Film „Rose“ mit Sandra Hüller: Ihres Blickes würdig
Der Film „Rose“ erzählt von einer Frau, die im 17. Jahrhundert als Mann lebt. Eine Erzählung über die Tyrannei der Masse und über Unbeugsamkeit.
Sich gesehen zu wissen, kann Glück bedeuten: die eigene Wahrheit mit einem anderen zu teilen – und in dessen Blick keinen Schrecken zu finden, sondern ein Erkennen. Das Gesehenwerden ist ein grundlegendes Thema in Markus Schleinzers asketischem Historienfilm „Rose“, mit Glück aber hat die Geschichte um die gleichnamige Protagonistin zunächst einmal nichts zu tun.
Weder strebt Rose (Sandra Hüller) danach, als das erkannt zu werden, was sie ist – im Gegenteil, sie ist gezwungen, es im Verborgenen zu halten –, noch wagt sie es, in Kategorien wie dem Streben nach Glück zu denken. Die Vorstellung, ein ordentliches Leben in einem gewissen Maß an Freiheit zu führen, genügt.
Diese Freiheit hat sich Rose genommen, indem sie einst beschloss, als Mann durch die Welt zu gehen. Allein sich diese Freiheit zu nehmen, kommt im 17. Jahrhundert schon einer Lästerung Gottes gleich, zumindest aber einem Frevel gegen die Ordnung und Gesetze derer, die sich auf ihn berufen.
„Rose“. Regie: Markus Schleinzer. Mit Sandra Hüller, Caro Braun u.a. Deutschland/Österreich 2026, 93 Min.
Und wie gewaltsam sich um die Auslegung des Göttlichen ringen lässt, bezeugt der Dreißigjährige Krieg, während dessen sich die Handlung ereignet. Markus Schleinzer und sein Kameramann Gerald Kerkletz rufen das Schlachten allerdings nur in zwei Einstellungen ins Bild: ein dampfendes Feld und darin versunkene Skelette. Mehr braucht es nicht, um zu begreifen.
Schlicht, ernst und frömmelnd
Diese Reduktion auf das Wesentliche zieht sich durch das gesamte Werk und ist poetischer Modus des österreichischen Regisseurs und Drehbuchautors, der hier erneut mit Alexander Brom („Angelo“) zusammenarbeitet. Kein Pathos, keine übermäßige Psychologisierung finden sich in der für heutige Maßstäbe knappen Spielzeit von 93 Minuten. So steht Rose zu Beginn vor einer protestantischen Gemeinde – und die Form des schwarzweiß gedrehten Films spiegelt deren strengen Habitus wider: Schlicht, ernst und frömmelnd dem Gebot des Notwendigen unterworfen sind die Bewohner. Zu diesem Zeitpunkt hat Rose bereits Jahre in der Maskerade verbracht.
Sie hat als Soldat dem Land gedient, wie sie den Fremden berichtet. Mehr erfährt auch das Publikum nicht über sie – und weiß doch schon, dass eine Figur von eigener Schwere vor ihm steht: Das Gesicht hat man ihr im Feld zerschossen, Narben durchziehen eine Hälfte davon. Die dafür verantwortliche Kugel trägt Rose seither an einer Kette um den Hals, sie kaut bisweilen darauf. Ob es sich um eine Geste der Gedankenversunkenheit oder des Trostes handelt, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Denn Sandra Hüller trägt diese Uneindeutigkeit mit einer beeindruckenden Ruhe, aus der nur selten innerliche Regung aufblitzt. Vor den Dorfbewohnern stellt Rose eine Grobheit zur Schau, die sie überzeugend als Mann ausweist.
Mit tiefer Stimme und verkniffenem Ausdruck legt sie Papiere vor, die ihr Recht auf das Erbe eines lange verlassenen Gutshofs belegen sollen, und fügt eine Anekdote hinzu – dass hier in ihren Jugendjahren eine Kapelle gebrannt habe –, um ihren Anspruch zu untermauern. Mit Erfolg.
Stoische Beobachtung menschlicher Torheiten
Und weil Rose sich danach nicht nur als zähe und arbeitsame Gutsherrin erweist, sondern durch das Töten eines Bären, und damit das Retten eines Lebens, zudem zu Ansehen in der Gemeinde gelangt, trägt sie sich bald mit dem Gedanken, sich zu vergrößern. Den angrenzenden Bach will sie vom benachbarten Großbauern (Godehard Giese) erwerben. Der allerdings macht ihr ein Angebot, das sie wohlweislich nicht einlösen kann: Rose, deren männlicher Tarnname im Film nicht erwähnt wird, soll seine älteste Tochter ehelichen. Dennoch wird sie zustimmen und Suzanna (Caro Braun) heiraten.
Es ist das einzige Moment, in dem sich die Erzählung in Richtung seiner Protagonistin als warnende Lehre geriert. „Denn ist der Notwendigkeit einmal Genüge getan, stellt sich gern der Wunsch ein nach Mehr. Die Gier ist ein Rausch … und rechtfertigt sich allein und durch sich selbst“, sagt die Erzählerin aus dem Off.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „Rose“
Was fast wie eine kapitalismuskritische Mahnung wirkt, fügt sich in die stoische Beobachtung menschlicher Torheiten, die den Film durchzieht. Marisa Growaldts ruhige, doch warme Stimme wirkt wissend, durchschaut, ohne zu bemitleiden, aber ist nicht ohne Mitgefühl für die Tragik, die aus diesen Torheiten erwächst.
Rose zögert den Vollzug der Ehe zunächst hinaus, doch auf Druck des Schwiegervaters kommt sie ihren „Pflichten“ schließlich nach, mithilfe eines umschnallbaren Horns, was der Film mit wohltuendem Gleichmut beobachtet. Nichts gerät in „Rose“ zur Kuriosität, schon gar nicht seine Protagonistin.
Auch dann nicht, als sie tatsächlich „Vater“ wird, freilich nicht durch eine wundersame unbefleckte Empfängnis Suzannas, sondern durch ein schon vor der Ehe gezeugtes Kind. Doch eine unglückliche Fügung, ein verhängnisvoller Blick der Magd genügt, und das Misstrauen der Gemeinde ist geweckt.
Auch Leistung bringt keine Erlösung
Von da an verdeutlicht der Film verstörend klar die zerstörerische Kraft der Vielen, die keine Abweichung duldet. Gerade eine Stunde ist vergangen, als sich nachts die Menge vor dem gemeinsamen Hof zusammenzieht und von Rose fordert, die Hose herunterzulassen.
Was folgt, ist eine Konfrontation, die weit über die Welt des Films hinausweist. Denn statt zu gehorchen, führt Rose ihr eigenes Leben und seine Leistungen gegen sie ins Feld: dass sie ihnen Lesen und Schreiben beigebracht habe, dass sie nun Verträge verstehen könnten, dass sie ihr Gesicht für das Land habe zerschießen lassen.
Einen bewegenden Augenblick lang hält die Menge inne. Rose hat ihre Regeln erfüllt, gearbeitet, gelehrt, gedient und nur zu ihrem Vorteil beigetragen. Die Antwort aber kommt, in Form einer obszönen Geste: Ein Mann tritt hervor, entblößt sich, Gelächter – und es zählt nichts mehr davon. Ihre Taten gelten nicht, weil sie nicht gelten dürfen. Diese Szene wirkt weniger fern, als sie sollte: „Rose“ ist auch ein Film über Geschlechterdifferenzen, die fortwirken – und über die Illusion, ihr allein durch Leistung oder Anpassung zu entkommen.
Unmöglichkeit ist nur ein Wort
Dabei bleibt es nicht. Was sich hier am Geschlecht entzündet, verweist auf etwas Grundsätzlicheres, auf eine Feindschaft gegenüber dem Anderen selbst. Und dieses Andere muss gestraft werden, daran lässt diese Welt keinen Zweifel. Diese Erkenntnis ist niederschmetternd.
Dennoch ist „Rose“ kein niederschmetternder Film, denn Markus Schleinzer beteiligt sich nicht an der Demütigung seiner Figur. Mit nüchterner Konsequenz zeichnet er ihren letzten Weg nach, und schafft gerade dadurch, Rose etwas Erhabenes zu verleihen. Etwas, das sich nicht aus Märtyrertum, sondern etwas anderem speist: aus der Behauptung ihrer selbst im Akt der Sprache.
Es ist kein Zufall, dass es die Tonspur ist – der Off-Kommentar und die sphärischen „A-cappella“-Variationen der norwegisch-irischen Sängerin Tara Nome Doyle –, die den Film bei aller Strenge ins Sakrale öffnet. Was sie leisten, leistet auch Rose: Sie widersetzt sich nicht durch Tat, sondern durch Artikulation.
„Sie hatte begonnen, sich selbst zu verfassen“, erklingt Marisa Growaldts Stimme nach Roses Verurteilung. Indem Rose schreibt, entzieht sie sich für einen Moment der irdischen Gemeinheit und behauptet sich gegen die Ordnung, die sie tilgen will. Vielleicht bedeutet das Glück, sich gesehen zu wissen, vor allem, dem eigenen Blick standzuhalten. So legt es dieses leise, doch große Werk nahe und lässt seine Protagonistin am Ende ihre eigene Wahrheit erkennen, ohne Schrecken, ohne Reue. „Rose“ ist kein Film, der erlöst, aber ein Meisterstück über die Würde der Unbeugsamkeit im Angesicht der Tyrannei der Masse.
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