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Rassismus in DeutschlandDie neue deutsche Islamophobie-Industrie

Gastkommentar von

Emran Feroz

Immer mehr Akteure wollen uns weismachen, dass antimuslimischer Rassismus eine linke Erfindung sei – und profitieren davon. Warum das gefährlich ist.

„Operation Luxor“: Der brutale Spezialeinsatz gegen mutmaßliche Is­la­mis­t:in­nen wurde im Nachhinein als rechtswidrig eingestuft Foto: BMI/APA/picture alliance

E s ist ekelhaft. Es ist rassistisch. Es ist, als würde man sagen: ‚Oh, du schmieriger Jude!‘“, entgegnete US-Schauspieler Ben Affleck einst sichtlich aufgebracht dem Comedian und Talkshow-Host Bill Maher. In der hitzigen Debatte im Jahr 2014 fegte Affleck die Pauschalisierungen seines Gegenübers vom Tisch: „Wie wäre es mit den über einer Milliarde Menschen, die keine Fanatiker sind, die ihre Frauen nicht schlagen, die einfach nur zur Schule gehen wollen, die fünfmal am Tag beten und die keine der Dinge tun, die Sie uns hier als ‚prägend‘ für alle Muslime verkaufen wollen?“ Es war ein Moment, der vielen Zuschauern guttat und deshalb auch viral ging.

Denn bis heute gehört Maher, der sich als Liberaler gibt, zu den schrillsten und muslimfeindlichsten Stimmen Amerikas. Er unterstützte die verheerenden Antiterror-Kriege der USA, israelische Kriegsverbrechen in Gaza und in diesen Tagen auch die US-Angriffe auf Iran. Mahers Rhetorik unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht kaum von jener Donald Trumps oder Benjamin Netanjahus – zwei Fanatikern, die auf der internationalen Weltbühne kaum noch ernst genommen werden, hierzulande jedoch erschreckend viele An­hän­ge­r:in­nen finden.

Mit seiner Haltung gegenüber Mus­li­m:in­nen steht Maher keineswegs allein da. Vor allem in Deutschland lassen sich immer mehr Akteure mit ähnlicher Rhetorik finden, die damit in erster Linie den Diskurs über reale Probleme vergiften wollen. Hierzu gehören schon seit Langem nicht nur AfD-Politiker:innen wie Gottfried Curio, die die Existenz jedweder Muslimfeindlichkeit stets als „ideologisches Konstrukt“ negieren, sondern auch zahlreiche Personen, die sich trotz ihrer kruden Weltanschauungen als „Vertreter der Mitte“ oder „Feinde von jedwedem Extremismus“ verstehen.

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Bild: privat
Emran Feroz

geboren 1991, ist Journalist, Blogger und Gründer von Drone Memorial, einer virtuellen Gedenkstätte für zivile Drohnenopfer. Er verfolgt den Krieg in Syrien und Irak seit Langem, vor allem in Menschenrechtsfragen, aber auch in Bezug auf die Haltung der Linken zu den Konflikten.

So ist es wenig überraschend, dass in den letzten Wochen auch verschiedene Ver­tre­te­r:in­nen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion antimuslimischen Rassismus kleinredeten oder gar völlig als Illusion oder Erfindung von „Linken und Islamisten“ abstempelten. Besonders deutlich wurde dies durch Akteure wie Christoph de Vries, der den Begriff im Bundestag als „konstruiert“ bezeichnete und damit suggerierte, es handle sich lediglich um ein politisches Manöver, um Islamkritik mundtot zu machen.

Die deutsche Islamophobie-Industrie

Dass derartige Positionen mittlerweile den politischen Mainstream erreicht haben, verwundert kaum: Seit den Terroranschlägen der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden genozidalen Vorgehen der israelischen Armee in Gaza boomt in Deutschland abermals das, was man nur als Islamophobie-Industrie bezeichnen kann. Konkret bedeutet dies, dass die Angst vor Extremismus geschürt und kommerziell ausgeschlachtet wird – sei es für Regierungsprogramme, Buchverträge oder mediale Aufmerksamkeit.

In Deutschland floriert dieses Geschäft weiterhin, wie der Fall Ahmad Mansour verdeutlicht. Erst im vergangenen Jahr zeigte eine Correctiv-Recherche auf, dass ein Antisemitismusprojekt Mansours vom Forschungsministerium mit Millionen gefördert wird, obwohl es höchstwahrscheinlich wissenschaftliche Standards verletzt. Mansour gilt in konservativen Kreisen weiterhin als der Islamismusexperte schlechthin, obwohl tatsächliche Expert:innen, darunter vor allem viele Islamwissenschaftler:innen, seine Methodik seit Jahren massiv kritisieren.

Doch echte Expertise scheint im aktuellen Klima zweitrangig zu sein. Stattdessen wird gepusht, was schrill ist und einfache Weltbilder liefert. Darauf bauen Medien, Pu­bli­zis­t:in­nen und auch manche Wis­sen­schaft­le­r:in­nen seit Langem auf. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist der Journalist Sascha Adamek, der jüngst ein vermeintlich investigatives Sachbuch mit dem Titel „Unterwanderung – Der Politische Islam weiter auf dem Vormarsch“ veröffentlichte. Es ist ein Sammelsurium an Behauptungen, die praktisch jeden muslimischen und migrantischen Akteur in Deutschland als potenziell extremistisch markieren.

Hilfsorganisationen, antirassistische Vereine, kritische Wis­sen­schaft­le­r:in­nen oder gar der Münchener Vorzeigeimam Benjamin Idriz – für Adamek sind sie alle irgendwie Teil eines islamistischen Geflechts, das im Namen der Muslimbrüder heimlich nach Einfluss strebt.

Eine Mischung aus Provinzialität und Radikalisierung

Besonders perfide ist Adameks Umgang mit dem Fall des österreichischen Politologen Farid Hafez, der heute an der Universität William & Mary in Virginia lehrt. Kritik an Hafez’ Thesen ist legitim, doch Adamek instrumentalisiert die „Operation Luxor“, deren Opfer Hafez wurde, und unterschlägt dabei entscheidende Fakten: Dieser brutale Spezialeinsatz gegen mutmaßliche Is­la­mis­t:in­nen wurde im Nachhinein als rechtswidrig eingestuft. Hafez konnte zahlreiche Gerichtsverfahren für sich entscheiden, während investigative Recherchen belegten, dass Desinformationskampagnen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) bei der Kriminalisierung eine Schlüsselrolle spielten.

Es ist bezeichnend, dass Adamek ausgerechnet die VAE immer wieder als verlässliche Quelle für „Antiislamismus“ nennt – gemeinsam mit der israelischen Regierung, deren Angaben von keiner namhaften Menschenrechtsorganisation mehr ungeprüft übernommen werden. Dass solche Quellen im deutschen Diskurs als sakrosankt gelten, verdeutlicht dessen zunehmende Provinzialität und Radikalisierung.

Letztlich ist es kein Zufall, dass Adamek den Begriff des antimuslimischen Rassismus in einem aktuellen Interview mit Cicero als „Erfindung“ abtut. Mit der Realität hat das nichts zu tun. Antimuslimische Übergriffe gehören in Deutschland zum Alltag und der Begriff ist wissenschaftlich längst etabliert. In einem Land, in dem der Terroranschlag von Hanau stattfand, der NSU jahrelang morden konnte und Marwa El-Sherbini im Gerichtssaal hingerichtet wurde, sollte die Existenz dieses Hasses kein Gegenstand kruder Debatten sein, sondern Anlass für entschlossenes staatliches Handeln.

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