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Streit um Roman „Gittersee“Wer Pittiplatsch noch selbst gesehen hat

Julia Hubernagel

Kommentar von

Julia Hubernagel

Wie gravierend waren die Fehler von Charlotte Gneuß in ihrem Roman Gittersee? Eine DLF-Recherche hat den Fall neu aufgerollt und einen Schuldigen ermittelt.

Wer darf worüber schreiben? Pittiplatsch äußert sich dazu nicht Foto: Klaus Winkler/ZB/picture alliance

E in wenig deutet schon die Fotoauswahl auf eine Tendenz hin: Zwei mittelalte Herren in Anzügen, einer mit vielen, einer mit wenig Haaren, lächeln in die Kamera. Das Vorschaubild auf der Seite des Deutschlandfunks (DLF) gehört zu einem Beitrag über den 2023 in die Kritik geratenen Debütroman von Charlotte Gneuß. Bis heute, so heißt es im Beitrag des DLF, müsse sie sich für ihren von einer Jugend in der DDR erzählenden Roman Gittersee rechtfertigen.

Grund dafür ist eine Liste, die Schriftsteller Ingo Schulze, einer der beiden Herren des Fotos, kurz vor Erscheinen von Gittersee anfertigte. Darauf hielt er fest, welche historischen Fehler sich in Gneuß’ Roman eingeschlichen hätten. Diese Liste geriet schließlich in die Hände der Jury des Deutschen Buchpreises, die Gneuß’ Roman 2023 auf die Longlist gesetzt hatte. Dass es Schulzes Freund, der Schriftsteller Franz Witzel, war, der die Liste an die Jury durchstach, deckte nun der DLF auf.

Anders als damals bekundet, hatte Schulze zugestimmt, dass Witzel die Liste an die Jury weitergibt. Gittersee-Autorin Gneuß und Schulze veröffentlichten im selben Verlag. Dass dieser Schulze mit der Durchsicht des Romans der jüngeren Autorinnenkollegin beauftragt war, stimme so nicht, wie Schulze nun im DLF einräumt. Er sollte „aber eben sagen, was ich davon halte“.

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Die Liste geriet also an die Öffentlichkeit, eine Debatte darüber, wer worüber schreiben dürfe und ob die Fehler eigentlich so gravierend seien, schloss sich an. Charlotte Gneuß’ Ansehen durfte man als beschädigt betrachten. Wobei es auch hierüber verschiedene Ansichten gab: Im Grunde habe die Diskussion doch die Verkaufszahlen von Gittersee erst in die Höhe getrieben, so wurde mitunter argumentiert. Gute Kritiken erhielt der Roman allerdings schon vor Beginn der Debatte.

Übergriffig und paternalistisch?

Was nun was bedingte und ob überhaupt, wird nicht zu klären sein. Auch sind hohe Verkaufszahlen mit Kontroversen um die eigene Person durchaus teuer erkauft. Inwiefern es sich bei der Listenerstellung Schulzes um einen „übergriffigen und paternalistischen Akt“ handelt, wie der DLF in den Raum stellt, darüber darf man streiten. Allerdings ebenso darüber, ob die Kosten-Nutzen- beziehungsweise Schadenanalyse bei Debatten dieser Art bei männlichen und weiblichen Au­to­r:in­nen zu ähnlichen Ergebnissen kommt. Das Beispiel „Stella“ und dessen sehr erfolgreichen Autor Takis Würger lässt vermuten: eher nicht.

Heißes Thema heute wie damals ist der Verdacht der Jurybeeinflussung. Hat die Weitergabe der Liste an Jurypräsidentin Katharina Teutsch die Shortlistauswahl beeinflusst oder nicht? Was im Beitrag des DLF jedoch etwas zu kurz kommt: Die Entscheidung ist weder gottgegeben noch objektiv, es gewinnt nicht einfach der beste Roman. Über die Auswahl entscheiden sieben Jurymitglieder mit verschiedensten Vorlieben und Agenden.

Am Ende bleibt die Frage, warum Ingo Schulze die Liste erstellt und der Weitergabe zugestimmt hat. War es der durchaus ehrenwerte Drang nach Wahrheit und Korrektheit? Ein paar der 20 Punkte auf der Fehlerliste wurden immerhin in der nächsten Auflage von Gittersee korrigiert, andere stellten sich als gar nicht so fehlerhaft heraus. Als „lecker“ bezeichnete man entgegen der Behauptung Schulzes etwa durchaus auch in der DDR so manche Quarkspeise und dass man in der verdreckten Elbe in den 1970ern angeblich nicht baden konnte, dagegen hielten die Eltern von Charlotte Gneuß ihre eigene Erfahrung.

Wer darf worüber schreiben? Das ist die Frage, bei der sich Identitätspolitik und Au­to­r:in­nen­schaft wieder mal zum Praxistest treffen. Wird Herkunft vererbt oder erlebt? Reicht es aus, wenn die Eltern aus der DDR stammen oder muss man Pittiplatsch mit eigenen Augen gesehen haben, wer eine Jugend in Ostdeutschland imaginiert – auch wenn es sich qua Geburtsjahr damit um eine biologische Unmöglichkeit handelt?

Interessant an literarisierter DDR-Geschichte ist doch (noch) folgendes: Je nach Standpunkt kann sich die Bearbeitung von DDR-Stoffen in Richtung Autofiktion oder historischer Roman entwickeln. Wer gewissenhaft recherchiert, sollte Geschichten ebenso nach Ostdeutschland verlegen dürfen, wie derjenige, der die „Leckermäulchen“-Quarkspeise noch selbst gekostet hat. Ob das Lesevergnügen geschmälert wird, wenn das Kunststoffsackerl nun Plastik- oder Plastebeutel heißt, das muss jeder selber entscheiden.

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Julia Hubernagel
Kulturredakteurin
Studium der Geschichte und deutschsprachigen Literatur in Bochum und Berlin. Redakteurin im Kulturressort.
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