Alternative Klimakonferenz: Wenn es um das Wie geht, statt um das Ob
Um den Klimawandel zu stoppen, muss der Ausstieg aus den Fossilen gelingen. Wie, das diskutierte in Santa Marta eine Koalition der Willigen. Erfolgreich?
S elbst wenn Ralph Regenvanu abends mit einer Bierdose in der Hand am Strand sitzt, sind die Verhandlungen noch nicht vorbei. „Sie müssen Panama an Bord bekommen!“, ruft er einer vorbeigehenden Frau zu, die für eine NGO arbeitet. Ralph Regenvanu ist Energieminister des pazifischen Inselstaats Vanuatu und hat einen langen Konferenztag hinter sich.
Gemeinsam mit Vertretern von 56 Ländern debattiert er in der letzten Aprilwoche im kolumbianischen Santa Marta die Abkehr von den fossilen Energien. Es ist der erste globale Gipfel mit diesem Ziel – ein Hoffnungsmoment, meinen manche. Vielleicht endlich eine Klimakonferenz, die echten Fortschritt bringt?
Regenvanu sitzt in dunklem Anzug auf einem Plastikstuhl, dessen Beine schon ein gutes Stück im Strand versunken sind. Feierabend hat er nicht. „Hier spielt sich das Wichtigste ab, auf Seitenveranstaltungen“, sagt Regenvanu.
Nach dem heißen Tag ist in Santa Marta abends endlich der Hauch einer Brise zu spüren, das Meer rauscht. Auf den Stehtischen am Hotelstrand liegen Reste frittierter Häppchen: Kochbanane, mit Käse gefülltes Maniokpüree, Würstchen. Drumherum stehen Staatsvertreter:innen verschiedener Länder der Welt und Mitarbeitende von Umwelt-NGOs mit Cocktails in der Hand. Manche haben die hochhackigen Schuhe ausgezogen und graben ihre Zehen in den Karibiksand.
Die USA wurden nicht eingeladen
Santa Marta ist ein kolumbianischer Urlaubsort, hinter dem sich ein bewaldetes Gebirge erhebt, wo Jaguare Schutz finden. Santa Marta ist aber auch der größte Kohlehafen Kolumbiens. Das Land gehört zu den fünf wichtigsten Steinkohleexporteuren der Welt. Für die erste internationale Konferenz zum Ausstieg aus fossilen Energieträgern TAFF (Transitioning Away from Fossil Fuels) ist diese symbolische Kulisse bewusst gewählt. Beides ist in Sichtweite: die paradiesische, schützenswerte Natur – und eine Industrie, die sie existenziell bedroht.
Die Konferenz, die hier vom 24. bis zum 29. April stattfindet, unterscheidet sich von allen globalen Klimakonferenzen bisher. Denn hier trifft sich eine Koalition der Willigen. Eingeladen wurden nur Länder, die sich einig sind, dass es beim Ausstieg aus den fossilen Energieträgern vorangehen muss. Die Golfstaaten standen nicht auf der Liste, auch die USA wurden nicht eingeladen. Für Deutschland ist Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth von der SPD vor Ort.
Die TAFF-Konferenz ist auch die Antwort auf eine Niederlage. Auf der letzten UN-Klimakonferenz in Belém scheiterte ein konkreter Fahrplan zum Ausstieg. 83 Staaten wollten ihn, das ist etwas weniger als die Hälfte aller Staaten, die an der Konferenz teilnahmen. Unter anderem die Ölstaaten blockieren seit Jahren Fortschritte auf den großen UN-Klimakonferenzen.
Vor allem auch deshalb kommt die Klimadiplomatie nur im Schneckentempo voran, während sich die Erderhitzung immer weiter beschleunigt. In Santa Marta sollen nun keine Klimaziele mehr debattiert werden, sondern ihre Umsetzung. Das Wie, das dringend auf das Was folgen muss.
Ralph Regenvanu, Ernergieminister Vanuatus
Regenvanu läuft zu Konferenzbeginn beschwingt durch die Lobby eines hoch klimatisierten Hotels, den obersten Knopf des Hemdes offen. In Santa Marta sind es tagsüber 38 Grad ohne Schatten, Taxis, Konferenzräume und Hotels werden oft 15 Grad gekühlt. Kälte ist längst zum Statussymbol geworden.
Regenvanu hat durch die Anreise zwei schlaflose Nächte hinter sich, die man ihm nicht ansieht. „Ich bin hoffnungsvoll. Ohne die Blockiererstaaten können wir vieles bewegen“, sagt er. „Auf den UN-Klimakonferenzen stecken wir jedes Mal in derselben Situation gegen dieselben Länder fest.“
Ralph Regenvanu ist nicht nur Energieminister. Sein kompletter Titel lautet: Minister für Klimawandel, Anpassung, Meteorologie und Georisiken, Energie, Umwelt und Katastrophenrisikomanagement. Das sagt einiges über die Situation in seinem Land.
Als Regenvanu ein Kind war, gab es auf Vanuatu, einem Inselstaat mit 330.000 Einwohner:innen, noch Jahreszeiten. Eine kühle, trockene Jahreszeit und eine heiße, feuchte. Doch das Muster gibt es nicht mehr. Dafür extremeren Regen, stärkere und häufigere Zyklone. Ganze Gegenden im Tiefland sind unbewohnbar geworden. Das Grundwasser ist versalzt, das Trinkwasser wird knapp.
Gegenüber den anderen pazifischen Inselstaaten hat Vanuatu dennoch einen Vorteil: Es liegt deutlich höher. „Unsere niedrigen Teile werden verschwinden – aber wir können noch in die Berge ziehen, wo unsere Vorfahren vor der Kolonialisierung und Christianisierung lebten.“ Der Umzug hat schon begonnen. Den flacheren Nachbarstaaten um Vanuatu herum droht der Untergang.
Er habe genug vom Gerede auf Konferenzen. „Ich will Handlungen sehen“, sagt Regenvanu, „Verbindlichkeit!“ Er sucht nach Wegen, internationale Abkommen zu schaffen, die einklagbar sind. Deswegen setzt er sich für einen fossil fuel treaty ein, einen international rechtsverbindlichen Vertrag über das Nichtverbreiten fossiler Brennstoffe. Mit diesem Instrument könnte der Ausstieg global festgemacht und koordiniert werden. Und es wäre möglich, gegen Verstöße zu klagen.
Nach dem Eröffnungsplenum nimmt Regenvanu die Treppen, versucht sich durchzufragen zu Saal 3, Thema hier: „Governance Gaps“, Steuerungslücken. Ein leerer, fensterloser Raum mit schreiend buntem Teppich und Stuhlkreis. „Interessantes Format. In Kreisen herumsitzen“, murmelt Regenvanu. Die Klimaanlage röhrt. Er wartet mit seinem Laptop im Konferenzstoffbeutel lieber draußen, bis die anderen Minister:innen eintreffen. Wird es am Ende doch wieder nur Gerede? Ein bisschen nervös sei er schon, sagt er.
Unter den 1.500 Menschen die nach Santa Marta gekommen sind, sind auch viele Aktivist*innen. Einige von ihnen haben während der Konferenz den Eingang zum Kohlehafen der Firma Drummond blockiert. Kolumbien ist immer noch ein wichtiger Kohlestaat, auch wenn Gustavo Petro, Kolumbiens erster linker Präsident, international als Klimakämpfer gilt, weil seine Regierung den Ausbau der Fossilen im Land stoppen will.
Die Protestierenden im Kohlehafen trugen Tiermasken. Eine von ihnen ist Xananine Calvillo. Sie hatte sich die Maske eines Kojoten aufgesetzt, eines bedrohten Tiers ihrer Heimat.
Calvillo ist 25 Jahre alt und kommt aus Mexiko. Sie gehört der Gruppe der Ngiwa an und setzt sich im Tal von Tehuacán mit ihrem Frauenkollektiv für Klimagerechtigkeit ein. Bei ihr zu Hause bedeutet das: Umwelterziehung, die Rettung ihrer indigenen Sprache und Anbautraditionen. Denn im Tal, das Unesco-Welterbe ist und die Wiege des Mais, breiten sich Monokulturen und Massenviehhaltung aus – befeuert durch Düngemittel und Pestizide, die aus fossilen Rohstoffen hergestellt werden und die Klimakrise antreiben.
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Calvillo ist in Santa Marta aus den gleichen Gründen, wie sie sagt, aus denen sie zur UN-Klimakonferenz in Belém fuhr: um die Mächtigen zu kontrollieren und zu konfrontieren. Dass sich die hier Anwesenden als Willige, als Avantgarde feierten, reiche ihr nicht.
„Das Problem sind nicht nur die fossilen Brennstoffe“, sagt sie. Das ausbeuterische System, das Gewinne über Leben stelle, ende nicht bei fossilen Brennstoffen. In ihrem Tal in Mexiko, das einst Meeresboden war, wurde zudem Lithium gefunden, ein Bestandteil der Batterien von Elektroautos. Sie befürchtet, dass der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen deswegen so interessant sei, weil so viele Investoren in grüne Energie einsteigen wollten. „Doch grüner Kapitalismus bleibe Kapitalismus“, sagt sie. Und Kapitalismus hinterlasse immer Opfer.
Dennoch kämpft auch sie für das Abkommen zum Ausstieg aus den fossilen Energieträgern. Denn die Rechnung könnte ganz einfach sein: Das Verbrennen von Kohle, Öl und Erdgas erhitzt die Erde, deswegen muss die Menschheit damit aufhören, wenn sie nicht die eigenen Lebensgrundlagen zerstören will.
Dass das nicht passiert ist, liegt auch daran, dass auf den Weltklimakonferenzen im Konsens entschieden wird. Der Ausstieg war auf den COPs lange ein Tabu. 1979 fand die allererste Weltklimakonferenz statt, aber erst 2023 in Dubai einigten sich die fast 200 Vertragsstaaten des Pariser Abkommens überhaupt darauf, dass es einen „Übergang weg von fossilen Energien“ geben soll. Weiter ist man bisher nicht gekommen.
„Wir müssen unsere Gegenstrukturen schaffen“
Die Konsensregel war einmal als Schutz für die Schwachen gedacht, damit kein kleines Land überstimmt werde. Sie nützt schwächeren Ländern auch weiterhin, etwa wenn es um die Klimafinanzierung geht – ein Thema, das die Industrieländer gerne unter den Tisch kehren würden. Doch inzwischen schützt sie vor allem die Stärksten der Fossile-Energien-Wirtschaft.
„Die Konsensregel muss weg“, sagt Ralph Regenvanu. In Santa Marta gilt sie nicht. Die Konferenz versteht sich aber nicht als Gegenmodell zur Weltklimakonferenz, sondern als Ergänzung und Vorbereitung auf die nächste COP. Regenvanu nutzt jede Pause und jedes Essen für bilaterale Treffen. Malawi, Portugal, Ghana.
Auch Xananine Calvillo knüpft Verbindungen. Das Hostel, in dem sie untergekommen ist, ist die Vernetzungszentrale von Aktivist:innen aus Bolivien, Palästina, von den Pazifikinseln, aus den USA und anderen Teilen der Welt. Viele kannte Calvillo bisher nur aus dem Internet.
„Wir müssen unsere Gegenstrukturen schaffen“ – etwa wenn Mitstreiter:innen aus dem Globalen Norden ihre Privilegien erkennen und sie nutzen, um Klimaschützer:innen aus dem Globalen Süden ins Rampenlicht zu rücken. An Orten, wo Gewalt gegen Umweltaktivist*innen Alltag ist, kann diese globale Aufmerksamkeit zumindest ein bisschen zum Schutz beitragen.
Am Ende steht ein Fahrplan, wie es weitergeht
Kurz vor dem Abschlussplenum der Konferenz sitzt Ralph Regenvanu auf der Mauer zwischen Hotel und Konferenzgebäude. Seine Stimme kippt vor Überschwang. Er kam gerade aus einer Sitzung, die er fast verpasst hätte, weil das Programm mal wieder umgebaut wurde.
„Ich wusste nicht, dass sie schon eine Stunde lief“, sagt er, „und dachte: Scheiße.“ Doch er bekam noch das letzte Wort. Deutlich habe er gesagt, dass der fossile Ausstiegsvertrag beim nächsten Mal auf der Tagesordnung stehen müsse. Keine Diskussion! Vor dem Hotel schlendert die Vertreterin Kenias vorbei und ruft: „Toller Redebeitrag!“
Ralph Regenvanu sei zum Ende der Konferenz euphorischer, als er es erwartet habe, sagt er. Auch, weil die nächste Konferenz schon geplant ist für das kommende Jahr und in Tuvalu stattfinden soll. Die vom Klimawandel besonders betroffenen pazifischen Inselstaaten werden damit symbolisch ins Zentrum gerückt. Dieses Mal wird nicht Ralph Regenvanu zwei schlaflose Nächte in Flugzeugen verbringen, sondern die meisten anderen.
Am Ende der diesjährigen TAFF-Konferenz standen keine bindenden Beschlüsse, sondern ein Fahrplan, wie es weitergeht. Unter anderem gründete sich ein internationales Wissenschaftspanel, das Regierungen bei ihrem fossilen Ausstieg beraten soll.
Xananine Calvillo, Aktivistin für Klimagerechtigkeit
Was diese Gruppe in der Hand hat, ist Kaufkraft. Wenn ein Drittel der Weltwirtschaft den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern beschleunigt, dann verschwindet ein riesiger Markt auf der Nachfrageseite. Frankreich etwa hat im Zuge der Konferenz nochmals seinen Plan bekräftigt, 2027 aus Kohle, 2045 aus Öl und 2050 aus Gas auszusteigen.
Am Abend, als im Konferenzzentrum langsam die Lichter ausgedreht werden, sitzt die Aktivistin Xananine Calvillo noch mit fünf Mitstreiter*innen am Strand. In ihrer Mitte liegt ein Tuch. „Sei nicht fossil“, steht auf Spanisch darauf. Calvillo zieht mit den Füßen Kreise im Sand.
Nicht fossil sein, das Fossile loswerden – das heißt nicht nur, Autos mit Strom statt mit Benzin herumfahren zu lassen. Sondern auch, es ganz anders zu probieren, selbst im Zwischenmenschlichen. Sich Halt geben. „Die Räume, die wir schaffen, müssen wie die Welt sein, die wir bauen wollen“, sagt Calvillo. Als ein Mädchen zu weinen beginnt, berührt sie es sacht an der Schulter, bis die Tränen aufhören. Über den Klimaaktivist:innen leuchtet das kalte Scheinwerferlicht der Riesenschiffe im Containerhafen nebenan.
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