Widerständiges Frauenfimlfestival: Erzählungen über Kolonialismus und Allmende
Das Frauenfilmfestival in Dortmund und Köln widmet sich noch mal indigenem Widerstand gegen koloniale Ausbeutung. Der solidarische Austausch passte perfekt.
Für viele Stammbesucherinnen der Kölner Ausgabe des Internationalen Frauenfilmfests (IFFF) Dortmund/Köln war in den letzten Jahrzehnten der heiß erwartete Höhepunkt ein diskursives Format: Ein ausführliches Gespräch der erfahrenen Kamerafrau Sophie Maintigneux mit den jeweiligen Preisträgerinnen des vom Festival ausgelobten Preises für junge Bildgestalter:innen. Dabei zeigte sich die mittlerweile als Professorin an der Berliner Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) Lehrende auch als immer perfekt vorbereitete emphatische Gesprächspartnerin und ihren Erfahrungsschatz großzügig teilende Analytikerin. So konnten auch Nicht-Profis hier profitieren.
Jetzt kommt das sicherlich kräftezehrende Projekt zu einem Ende. Doch für die letzte Ausgabe hatte das IFFF-Team um Festivalleiterin Maxa Zoller die großartige Idee, die Gesprächssituation einmal umzudrehen und Maintigneux selbst ausgiebig mit Werdegang und Schaffen zu würdigen. So saß diese nun im Kölner Kino Odeon vier Stunden lang vier ehemaligen Arbeitspartnerinnen aus verschiedenen Schaffensperioden gegenüber. Und erzählte von den Anfängen mit Eric Rohmer als eine von nur drei Kamerafrauen in Frankreich. Von der späteren Leidenschaft für den Dokumentarfilm, weil dieser ihrer Arbeit größere Freiheit und Verantwortung bietet.
Thema war aber auch Maintigneuxs kollegiales und filmpolitisches Engagement für Sichtbarkeit und die Arbeitsbedingungen für Filmarbeitende und besonders Frauen, das ihr große Anerkennung auch bei Studierenden einbrachte.
Dieser solidarische Austausch von Erfahrung und Anerkennung passte perfekt zum diesjährigen thematischen Ansatz der Sektion „Fokus“, die sich unter dem Titel „Common Land“ dem Thema Gemeinschaftlichkeit näherte. Das ist die englische Bezeichnung für den deutschen Begriff der Allmende und bezeichnet die jenseits individueller Besitzansprüche kollektiv genutzten Güter einer Gesellschaft. Es ist eine Form von Eigentum, die historisch vor allem in Europa mit dem Übergang zum Kapitalismus in Privatbesitz entstand.
Forschung über Hexenverfolgungen
Mit Silvia Federici war beim Frauenfilmfest per Video eine Forscherin zugeschaltet, die vor 20 Jahren mit ihrer bedeutenden Studie „Caliban und die Hexe“ den Zusammenhang der ursprünglichen Akkumulation mit der Unterdrückung von Frauen und den Hexenverfolgungen der Zeit untersuchte. Mit im Gespräch war neben Fokus-Kuratorin Betty Schiel auch die griechischen Regisseurin Athina Rachel Tsangari, deren im letztjährigen IFFF-Wettbewerb gezeigte dystopische Romanadaption „Harvest“ über ein sich im aufkommenden Kapitalismus zersetzendes Dorf in Schottland das Thema angeregt hatte.
Starke Dokumentarfilme fokussierten auch den Kolonialismus als Grundbedingung dieser kapitalistischen Geschichte, vor allem aber das Aufbegehren dagegen. In „Our Land, Our Freedom“ (Regie: Zippy Kimundu, Meena Nanji, 2023) kämpft die Tochter der legendären kenianischen Unabhängigkeitskämpfer Dedan und Mukami Kimathi um die sterblichen Überreste ihres 1957 von den Briten ermordeten Vaters und organisiert eine soziale Land-Rückgabe-Bewegung für die Nachfahren enteigneter Mau-Mau-Kämpfer:innen.
Und „Ôrí“ von Raquel Gerber begleitet 1989 in einem auch musikalisch überwältigenden Streifzug die sich trotz Diktatur formierende Schwarze Bewegung in Brasilien, die aus den Quilombos entflohener Sklaven und deren afrikanischer Herkunftskultur ein widerständiges kollektiv-kulturelles Netzwerk bis in die Gegenwart prägt. Auch in „You Think the Earth Is a Dead Thing“ von Florence Lazar eignen sich Aktivistinnen auf Martinique brachliegendes Land an, um aus der Armut zu Selbstversorgern zu werden. Der Film erzählt auch vom Kampf ökologischer Aktivistinnen gegen die Folgen einer Bananen-Monokultur, die zusätzlich zur Zerstörung des kulturellen Wissens um die einstige florale Überfülle der Karibikinsel den Boden mit Pflanzenschutzgiften verseuchte.
Auch das Gespräch mit Federici und Tsangari kam irgendwann auf die Botanik in Form kollektiver Landbesetzungen und urbaner Gemeinschaftsgärten, die in Teilen des globalen Südens Sammelpunkte neuer sozialer Bewegungen seien, wie beide berichteten. Etwas weiter gedacht, könnten aber auch die (vor nicht allzu langer Zeit noch totgesagten) Frauenfilmfestivals selbst als kollektive Projekte Teil solch global vernetzter neuer „Commons“ sein. „It takes a whole village to make a festival“ war Schiels griffiger Lieblingsslogan bei den Anmoderationen.
Auch die Auswahl der acht Produktionen des Wettbewerbs für Spielfilme trotzte den täglichen Horrormeldungen mit weiblicher Solidarität und Aufbegehren. Etwa „Nunkui“, in dem Verenice Benítez von einer indigenen Gemeinschaft im ecuadorianischen Amazonastiefland erzählt, die mit den Geistern der Erde gegen die drohende Extraktion von Bodenschätzen kämpft. Jacqueline Jansens ohne offizielle Fördermittel gedrehter, auf Festivals sehr erfolgreicher niederrheinischer Heimatfilm „Sechswochenamt“ ist selbst ein Akt des Widerstands. Oder der diesjährige Preisträgerfilm „God Will Not Help“, indem Hana Jušić dem Titel gemäß von der Solidarität zweier Frauen in einer engen patriarchalen Dorfgemeinschaft erzählt.
Körperlich im Stadtraum sichtbar gemacht wird die Widerständigkeit in dem ekstatischen Kurzfilm „Veitstanz/Feixtanz“ der Erfurter Künstlerin und DDR-Oppositionellen Gabriele Stötzer, die Freunde und Freundinnen wild, unbeschwert und manchmal unbekleidet über Plätze und Mauern der Stadt tanzen lässt. In Köln wurde dies in etwas zahmerer aber immer noch starker Form wiederholt als öffentliche Freiluft-Mit-Tanz-Performance im Herzen der Stadt zwischen Museum Ludwig und Dom.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert