piwik no script img

Globale ÖlkriseDie Welt braucht einen Verbund für Öl

Beim Ölpreis gilt das Gesetz des Dschungels: Der Stärkere gewinnt. Eine globale Allianz sollte Preisobergrenzen festlegen und gemeinsam Druck machen.

Folgen der Sperrung der Straße von Hormus: Lange Schlangen an einer Tankstelle in Kambodscha Foto: Roun Ry/reuters

D ie US-Blockade des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus verschärft die globale Energiekrise. Wenn neben den Energieexporten der Golfstaaten nun auch noch die iranischen maritimen Exporte stoppen, wird auf den globalen Märkten ein Viertel des gesamten gehandelten Rohöls fehlen. Netto-Ölimportländer wie Deutschland oder China werden am stärksten getroffen. Länder in Asien und Afrika sind bereits mit einer Energieverknappung konfrontiert, die sich verschlimmern wird.

In einer derartigen Krise zuzulassen, dass Marktpreise über die Verteilung des Öls entscheiden, heißt, sich dem Gesetz des Dschungels zu unterwerfen. Die reichen Länder überbieten die armen Länder, mit der Folge, dass die Reichen ihren Energieverbrauch aufrechterhalten können, während die Armen aufgrund der hohen Preise ausgeschlossen werden. In Krisenzeiten führt der Markt zu grob ungerechten Ergebnissen.

Die extrem volatilen Preise der letzten Wochen sind keine rationalen Vermittlungsmechanismen, sondern Ausdruck von „animal spirits“, die auf die jüngsten Social-Media-Beiträge von US-Präsident Donald Trump und Spekulationen über den weiteren Kriegsverlauf reagieren.

Es gibt einen besseren Weg. Statt zuzulassen, dass Preise von der Marktpanik diktiert werden, braucht es eine multilaterale Koordination. Die sollte eine Preisobergrenze auf den Ölmärkten verteidigen. So könnte man knappe Ressourcen besser verteilen, wirtschaftliche Folgen minimieren und grundlegende Bedürfnisse der Menschen decken. Kurz gesagt: Die Welt braucht einen Einkaufsverbund für Öl. Die EU sollte die Führung übernehmen.

Gemeinsam Grenzen setzen

Mit einem Anteil von 23 Prozent an den weltweiten Rohölimporten verfügen die EU-28 bereits über beträchtliche Kaufkraft. Das haben sie während der letzten Krise gezeigt, als sie eine europäische Notfall-Obergrenze für Gaspreise verhängten. Doch diesmal ist der Engpass größer, und Öl ist weltweit austauschbar, sodass es wichtig wäre, dass sich andere Nettoimporteure anschließen.

Die EU sollte in erster Linie darauf zielen, andere einkommensstarke Länder einzubeziehen, die wichtige Raffinerien für importiertes Öl betreiben – insbesondere Japan, Südkorea und Singapur. Länder niedrigen und mittleren Einkommens haben kaum Optionen, Ölpreise zu überbieten, und daher allen Grund, sich zu beteiligen.

Sollte sich auch China – der mit einem Anteil von 23 Prozent am Gesamtvolumen weltgrößte Ölimporteur – für einen Beitritt entscheiden, hätte der Importverbund den Markt fest im Griff. Im Jahr 2023 kauften die Nettoimporteure etwas mehr als 80 Prozent des weltweit gehandelten Rohöls. Das bedeutet, dass sie gemeinsam effektiv als Monopson agieren könnten – ein Monopol auf der Nachfrageseite.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Eine Koordinierung zwischen der EU und China würde zudem eine starke geopolitische Botschaft senden und demonstrieren, dass die EU eine unabhängige Außenpolitik betreibt. Sollte China nicht beitreten, hätte die EU die seltene Chance, die Führung einer globalen Allianz zu übernehmen. Der Einkaufsverbund sollte die Ölpreise für physische Lieferungen auf einem Niveau begrenzen, das für Exporteure immer noch sehr attraktiv wäre – sagen wir, 100 US-Dollar pro Barrel.

Ein Stopp für Übergewinne

Was die Verteilung betrifft, so sollten die einkommensschwachen Länder, da auf sie lediglich 0,1 Prozent der weltweiten Importe entfallen, ihr Importniveau aus der Zeit vor dem Krieg beibehalten. Alle anderen Länder würden ihre Importe um denselben Anteil reduzieren: Wenn etwa ein Viertel der weltweiten Exporte fehlen, sollte eine Reduzierung der Importe aus der Zeit vor dem Krieg vereinbart werden.

Den Raffineriebetrieben im Verbund wäre untersagt, Übergewinne zu erzielen. Stattdessen müssten sie die üblichen Margen an inländische Käufer und andere Verbundmitglieder weiterverkaufen, wodurch die Preisobergrenze für Produkte wie Diesel und Flüssiggas gewahrt bliebe.

Das bedeutet, dass sie gemeinsam effektiv als Monopson agieren könnten – ein Monopol auf der Nachfrageseite

Die Alternative – Öl dank der Beteiligung aller zu niedrigen Kosten zu kaufen, aber einen größeren Anteil selbst zu behalten – würde den Verbund brechen. Länder mit positiven Nettoexporten von Rohöl könnten auch dem Verbund beitreten. Für Rohölexporteure wie Angola und Ecuador, die wiederum viele raffinierte Ölprodukte importieren, ist der niedrige Preis attraktiv.

Allgemein betrachtet könnten Exporteure interessiert sein, die inländischen Ölpreise an den Verbundpreis zu koppeln. So verhindern sie, dass ihre Bürger unter teuren Preisen leiden. Würde der Verbund eine Preisuntergrenze einführen – etwa 65 Dollar pro Barrel –, gäbe es für beteiligte Ölexporteure mehr Stabilität.

Der Einkaufsverbund würde die Inflation begrenzen und dazu beitragen, den Rezessionsdruck einzudämmen. Er würde zu staatlichen Einsparungen führen, die in den raschen Ausbau kostengünstiger, kohlenstoffarmer Alternativen investiert werden könnten.

Der Ausbau erneuerbarer Energie sollte beschleunigt werden. Der öffentliche Nahverkehr sollte kostenlos sein. Nationale Energiesparprogramme können eine gerechte Verteilung knapper Ressourcen gewährleisten.

Keine utopische Idee

Der Einkaufsverbund würde keine Engpässe verursachen; diese bestehen schon. Er wäre ein Mechanismus, um die Kosten gerechter zu verteilen, Solidarität zwischen den Importeuren zu schaffen und kostspielige Bieterwettkämpfe zu verhindern.

Inmitten einer Krise des Multilateralismus mag ein Einkaufsverbund für Öl utopisch sein. Doch die Idee ist nicht neu. Ein ähnliches System zur Verteilung von Rohstoffen wurde während des Ersten Weltkriegs für die Alliierten umgesetzt.

Ein multilateraler Einkaufsverbund für Öl ist genau die Art mutiger Initiative, die Länder brauchen, um die aktuelle Krise zu überstehen. Für die EU wäre die Führung einer auf Verteilungsgerechtigkeit basierenden Initiative mehr als nur gute Wirtschaftspolitik. Angesichts des Zerfalls der Weltordnung würde sie ihre Position als globale, für Frieden und Zusammenarbeit stehende Macht stärken.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Copyright: Project Syndicate, 2026.

Bild: Privat
Gregor Semieniuk

Gregor Semieniuk ist Professor für Public Policy und Wirtschaftswissenschaften an der University of Massachusetts Amherst.

Das Project Syndicate mit Sitz in Prag ist eine Non-Profit-Organisation, die internationalen Medien Essays und Meinungsbeiträge von namhaften PublizistInnen und WissenschaftlerInnen anbietet.

Bild: Heribert Corn
Isabella M. Weber

Isabella M. Weber ist Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der University of Massachusetts Amherst, Climate Policy Fellow am Roosevelt Institute und Autorin des Buches „How China Escaped Shock Therapy: The Market Reform Debate“ (Routledge, 2021).

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!