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Leipzig und keine FolgenWaffe: Auto. Täter: Mann. Verantwortung übernehmen: null

Carolina Schwarz

Kommentar von

Carolina Schwarz

Leipzig trauert um die Toten der Amokfahrt. Und der Rest? Das Auto gilt immer noch als unantastbar – in Deutschland. Dabei geht es längst besser.

Verkehrsteilnehmer, der in Deutschland keine Lobby hat: Junge auf Fahrrad Foto: Katja Hoffmann/laif

V iel ist über die Opfer aus Leipzig nicht bekannt. Eine 63-jährige Frau und ein 77-jähriger Mann waren am Montagnachmittag in der Leipziger Innenstadt unterwegs. Vielleicht waren sie nach Feierabend auf dem Weg nach Hause, vielleicht wollten sie ein paar Erledigungen machen oder bei Sonnenschein eine Kugel Eis essen. Wir wissen es nicht. Bekannt ist lediglich, dass sie gegen 16.45 Uhr in der Grimmaischen Straße getötet wurden. Der Täter: ein 33-jähriger Mann. Seine Waffe: ein Auto.

Ein politisches oder religiöses Motiv schließt die Staatsanwaltschaft bislang aus und spricht von einer Amokfahrt. Der Täter wurde wenige Tage vor der Tat aus der psychiatrischen Klinik entlassen. Und damit scheint das Thema für die Bevölkerung erledigt. In der sächsischen Großstadt gibt es noch Trauerfeiern. Die Fahnen vor dem Neuen Rathaus hängen auf halbmast, Blumen und Kerzen am Tatort erinnern an die Verstorbenen und Verletzten.

Es ist ein kurzes Innehalten, dann wird auch in Leipzig wieder der Alltag einkehren. Der Rest des Landes hat die Tat schon wieder abgehakt. Kein „Brennpunkt“, keine politischen Debatten, Trump und seine Zölle dominieren wieder die Nachrichten. Leipzig war für viele ein tragischer Einzelfall. Da kann man nichts machen, wenn ein psychisch Erkrankter zum Auto greift und auf Menschen zielt.

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Wir alle wissen, dass die Situation eine vollkommen andere wäre, wenn der Täter Mohammed oder Anis hieße. Soziale und klassischen Medien wären voll von rassistischen Verschwörungen und Vorwürfen, die Rufe nach weiteren Asylverschärfungen wären laut und würden von der Politik erhört. Doch in diesem Fall heißt der Täter Jeffrey, er hat einen deutschen Pass und keine Migrationsgeschichte. Der Fall wird mutmaßlich zu keinen großen gesellschaftlichen Veränderungen führen. Doch das ist falsch.

Die Autos müssen die Innenstädte verlassen

Leipzig ist kein Einzelfall. In den letzten Jahren haben immer wieder Männer zum Auto gegriffen, um gezielt Menschen zu töten. Oder sie haben es billigend in Kauf genommen, Menschenleben zu gefährden. Und darüber müssen wir sprechen: inwiefern psychologische und soziale Angebote helfen könnten, potenzielle Täter zu erkennen und dadurch zu stoppen; wie Behörden besser zusammenarbeiten, damit Warnzeichen wie sie es auch in diesem Fall gab, nicht folgenlos bleiben; welche Rolle Männlichkeit bei diesen Tötungen spielt. Und wir müssen auch über die Wahl der Waffe sprechen. Denn wenn Autos aus den Innenstädten verschwinden, werden Menschenleben gerettet.

Als im Sommer 2024 ein Mann in Solingen auf einem Stadtfest mehrere Menschen mit einem Messer tötete, wurde in der Politik umgehend über ein schärferes Waffenrecht diskutiert. Greifen Menschen zum Auto als Waffe, passiert das nicht – weder nach dem Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024 noch nach der Amokfahrt 2025 in Mannheim. Dabei wird das Fahrzeug immer häufiger als Tatwaffe genutzt. Kein Wunder, schließlich steht es für alle verfügbar auf der Straße und ist besonders tödlich im Einsatz. Dafür braucht es noch nicht einmal die gezielte Absicht, einen Menschen zu töten. Auch ohne diese sterben jedes Jahr knapp 3.000 Menschen im Straßenverkehr in Deutschland.

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Reden wir in Deutschland über den Verkehr und seine Gefahren, sind immer die anderen schuld: die Kinder, die laut einer aktuellen ADAC-Umfrage nicht aufmerksam genug im Straßenverkehr sind; die Jugendlichen, die ohne Rücksicht auf Verluste mit E-Scootern durch die Innenstädte rasen; oder die Senioren, die zu schnell mit ihren Pedelecs unterwegs sind. Autos und ihre Fahrer_innen sind in der Frage der Verantwortung fein raus. Sie dürfen weiter den öffentlichen Raum voll stellen, als hätten wir nicht ein enormes Platzproblem in den Innenstädten. Sie dürfen die Luft mit ihren Abgasen verpesten und weiter in der Nähe von Schulen, Altersheimen und Wohnhäusern rasen, ganz so, als seien sie nicht für die schwersten und tödlichsten Unfälle verantwortlich.

Dass das nicht so sein muss, machen andere Metropolen vor. In vielen italienischen Städten gibt es mittlerweile verkehrsbeschränkte Zonen. Auch in Paris und Barcelona werden immer mehr Straßen autofrei: für die Sicherheit – aber auch, um die Lebensqualität aller zu steigern. In Berlin dagegen traf der Verkehrsentscheid – der seinen radikalen Namen „Berlin autofrei“ schon aufgegeben hat – auf große Gegenwehr. Die reaktionären Kulturkämpfer von CDU und FDP plakatierten die Stadt zu, um das Volksbegehren zu verhindern. Bloß nicht ein Auto weniger in dieser Stadt.

In der Grimmaischen Straße in Leipzig wurden mittlerweile Poller aufgestellt. Sie sollen weitere Amokfahrten verhindern. Eine richtige Reaktion, doch nicht ausreichend. Wir werden nicht alle Plätze und Straßen des Landes mit Pollern versehen können. Mehr Sicherheit gäbe es, wenn Autos aus Innenstädten verbannt würden.

Natürlich gibt es noch andere Waffen. Und selbstverständlich gibt es auch auf dem Land und in Kleinstädten Unfälle und die Möglichkeit zu Amokfahrten. Doch in den Metropolen ist ein Leben ohne Auto längst möglich – weniger Verletzte und Tote wären garantiert.

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Carolina Schwarz
Ressortleiterin taz zwei
Ressortleiterin bei taz zwei - dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Schreibt hauptsächlich über intersektionalen Feminismus, (digitale) Gewalt gegen Frauen und Popphänomene. Studium der Literatur- und Kulturwisseschaften in Dresden und Berlin. Seit 2017 bei der taz.
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9 Kommentare

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  • Ohne Poller wird es nicht gehen.



    Hier im Ort (ländlich mit Durchgangsverkehr) gibt es eine 800 m lange "Spielstraße". Es gibt Autofahrer, die diese Spielstraße nutzen, um die genauso lange Strecke Hauptstraße zu meiden, weil die dortigen 30 vielleicht durch einen entgegenkommenden Bus erzwungen werden könnten. Die Schrittgeschwindigkeit kontrolliert keiner. Und die Kinder springen schnell genug zur Seite, damit die Strecke sich "lohnt".



    Die Anwohner haben angeboten für die elektronischen Poller zu bezahlen, aber die Gemeinde DARF NICHT.



    Übrigens endet die Spielstraße zehn Meter vor der Grundschule. Die Strecke direkt an der Schule vorbei DARF NICHT weiter entschleunigt werden als 30.

  • Mal ganz nüchtern betrachtet.







    (Auch) das Problem solcher Amokfahrten ist sehr einfach mit technischen Mitteln zu lösen. Indem man die bereits (teilweise) vorhandenen Systeme "scharfstellt" und es der Elektronik überlässt, bestehende Höchstgeschwindigkeiten direkt in den Fahrzeugen zu erzwingen. Beim Versuch in Fußgängerzonen einzufahren, würde dann ganz schlicht der Motor ausgehen.







    Soweit der rationale Teil...

  • Ich halte eine bessere sozialpädagogische, psychiatrische und psychologische Versorgung für elementar. Das sollte bereits in der Schule leicht zugänglich sein, um familiäre Gewalt und Verwahrlosung abzufedern. Psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft steigen rasant.

    Stattdessen wird in dem Bereich gekürzt. Programme werden gestrichen und den Therapeuten die Vergütung gekürzt.

    Das soll die Tat nicht entschuldigen oder relativieren.

  • Doch - wir sollten alle plätze und Straßen mit pollern versehen, dann könnten die autos gar nicht mehr fahren.

  • Ich fahre hier in unserer Region nur mit dem Fahrrad. Egal ob zur Arbeit, zum Einkaufen oder nur zum Spaß. Mittlerweile habe ich allerdings aufgegeben und gehöre seit ein paar Wochen zu den Gewinnern. Fahre ich in die Stadt, mache ich das grundsätzlich mit dem Auto.



    Ich hatte in kürzerer Zeit mehrere sehr gefährliche Situationen, in denen ich am Ende eigentlich nur Glück hatte. Mit dem Auto kann man in der Stadt die vorgegebene Höchstgeschwindigkeit problemlos als Vorschlag sehen, Fahrradwege und Fußwege zum Brötchen holen sperren und so weiter. Außerdem hat man glatte und frisch geteerte Straßen und nicht im nichts endende, holprige und enge Wege, die als Fahrradweg gekennzeichnet sind.



    Nicht falsch verstehen: Mit dem Rad fahren macht mir immer noch mehr Spaß und ich mache das auch weiterhin. Mit dem Auto in der Stadt fahre ich außerdem eher vorsichtig und parke nicht da, wo es absolut nicht ok ist. Aber man macht so seine Beobachtungen...

  • Es ist ein bizarres Paradoxon: In deutschen Innenstädten regiert der Blechpanzer, während die schweigende Mehrheit der Anwohner längst von lebenswerten Quartieren ohne Abgaswolken und Parkplatz-Agonie träumt. Wir opfern unseren wertvollsten Stadtraum einer lautstarken Minderheit, die das Auto nicht als Transportmittel, sondern als sakrosanktes Grundrecht auf Raumaneignung missversteht.



    ​Obwohl Umfragen regelmäßig zeigen, dass die Menschen sich breitere Gehwege, sichere Radspuren und Platz für Bäume statt für Dauerparker wünschen, verharrt die Politik in einer Art Schockstarre vor der Autolobby. Dieser „Auto-Terror“ raubt uns nicht nur die Luft zum Atmen, sondern zerstört das soziale Gefüge unserer Kieze. Es ist Zeit, die Prioritäten vom Kühlergrill zurück zum Menschen zu verschieben. Eine Stadt ist kein Logistikzentrum für Individualverkehr, sondern ein Lebensraum. Wer den öffentlichen Raum dem Auto überlässt, enteignet die Bürger. Machen wir die Straßen wieder zu dem, was sie sein sollten: Orte der Begegnung, nicht der Verdrängung!

    • @amigo:

      Hervorragendes Plädoyer. Leider ist der Autofetischismus in Deutschland ausgeprägter als in fast allen anderen Ländern.

    • @amigo:

      Volle Zustimmung zum Beitrag und zu Ihrem Kommentar.

    • @amigo:

      Das allgemeine Problem ist, dass es so einige in unserer Gesellschaft gibt, welche den Zusammenhang zwischen lebenswertem Stadtraum und Wahlen nicht vollumfänglich erfassen. In diesem Land werden vorwiegend SPD und CDU gewählt, und in letzter Zeit auch zunehmend AfD. Alle drei sind reaktionäre, rechte Parteien, welche sich zuallererst um ihre eigene Taschen und die ihrer Financiers kümmern bevor das Wohl der Gesellschaft auch nur annähernd in Betracht gezogen wird.