Rechte Gewalt in Sachsen-Anhalt: Angriffe mit neuer Qualität
Schläge, Tritte, Messerstiche: 229 Fälle rechter Gewalt registrierte die Mobile Beratung Sachsen-Anhalt. Vieles taucht nicht in der Statistik 2025 auf.
Bereits am ersten Tag des Jahres registrierte die Mobile Beratung für Betroffene rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt zwei Angriffe. In Halle (Saale) griffen fünf Personen am 1. Januar 2025 einen 15-Jährigen an, beschimpften ihn als „Zecke“, würgten und schlugen ihn. In Magdeburg brachten sechs Personen einen 31-Jährigen zu Boden, traten auf ihn ein und beleidigten ihn rassistisch. Mit Prellungen und Gehirnerschütterung landete er im Krankenhaus.
Beide Fälle stehen exemplarisch für eine Entwicklung, die sich in der Jahresstatistik 2025 der Mobilen Opferberatung Sachsen-Anhalt zeigt: Rechte Gewalt richtet sich häufig gegen Minderjährige und zunehmend gegen vermeintliche politische Gegner:innen. Rassismus bleibt dabei das häufigste Motiv.
Die Beratungsstelle stellte die Zahlen für 2025 am Montag in Magdeburg vor. Demnach gab es im vergangenen Jahr 229 rechte, rassistische, antisemitische und queerfeindliche Angriffe. 130 davon waren rassistisch motiviert, unter den Betroffenen 68 Kinder und Jugendliche.
Verglichen mit den beiden Vorjahren ist das ein Rückgang. Doch die Qualität der Taten habe sich verändert. Darin zeige sich eine „Strategie der Einschüchterung und Raumnahme“, erklärte Antje Arndt, Leiterin des Beratungsprojekts. Zudem sagte sie, die Statistik sei nur ein „Ausschnitt der Realität in Sachsen-Anhalt“ und nicht vollständig, da die Beratung nur bekannte Fälle erfassen könne.
Dunkelziffer rechter Gewalt
Neben Arndt saß am Montagvormittag Saaeid Saaeid, Sprecher des Flüchtlingsrats in Sachsen-Anhalt. Er betonte, dass es bei den Zahlen der Rassismusbetroffenen um Menschen gehe, „die hier leben, arbeiten, Kinder großziehen“. Ihnen werde ihre Herkunft und Zugehörigkeit abgesprochen. Besonders nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg hätten viele diese Erfahrung gemacht.
Saaeid forderte „wirksamen Schutz für Betroffene“. Selbst wenn sie Übergriffe bei der Polizei angezeigt hätten, seien viele Verfahren eingestellt worden. Dadurch „entstehen Wut und Enttäuschung“, erklärte er.
Ebenfalls bei der Präsentation in Magdeburg war Daria Kinga Majewski, Sprecherin des queerpolitischen Runden Tischs in Sachsen-Anhalt (LSQpRT). Sie wies darauf hin, dass Angriffe auf queere Menschen oft im öffentlichen Raum, etwa bei CSD-Veranstaltungen, stattfinden. Das zeige ein starkes Bestreben, „queere Sichtbarkeit und queeres Leben zu zerstören“.
Auch Majewski betonte, die Zahlen seien besorgniserregend, aber unvollständig. Körperliche, verbale, emotionale und strukturelle Gewalt präge das Leben queerer Menschen in Sachsen-Anhalt. „Trotzdem wird kaum eine Gewalterfahrung zur Anzeige gebracht.“ Es bestehe die Sorge, nicht ernst genommen zu werden oder erneut diskriminierendes Verhalten zu erleben. Majewski vermute deshalb eine hohe Dunkelziffer.
Doch selbst Fälle, die bereits vor Gericht sind, landen nicht immer in der Statistik. Über ein Beispiel berichtete zuletzt die taz: In Magdeburg soll ein Mann im September 2024 mit einem Messer auf einen damals 80-Jährigen eingestochen haben. Bei der Gassirunde mit dem Hund habe der Rentner beobachtet, wie der 56-jährige Tatverdächtige Sticker verklebte. Darauf: ein Motiv der Neonazi-Partei III. Weg.
Dass es sich um rechtsextreme Sticker handle, habe der Rentner zwar nicht gesehen, sich aber über die Klebefolienreste beschwert. Da sei der Mann direkt auf ihn losgegangen, habe den Hund getreten, sein Messer gezückt und es dem Rentner in den Oberkörper gerammt.
Mittlerweile verhandelt das Magdeburger Landgericht über den Fall. Die Sticker sind nicht das erste Mal, dass der Angeklagte mit rechtsextremer Gesinnung auffällt. Doch in der Chronik der Mobilen Beratung taucht der Angriff auf den 80-Jährigen bislang nicht auf.
Während der Pressekonferenz am Montag in Magdeburg erklärt Antje Arndt, das liege an den strengen Kriterien der Mobilen Beratung. „Wir nehmen nur Fälle auf, bei denen wir ausreichende Informationen haben, dass wir sie als politisch rechts motiviert einordnen können.“ Bislang sei der Messerangriff als „Verdachtsfall“ geführt. Sollte sich der Verdacht bestätigen, werde er als Nachmeldung noch in die Statistik aufgenommen.
Gewalt vor der Landtagswahl
Mit Blick auf die Landtagswahl am 6. September warnte Arndt davor, dass eine weitere Verbreitung extrem rechter Positionen „die Hemmschwelle zur Anwendung von Gewalt“ senke. Das zeige auch die Erfahrung aus anderen Bundesländern. In Sachsen und Thüringen stieg etwa die Zahl rechter Gewalt zu den Landtagswahlen.
Doch ob in den kommenden Jahren rechte Gewalt überhaupt noch statistisch erfasst wird, ist ungewiss. Die Mobile Beratung Sachsen-Anhalt ist abhängig von Fördergeldern aus dem Förderprogramm „Demokratie leben“ und vom Land Sachsen-Anhalt. Aktuell plant das Bundesfamilienministerium bei „Demokratie leben“ zu kürzen. Ohne das Fördergeld „gibt es die Mobile Opferberatung nächstes Jahr nicht mehr“, stellte Arndt am Montag klar.
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