Liceo Minghetti, Roberto Gallingani, mit einem müden Seufzer in seinem Büro im ersten Stock des historischen Gebäudes. Hinter ihm hängt ein großes Ölporträt des Namensgebers Marco Minghetti, eines Bologneser Politikers aus dem 19. Jahrhundert; daneben ein viel kleineres Foto von Sergio Mattarella, dem Staatspräsidenten Italiens. Es ist ruhig im Schulgebäude mit der imposanten Steintreppe und den Fresken an der Decke, nur hin und wieder dringen Gelächter oder Jubel aus dem Schulhof herauf.
Gallingani und die Hausmeister:innen dürfen sich als einzige Nicht-Schüler:innen im Schulgebäude aufhalten. Die Schulbesetzungen werden durch eine extra einberufene Schülerversammlung legitimiert, die sich mehrheitlich für eine Besetzung aussprechen muss. So ist es im Fall des Minghetti-Lyzeums am Freitag, den 17. April, passiert. Einberufen wurde die Versammlung vom „Collettivo Minghetti“, einer politisch linken Gruppe der Schule. Anschließend verhandelte eine Delegation der Schüler:innen den Rahmen der Besetzung mit der Schulleitung. „In unserem Fall ist der Unterricht an drei Tagen ausgefallen. Und die Schüler organisieren in dieser Zeit verschiedene Aktivitäten“, so der Rektor. Die Workshops im Minghetti drehten sich um Themen wie die Lage im Nahen Osten, Frauenrechte oder Seenotrettung im Mittelmeer.
Dario Rubbi, Schulsprecher
Nicht immer läuft der Prozess so friedlich ab. Eine ähnliche Besetzung im Jahr 2025 eskalierte, Rektor Gallingani drohte mit Anzeigen gegen einzelne Schüler:innen und Ausschluss vom Unterricht. Dieses Jahr ist die Stimmung besser. „Die Schüler:innen haben sich zivilisierter verhalten“, sagt der Rektor. Und auch das: „Um den Schaden zu begrenzen, hielt ich es für besser, ihnen entgegenzukommen, anstatt wie im letzten Jahr eine harte Haltung einzunehmen.“
„Woher dieser Sinneswandel kommt, kann ich mir nicht erklären“, sagt hingegen Dario Rubbi, 18 Jahre alt, draußen vor der Schule. Dario Rubbi ist Teil des Collettivo Minghetti und einer der Schulsprecher:innen. Mit der Schulbesetzung wolle man Kritik an den Kriegen weltweit und der Wiederaufrüstung in Europa üben, sagt er. Was das mit den Schüler:innen zu tun hat, erklärt Rubbi so: „Ein möglicher dritter Weltkrieg bereitet uns Schülern natürlich Sorgen, da letztlich wir diejenigen wären, die ihn ausfechten müssten.“
Der junge Mann steht in einer ruhigen Seitenstraße zwischen orangenen Hauswänden, unter einem strahlend blauen Himmel. Themen wie Krieg und Wehrpflicht fühlen sich hier fern an. Für die Schüler:innen sind sie es aber nicht: Als die Militärakademie im nahe gelegenen Modena kürzlich einen Workshop in der Schule halten wollte, reagierte das Kollektiv mit lautem Protest. Keine Klasse der Schule nahm das Angebot an. Rubbi weiß, dass man in Deutschland über die Wiedereinführung einer Wehrpflicht diskutiert hat, die nun nicht kommt, aber dafür eine Musterungspflicht. „Besorgniserregend“ findet der Schüler diese Debatten.
Vor allem aber kritisiert das Kollektiv in seiner Erklärung zur Schulbesetzung auf Instagram die Regierung von Giorgia Meloni: „Dieses repressive Klima hält Einzug in unsere Schulen. Wir erleben, dass diejenigen, die sich engagieren, vom Unterricht suspendiert, angezeigt oder mit schlechteren Noten bestraft werden“, schreibt die Gruppe.
Während sich Meloni auf internationaler Bühne offen und kollaborativ zeigt, fährt sie innenpolitisch eine scharfe Linie. Das Thema Sicherheit ist ein Dauerbrenner, an dem die Regierung nonstop arbeitet: Ein neues „decreto sicurezza“ ist jedes Jahr in Arbeit. Allein 2025 führte die Regierung so 14 neue Straftatbestände ein, darunter die willkürliche Besetzung von Wohnhäusern, den Besitz von Material für terroristische Zwecke und die Behinderung der Freizügigkeit – nachdem bei Demonstrationen immer wieder Bahnhöfe und Straßen lahmgelegt worden waren. Nicht zum ersten Mal scheint ein Gesetz eine präzise Antwort auf vorangegangene Demonstrationen und Versammlungen zu sein – zuvor gab es schon ein Dekret gegen „Öko-Vandalen“ und ein „Anti-Rave“-Dekret.
Dem Collettivo Minghetti folgen knapp 2.000 Personen auf Instagram. Rubbi präzisiert: „Wenn wir zum Beispiel Flugblätter aufhängen, werden die entfernt; wenn wir versuchen zu streiken, wird uns das untersagt, wir bekommen Verweise und es werden Anzeigen gegen uns erstattet.“ Er selbst hat für seine Teilnahme an der Schulbesetzung im vergangenen Jahr eine Anzeige erhalten und wurde vom Unterricht suspendiert – beide Maßnahmen wurden allerdings wieder aufgehoben, nachdem Eltern eine Unterschriftensammlung gegen den harten Kurs der Schulleitung gestartet hatten.
Rektor Gallingani will den Vorwurf der Härte nicht auf sich sitzen lassen: „Wenn es eine Schule gibt, die nicht repressiv ist, dann ist es diese hier.“ Man sei „linksgerichtet“. Es gäbe aber Streitereien zwischen politischen Gruppen in der Schule, die sich gegenseitig die Flugblätter abreißen würden. „Scharmützel“, so der Rektor.
Roberto Gallingani, Schuldirektor von Minghetti
Man mag das Abreißen von Flugblättern als pubertäre Kraftmeierei abtun. Aber die politische Polarisierung, die da bei den Jugendlichen zutage tritt, findet ihren Widerhall auf Social Media – wo die Dynamiken durchaus bedrohlich werden können. Im Minghetti hat sich eine Schülergruppe gebildet, die sich „Res Libera“ nennt und der rund 150 Personen folgen. Der Rektor sagt, sie sei „nicht links“. Auf Instagram schreibt die Gruppe über sich: „Werte, Tradition und Freiheit im Mittelpunkt der Debatte und Disziplin. Wir lieben Italien. Anti-Communist Action“, umrahmt von Emojis mit der italienischen Flagge.
Als „Anti-Communist Action“ ist eine Bewegung aus den USA bekannt, die 2017 mit anderen nationalistischen Gruppierungen „White Lives Matter“-Demonstrationen organisiert haben soll und auf Social Media allgemein gegen linksgerichtete Politiker:innen hetzte. Das Profil folgt neben Melonis Partei Fratelli d’Italia auch deren rechtsextremer Jugendorganisation Gioventù d’Italia.
Res Libera positioniert sich entschieden gegen die Schulbesetzung, schreibt etwa, dass diese aufgezwungen sei und Rechte verweigern würde. Zudem kritisieren sie, dass die Besetzung nur eine Ausrede für Partys sei, und spielt darauf an, dass Schüler:innen mit „anderen Ideen“ nicht willkommen seien. Für eine Stellungnahme gegenüber der taz war die Gruppe nicht zu erreichen.
Rechte Schmierereien im Klassenzimmer
Am vergitterten Schulfenster befestigen Schüler:innen ein meterlanges langes Banner, auf dem steht: „Mingo occupato“. Mingo, so nennen sie ihre Schule liebevoll, „occupato“ heißt „besetzt“. Am Samstag ist wieder der 25. April, in Italien der Feiertag der Befreiung vom Nazifaschismus und des Kriegsendes. Eine Schülerin erzählt von ihren Großeltern, die Partisanen im Widerstand waren. „Es ist unsere Aufgabe, die Erinnerung an diese Partisanen und Partisaninnen, unsere Großväter und Großmütter, weiterzugeben“, sagt Rubbi.
Mehrere der Besetzer:innen erzählen von rechten Schmierereien im Klassenzimmer, von Hakenkreuzen in Schulbüchern. „In der Jungsumkleide ist es besonders schlimm“, sagt ein Schüler. Darauf angesprochen, muss der Rektor erst mal länger überlegen. Dann sagt er: „Nein, Hakenkreuze, ehrlich gesagt, nein. Vielleicht gab es mal etwas an einer Außenwand unseres zweiten Schulgebäudes.“
Während in Bologna die Meinungen auseinandergehen, hat im weit entfernten Rom die Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ganz andere Schwerpunkte in der Bildungspolitik. Das Bildungsministerium hat Meloni umbenannt in „Ministerium für Bildung und Leistung“. Im Schuljahr 2024/25 führte ihre Regierung das „Liceo del Made in Italy“ ein. In Italien können die Schüler:innen nach fünf Jahren Grundschule und drei Jahren Mittelschule eine weiterführende Schule mit einem bestimmten Themenschwerpunkt wählen. Zum Beispiel ein „liceo classico“ wie das Minghetti, wo Latein und Griechisch eine wichtige Rolle spielen. Und nun eben das „Liceo del Made in Italy“ für diejenigen, die „sich für die Herkunft und die Besonderheiten italienischer Spitzenprodukte sowie für die Kreativität und den Unternehmergeist“ interessieren, „die die Produktion Made in Italy auszeichnen“.
Anders als Deutschland feiert Italien das Ende des zweiten Weltkriegs jedes Jahr am 25. April als Tag der Befreiung vom Nazifaschismus. Das legte bereits am 22. April 1946 Umberto II. di Savoia, damals König Italiens, per Dekret fest. Die Schulen und viele Geschäfte sind geschlossen, im ganzen Land finden Gedenkfeiern statt, Lorbeerkränze werden für die im Widerstand gestorbenen Partisan:innen niedergelegt. Bologna als eine der Hauptstädte des antifaschistischen Widerstands feiert diesen Tag besonders ausschweifend. Die zentrale Via del Pratello ist im Ausnahmezustand mit Chören, Bands, Essens- und Getränkeständen. Giorgia Meloni vermeidet es in offiziellen Statements, das Wort „antifaschistisch“ in den Mund zu nehmen. Das übernimmt Staatspräsident Sergio Mattarella für sie.
Der große Erfolg blieb bisher aus. Für das anstehende Schuljahr 2026/27 entschieden sich nur 0,14 Prozent der Schüler:innen für das Made-in-Italy-Gymnasium. Zugleich steht Bildungsminister Giuseppe Valditara für Kürzungen in der Kritik, während er zugleich einen Bonus für Privatschulen einführte. Die „Voto di condotta“, die jährliche Note für das Benehmen der Schüler:nnen, ist seit diesem Schuljahr versetzungsrelevant. Es sind Dinge wie diese, die Rubbi und seine Mitschüler:innen meinen, wenn sie von „Repression“ sprechen. Das Lernklima an den Schulen, das gesellschaftliche Klima: Es ist rauer geworden unter Meloni. Und die Schüler:innen am Minghetti wehren sich dagegen.
Für Aufsehen inner- und außerhalb des Ministeriums sorgte eine Aktion der rechten Bewegung „Aziona studentesca“. Die Bewegung, die ein orange-schwarzes keltisches Symbol als Logo gewählt hat, rief Anfang des Jahres dazu auf, an einer Onlineumfrage teilzunehmen. Die Fragen lauteten: „Hast du einen oder mehrere linke Lehrer, die während des Unterrichts Propaganda betreiben?“ Unter der Auswahlmöglichkeit mit Ja/Nein fand sich außerdem noch die Aufforderung: „Beschreibe einen der auffälligsten Fälle“.
Politiker:innen der Oppositionsparteien und zivilgesellschaftliche Organisationen sahen darin den Versuch, eine Liste unliebsamer Lehrer aufzustellen. Die Bildungsgewerkschaft FLC CGIL bezeichnet den Vorfall als „einen schwerwiegenden Verstoß gegen die demokratischen Grundsätze […], auf denen das öffentliche Bildungssystem beruht, sowie einen Angriff auf die Autonomie und Freiheit der Lehrergemeinschaft“. Das Ministerium für Bildung und Leistung in Rom leitete eine Untersuchung ein. Die Webseite von Azione Studentesca ist aktuell nicht mehr aufrufbar.
Auch in Bologna ist die Umfrage der Azione studentesca ein Thema. Der Link ging auch am Liceo Minghetti herum, erzählen Schüler:innen. Die rechte Gruppe habe Flyer in Schulen aufgehängt, schreibt das Collettivo Minghetti auf Instagram. Zur Schulbesetzung veröffentlicht Azione Studentesca Bologna auf Instagram einen ironischen Post, in dem die Gruppe die Schulbesetzung als „vorzeitige Ferien“ bezeichnet.
Motorradhelme als Boxhandschuhe
Die Fronten zwischen den Gruppen wirken verhärtet. Eine Schülerin sagt über das Verhältnis mit Mitschüler:innen, die rechten Gruppen angehören: „Da gibt es keinen Dialog mehr.“ Eine andere sagt: „Es gibt Grenzen; wenn die überschritten sind, kann man nicht mehr miteinander reden.“ An der Tür des Minghetti klebt ein Zettel, DIN A4, darauf steht in rotem Filzstift: „Kein Glas. Keine Motorradhelme. Keine Messer.“ Motorradhelme könnten in einer Schlägerei als Boxhandschuh verwendet werden, erklärt ein Mädchen vom Ordnungsdienst.
Wie groß der Anteil der politisch Aktiven in der Schule ist, ist schwer zu sagen. Manche Schüler:innen bleiben während der Besetzung zu Hause. Eltern können ihren Kindern die Teilnahme an der Besetzung verbieten. Einige freuen sich auch einfach, ein paar Tage lang keinen Unterricht zu haben, das wissen auch die Organisator:innen. Eine Schülerin mit getönter 90er-Jahre-Sonnenbrille sagt: „Für viele Schüler ist die Besetzung auch deshalb schön, weil sie die Schule so anders erleben, als Ort für soziale Aktivitäten und zum Zusammenkommen.“
Vielleicht ist auch das der Mehrwert der Schulbesetzung: Sie gibt den Heranwachsenden einen Ort und eine Zeit, um zusammenzukommen und über die Themen zu sprechen, die ihnen wichtig sind und die vielleicht im Regelunterricht keinen Platz finden. Dafür betreiben die Organisator:innen einigen Aufwand: Sie argumentieren in einem Manifest für die Besetzung, berufen eine Schulversammlung ein, verhandeln mit der Schulleitung, stellen ein Workshop-Programm zusammen, organisieren den Ordnungsdienst und putzen am Schluss das Schulgebäude, bevor der Unterricht wieder beginnt. In manchen Fällen zahlen sie auch für entstandene Schäden am Schulgebäude – ein umstrittenes Vorgehen, das Bildungsminister Valditara immer wieder unterstützt und fordert. Gerade in Zeiten, in denen globale Krisen, Fake News und populistische Hetze die Menschen spalten und verunsichern, ist so eine gemeinschaftliche Anstrengung wertvoll – auch wenn dafür ein paar Tage Unterricht ausfallen.
„Wir wissen ganz genau, dass die Schule genau das Spiegelbild dessen ist, was wir auch außerhalb der Schule beobachten“, sagt Dario Rubbi. Im Minghetti sitzen während der Besetzungstage Gruppen junger Menschen im Kreis zusammen und besprechen aktuelle politische Themen, sie spielen Volleyball im Innenhof, spazieren mit buntem Wassereis durch den Schulflur. Wenn die Außenwelt ein Spiegel dessen wäre, man könnte es als Fortschritt bezeichnen.
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