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Polizeiskandal in SüdafrikaFreund und Helfer des organisierten Verbrechens?

Südafrikas Polizeichef steht wegen einer Auftragsvergabe ein Verbrecherkartell vor Gericht und muss gehen. Seine Nachfolgerin ist auch verwickelt.

Polizeichef als Angeklagter: Fannie Masemola im Amtsgericht Pretoria, 21. April Foto: Stringer/reuters

Aus Johannesburg

Tintswalo Baloyi

Schon wieder wurde in Südafrika ein Polizeichef vor Ende seiner Amtszeit abgesetzt und damit erneut unter Beweis gestellt, was für ein vergifteter Job das im Land mit einer der höchsten Kriminalitätsraten der Welt ist. Fannie Masemola wurde am Donnerstag von Präsident Cyril Ramaphosa als „National Police Commissioner of the South African Police Service“ suspendiert und kommissarisch durch Generalleutnant Puleng Dimpane ersetzt.

Masemolas Absetzung ist die Zuspitzung eines Skandals um Korruption und politische Einflussnahme, der Südafrika seit Langem in Atem hält. Vergangene Woche trat Polizeichef Masemola vor dem Amtsgericht der Hauptstadt Pretoria auf unter vier Finanzanklagen. Es geht darum, dass Südafrikas Polizei einem der wichtigsten mutmaßlichen Chefs des organisierten Verbrechens im Land, Vusimuzi Matlala, einen öffentlichen Auftrag im Wert von 360 Millionen Rand (rund 18 Millionen Euro) vergeben hat.

Matlalas Firma „Medicare 24“ erhielt 2024 den Zuschlag für Gesundheitschecks und begleitende Gesundheitsmaßnahmen für Südafrikas 180.000 Polizisten über drei Jahre. Wegen Unregelmäßigkeiten wurde der Vertrag 2025 wieder aufgelöst, Matlala und zwölf hochrangige Polizeibeamte wurden festgenommen. Polizeichef Masemola muss sich nun mit ihnen zusammen vor Gericht verantworten. Das hat seine Stellung unhaltbar gemacht. Der nächste Gerichtstermin ist am 12. Mai.

Präsident Ramaphosa sagte, die Verwicklung des Polizeichefs sei äußerst besorgniserregend. „Doch sollten wir nicht zulassen, dass diese Entwicklung unsere Entschlossenheit schmälert oder unsere Fähigkeit schwächt, Kriminalität und Korruption zu bekämpfen“, fügte er an. „Nichts darf die Polizei destabilisieren oder die Moral jener untergraben, die die Bürger schützen.“

„Cat“ Matlala, der ominöse Geschäftspartner

Masemolas Freunde sagen, der Polizeichef sei Machtkämpfen innerhalb der Polizei zum Opfer gefallen, im Zusammenhang mit Enthüllungen über die zunehmende Einflussnahme von Verbrecherkartellen, die kollektiv als „The Big Five“ bekannt sind. Matlala, mit Spitznamen „Cat“, wird als deren Anführer genannt, er betreibt unter anderem Sicherheitsfirmen.

Im Juli 2025 hatte Ramaphosa eine Untersuchungskommission über Korruption in Polizei und Justiz ins Leben gerufen und den umstrittenen Polizeiminister Senzo Mchunu vom Dienst freigestellt. Die „Madlanga-Kommission“ hat seitdem zahlreiche Beweise für kriminelle Infiltration der Justiz und Korruption gesammelt. Manche Whistleblower sind getötet worden, darunter auch Zeugen der Kommission. Deren Anhörungen dauern an.

Seit Südafrikas Demokratisierung 1994 hat nur Polizeichef George Fivaz, der sein Amt 1995 aufnahm, seine Amtszeit regulär zu Ende gebracht, und der damalige Präsident Nelson Mandela bleibt der Einzige, der nie in die Verlegenheit kam, einen Polizeichef entlassen zu müssen. Nach Fivaz wurden alle fünf weiteren Polizeichefs entweder entlassen oder suspendiert, alle wegen Vorwürfen von Korruption und Amtsmissbrauch.

Immer wieder vorzeitiges Amtsende

Der Nachfolger von George Fivaz ab 2000, Jackie Selebi, verlor sein Amt 2008 in Schande, wurde 2010 wegen Korruption schuldig gesprochen und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Er kam 2012 aus gesundheitlichen Gründen frei und starb 2015. Nachfolger Bheki Cele wurde wegen Fehlverhaltens 2011 suspendiert und später entlassen.

Es folgte die erste Polizeichefin Südafrikas, Riah Phiyega. Sie verlor ihr Amt 2015 nach einem Polizeimassaker an 34 streikenden Bergarbeitern. Ihr Nachfolger, Khomotso Phahlane, verlor sein Amt bereits 2017, kam 2018 wegen Korruption vor Gericht unt wurde entlassen. Sein Nachfolger, Khehla Sitole, legte 2022 sein Amt „im beiderseitigen Einvernehmen“ nieder, es folgte Masemola.

Die Unglücksserie dürfte mit Masemolas Suspendierung nicht enden. Die kommissarische Nachfolgerin Dimpane war Finanzverantwortliche der Polizei während der Auftragsvergabe, die jetzt vor Gericht verhandelt wird.

Während Südafrikas Polizei mit sich selbst beschäftigt ist, hat eine neue Welle ausländerfeindlicher Gewalt das Land erschüttert. Ghana bestellte am Donnerstag den südafrikanischen Botschafter ein, nachdem es in mehreren Städten Südafrikas zu Ausschreitungen gekommen war. Straßenverkaufsstände von Migranten wurden angezündet und ausländerfeindliche Bürgerwehren unternahmen illegale Ausweiskontrollen. Die xenophoben Gruppen rufen zu einem landesweiten Aktionstag am 4. Mai auf.

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