Russisch-deutsche Beziehungen: Audienz bei Sergej Lawrow
Deutschlands Botschafter Graf Lambsdorf wird ins Moskauer Außenministerium zitiert. Anlass ist ein Treffen des CDU-Abgeordneten Kiesewetter in Kyjiw.
Alexander Graf Lambsdorff ist um seinen Posten nicht zu beneiden. Am Montag wurde der deutsche Botschafter in Moskau ins russische Außenministerium einbestellt. Als Grund gab die russische Seite an, Roderich Kiesewetter, CDU-Abgeordneter und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages, habe sich in Kyjiw mit dem polizeilich gesuchten Anführer der in Russland verbotenen Terrororganisation „Tschetschenische Republik Itschkerija“ Achmed Sakajew getroffen.
Die anlässlich dieses Vorgangs veröffentlichte Pressemitteilung enthält den Vorwurf, Kiesewetter begrüße die antirussischen Aktivitäten von Sakajews Gruppierung, die an Sabotageakten auf russischem Gebiet beteiligt gewesen sein soll. Auch sei eine Aufforderung seitens Kiesewetters zur Zusammenarbeit mit Deutschland erfolgt.
Explizit erwähnt wird in dem Schreiben die Anwerbung russischer Spätaussiedler zur Destabilisierung der Lage in Russland. Das jüngste Treffen wertet Moskau als „unbestreitbaren Beweis“ dafür, „dass die deutschen Behörden darauf abzielen, sich in die inneren Angelegenheiten einzumischen und Gefahren für die nationale Sicherheit Russlands zu schaffen“. Seinerseits droht das russische Außenministerium mit Gegenreaktionen.
Gegenstand des Gesprächs mit Lambsdorff dürfte zudem ein Vorfall gewesen sein, der Russland als handfester Beweis für die These dient, dass EU-Staatsangehörige in Sabotageakte involviert seien. Am 20. April 2026 hatte der Inlandsgeheimdienst FSB mitgeteilt, in Pjatigorsk einen Terroranschlag vereitelt zu haben. Vor einer Einrichtung der Sicherheitsbehörden in der im Gebiet Stawropol gelegenen Stadt sollte laut FSB in den Morgenstunden eine Bombe mit einer Sprengraft von 1,5 Kilogramm TNT explodieren.
Video des FSB
Zwei Personen wurden festgenommen, darunter eine 57 Jahre alte Frau. In einem kurzen Video des FSB berichtet sie, sie habe 1995 die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. 2022 sei sie nach Russland gereist. Im April 2026 habe ihr im Internet ein Mann mit ausgeprägtem ukrainischen Akzent gegen lukrative Bezahlung ein Angebot unterbreitet, das sie angenommen habe.
Kurz darauf habe sie den Auftrag erhalten, eine Tasche mit einem Sprengsatz abzuholen. Der zweite Festgenommene stammt aus Zentralasien und soll der Terrormiliz Islamischer Staat angehören. Seine Aufgabe sei es gewesen, den Sprengsatz, den die Frau in einem Rucksack bei sich trug, per Fernzündung zur Explosion zu bringen.
Dass die deutsch-russischen Beziehungen an einem Tiefpunkt angelangt sind, ist unschwer zu erkennen. Es ist gerade einmal eine Woche her, dass das Auswärtige Amt in Berlin den langjährigen russischen Botschafter Sergej Netschajew einbestellt hatte.
Zuvor hatte das russische Verteidigungsministerium eine Adressliste veröffentlicht, in der Unternehmen in zwölf Ländern genannt sind, die Drohnen für die ukrainischen Streitkräfte produzieren – darunter auch deutsche Unternehmen. Der Vize-Vorsitzende des Sicherheitsrates Dmitrij Medwedjew, der sich regelmäßig als Scharfmacher inszeniert, gab zu verstehen, dass sich die Liste als Angabe möglicher Zielobjekte für die russische Armee lesen lassen könne: „Wann die Angriffe tatsächlich stattfinden, hängt vom weiteren Verlauf der Ereignisse ab“, kommentierte er im Kurznachrichtendienst X.
Bereits zum wiederholten Mal zitiert
Netschajew gab sich im Anschluss an seine Vorladung in Berlin besorgt angesichts der deutschen Unterstützung der Ukraine, die mit einer zunehmenden Militarisierung einhergehe. Dabei betonte er, dass Deutschland bislang nicht dementiert habe, dass die in der Liste aufgeführten Firmen tatsächlich Waffen für die Ukraine produzierten, die gegen Russland eingesetzt würden.
Lambsdorff, der seit August 2023 den Posten des Botschafters in Moskau innehat, war bereits Ende Juni vergangenen Jahres ins russische Außenministerium zitiert worden. Als Anlass diente damals der Vorwurf, russische Journalisten würden in Deutschland systematisch drangsaliert. Nach noch nicht offiziell bestätigten Angaben könnte Lambsdorff in diesem Jahr als Botschafter nach Israel wechseln.
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