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Merz, Kubicki und SöderEin Mann mit Traum und ein Eierarsch

Kanzler Friedrich Merz sorgt für Panik beim Koalitionspartner mit seiner Rentenaussage, Wolfgang Kubicki sorgt für Ärger mit seiner Merz-Aussage.

Ob Bettina Schiller ihn da wohl gerade maßregelt? Foto: Focke Strangmann/dpa

t az: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?

Friedrich Küppersbusch: 40 Jahre nach „Tschernobyl“ immer wieder mal hübsche AKW-Ideen.

taz: Und was wird besser in dieser?

Küppersbusch: Ich rufe mich aus der Zukunft 1986 an und versuche, zu beruhigen.

taz: Der Bundeskanzler versteht die Rente künftig nur noch als „Basisabsicherung“. Kann er ´s?

Küppersbusch: Vorher Bescheid sagen ist nicht so seine starke Seite. Etwa dem hochnervösen Koalitionspartner. Der Satz an sich ist Binse, steht auch so im Koalitionsvertrag: Gesetzliche plus betriebliche plus private Altersvorsorge sei´s Panier. Dass es sonst für viele nicht reicht, ist Bestandsaufnahme, nicht Zielsetzung. Also hoffentlich. Fritz …, nun sag doch mal!

taz: Kubicki nennt Merz „Eierarsch“, Merz soll Klingbeil beim Regierungsgipfel angebrüllt haben. Gut so, endlich gehts zur Sache?

Küppersbusch: Kubicki steht für die Verfipsasmussung des deutschen Restliberalismus und dient sein kleines Repertoire bevorzugt Welt TV, Bild TV und Nius an, vulgo: Er gibt Deutschlands führende Strandhaubitze, um eine FDP als Gelenk-Partei zwischen Union und AfD zu skizzieren. In der Gegend sind schon andere verschimmelt. Kaum zu erkennen, ob er für diesen Inhalt Krawall macht oder für´s Krawallmachen auch noch diesen Inhalt kapert. Dass in der Koalition gebrüllt wird, wäre ein Zeichen, dass sie Ernst machen und es um etwas geht; das wäre eine gute Nachricht.

taz: Wenn Sie die Rede von Lars Klingbeil zum Tag der Arbeit am 1. Mai schreiben müssten – wie würde sie beginnen?

Küppersbusch: „I have a dream“. Ok, nicht ganz neu; doch SPD und Gewerkschaften haben sich dermaßen auf Kapitalismus-Reparaturdienst verlegt, dass ihre traditionelle Kundschaft schon mit jedem fraternisiert, der den großen Gegenentwurf, den Bruch, die Disruption verspricht. „Wir wollen ein anderes Land!“, bevor´s die anderen tun.

taz: Der Astrophysiker und TV-Moderator Harald Lesch empfiehlt Markus Söder „physikalische Nachhilfe“, weil der Mini-Atomkraftwerke in Bayern testen will. Ist Söder auch so ein Mini-Atomkraftwerk?

Küppersbusch: Lesch hat vor 5 Jahren ein Stück über „Small Modular Reactors“ bei Youtube eingestellt, es hat 1,3 Millionen Aufrufe, also ca. alle außer Söder haben es gesehen. Bayern bezieht 75 % seines Stroms aus Erneuerbaren und will auf gar keinen Fall Endlagerstätte werden. Wenn also ein Bundesland ganz besonders keine neuen Reaktoren braucht, dann Bayern. Es sei denn, Söder sitzt eine AfD-Umfrage quer.

taz: Am Tegernsee steigt kommende Woche der Ludwig-Erhard-Gipfel der Weimer Media Group. Mit wem wird die Ehefrau des Kulturstaatsministers die Häppchen vom Flying Buffet teilen?

Küppersbusch: Kommende Woche geht die Bundestagsfraktion der Grünen in Klausurtagung und hat dort eine Debatte unter dem Motto „Der Spaltung die Stirn bieten“ angekündigt. Hups? Wollen die mit einer Axt im Kopf rumlaufen oder den mit einer Rasierklinge ritzen? Das erinnert noch stets an Habecks Idee von den gesellschaftlichen Bündnissen quer und jenseits hergebrachter Gräben. Und ist inzwischen geübte grüne Praxis, in Schwarz-Grün, Rot-Grün und diversen Ampeln in den Ländern. Fehlt jetzt nur noch ein überzeugender Personalvorschlag, der das Angebot verkörpert. Wer als erster „Habeck“ ruft, ist raus.

taz: Dem Sohn des letzten Schahs von Persien wurde in Berlin kein roter Teppich gerollt, aber von seinem Besuch in Berlin wird so berichtet, als wäre er Staatsgast. Wird der Mann überschätzt?

Küppersbusch: Nicht von sich. Man ist versucht, etwas Gutes an ihm zu suchen, nachdem Trump ihn noch hinter die nächste Generation Mullahs wegsortiert hat in der Thronfolge. Dann liest man sein Konzept für seine „Übergangsherrschaft“ und staunt. So eine unverblümte Diktatur hätte Trump gern. Es ist alles nur Neid.

taz: RTL hat jetzt Sky. Spaß vorbei?

Küppersbusch: Die Pro7-Sat1-Kabel1-Joyn-Gruppe gehört zu über 75 % den Erben Berlusconi; im Streaming sind Amazon, Netflix und Disney auf den ersten Plätzen in Deutschland. Es mag einen schaudern, wenn man sich bei der Hoffnung erwischt: Die Bertelsmenschen mögen aus RTL+, SKY und seiner Filiale WOW wenigstens einen nicht von fremden Mächten dominierten Heimatfunk zusammendengeln. Allerdings wird´s da, nach weiteren Entlassungen, besonders um Sport gehen, weniger um News und komplizierten Inhaltekram. Kurz: Ein stummer Schrei nach Öffentlich-Rechtlichen.

taz: Und was macht der RWE?

Küppersbusch: Untrügliches Zeichen: Schalke steigt in die Bundesliga auf, um in der Zweiten nicht gegen RWE antreten zu müssen. Schade eigentlich.

Fragen: Doris Akrap

Friedrich Küppersbusch ist Journalist, Produzent und sucht Karten gegen SV Verl.

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Friedrich Küppersbusch
Jahrgang: gut. Deutscher Journalist, Autor und Fernsehproduzent. Seit 2003 schreibt Friedrich Küppersbusch die wöchentliche Interview-Kolumne der taz „Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?".
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