Leipzig und keine Folgen: Waffe: Auto. Täter: Mann. Verantwortung übernehmen: null
Leipzig trauert um die Toten der Amokfahrt. Und der Rest? Das Auto gilt immer noch als unantastbar – in Deutschland. Dabei geht es längst besser.
V iel ist über die Opfer aus Leipzig nicht bekannt. Eine 63-jährige Frau und ein 77-jähriger Mann waren am Montagnachmittag in der Leipziger Innenstadt unterwegs. Vielleicht waren sie nach Feierabend auf dem Weg nach Hause, vielleicht wollten sie ein paar Erledigungen machen oder bei Sonnenschein eine Kugel Eis essen. Wir wissen es nicht. Bekannt ist lediglich, dass sie gegen 16.45 Uhr in der Grimmaischen Straße getötet wurden. Der Täter: ein 33-jähriger Mann. Seine Waffe: ein Auto.
Ein politisches oder religiöses Motiv schließt die Staatsanwaltschaft bislang aus und spricht von einer Amokfahrt. Der Täter wurde wenige Tage vor der Tat aus der psychiatrischen Klinik entlassen. Und damit scheint das Thema für die Bevölkerung erledigt. In der sächsischen Großstadt gibt es noch Trauerfeiern. Die Fahnen vor dem Neuen Rathaus hängen auf halbmast, Blumen und Kerzen am Tatort erinnern an die Verstorbenen und Verletzten.
Es ist ein kurzes Innehalten, dann wird auch in Leipzig wieder der Alltag einkehren. Der Rest des Landes hat die Tat schon wieder abgehakt. Kein „Brennpunkt“, keine politischen Debatten, Trump und seine Zölle dominieren wieder die Nachrichten. Leipzig war für viele ein tragischer Einzelfall. Da kann man nichts machen, wenn ein psychisch Erkrankter zum Auto greift und auf Menschen zielt.
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Wir alle wissen, dass die Situation eine vollkommen andere wäre, wenn der Täter Mohammed oder Anis hieße. Soziale und klassischen Medien wären voll von rassistischen Verschwörungen und Vorwürfen, die Rufe nach weiteren Asylverschärfungen wären laut und würden von der Politik erhört. Doch in diesem Fall heißt der Täter Jeffrey, er hat einen deutschen Pass und keine Migrationsgeschichte. Der Fall wird mutmaßlich zu keinen großen gesellschaftlichen Veränderungen führen. Doch das ist falsch.
Die Autos müssen die Innenstädte verlassen
Leipzig ist kein Einzelfall. In den letzten Jahren haben immer wieder Männer zum Auto gegriffen, um gezielt Menschen zu töten. Oder sie haben es billigend in Kauf genommen, Menschenleben zu gefährden. Und darüber müssen wir sprechen: inwiefern psychologische und soziale Angebote helfen könnten, potenzielle Täter zu erkennen und dadurch zu stoppen; wie Behörden besser zusammenarbeiten, damit Warnzeichen wie sie es auch in diesem Fall gab, nicht folgenlos bleiben; welche Rolle Männlichkeit bei diesen Tötungen spielt. Und wir müssen auch über die Wahl der Waffe sprechen. Denn wenn Autos aus den Innenstädten verschwinden, werden Menschenleben gerettet.
Als im Sommer 2024 ein Mann in Solingen auf einem Stadtfest mehrere Menschen mit einem Messer tötete, wurde in der Politik umgehend über ein schärferes Waffenrecht diskutiert. Greifen Menschen zum Auto als Waffe, passiert das nicht – weder nach dem Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024 noch nach der Amokfahrt 2025 in Mannheim. Dabei wird das Fahrzeug immer häufiger als Tatwaffe genutzt. Kein Wunder, schließlich steht es für alle verfügbar auf der Straße und ist besonders tödlich im Einsatz. Dafür braucht es noch nicht einmal die gezielte Absicht, einen Menschen zu töten. Auch ohne diese sterben jedes Jahr knapp 3.000 Menschen im Straßenverkehr in Deutschland.
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Reden wir in Deutschland über den Verkehr und seine Gefahren, sind immer die anderen schuld: die Kinder, die laut einer aktuellen ADAC-Umfrage nicht aufmerksam genug im Straßenverkehr sind; die Jugendlichen, die ohne Rücksicht auf Verluste mit E-Scootern durch die Innenstädte rasen; oder die Senioren, die zu schnell mit ihren Pedelecs unterwegs sind. Autos und ihre Fahrer_innen sind in der Frage der Verantwortung fein raus. Sie dürfen weiter den öffentlichen Raum voll stellen, als hätten wir nicht ein enormes Platzproblem in den Innenstädten. Sie dürfen die Luft mit ihren Abgasen verpesten und weiter in der Nähe von Schulen, Altersheimen und Wohnhäusern rasen, ganz so, als seien sie nicht für die schwersten und tödlichsten Unfälle verantwortlich.
Dass das nicht so sein muss, machen andere Metropolen vor. In vielen italienischen Städten gibt es mittlerweile verkehrsbeschränkte Zonen. Auch in Paris und Barcelona werden immer mehr Straßen autofrei: für die Sicherheit – aber auch, um die Lebensqualität aller zu steigern. In Berlin dagegen traf der Verkehrsentscheid – der seinen radikalen Namen „Berlin autofrei“ schon aufgegeben hat – auf große Gegenwehr. Die reaktionären Kulturkämpfer von CDU und FDP plakatierten die Stadt zu, um das Volksbegehren zu verhindern. Bloß nicht ein Auto weniger in dieser Stadt.
In der Grimmaischen Straße in Leipzig wurden mittlerweile Poller aufgestellt. Sie sollen weitere Amokfahrten verhindern. Eine richtige Reaktion, doch nicht ausreichend. Wir werden nicht alle Plätze und Straßen des Landes mit Pollern versehen können. Mehr Sicherheit gäbe es, wenn Autos aus Innenstädten verbannt würden.
Natürlich gibt es noch andere Waffen. Und selbstverständlich gibt es auch auf dem Land und in Kleinstädten Unfälle und die Möglichkeit zu Amokfahrten. Doch in den Metropolen ist ein Leben ohne Auto längst möglich – weniger Verletzte und Tote wären garantiert.
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