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Berliner Kino Arsenal eröffnet neuen OrtWillkommen in der Kino-Skulptur

Nach einem Jahr der Wanderschaft hat die Berliner Kino-Institution Arsenal einen neuen Standort. Der spektakuläre Saal wird am Sonntag eingeweiht.

Für den neuen Kinosaal des Arsenals konnte der Schallschutz zur Raumgestaltung genutzt werden Foto: Arsenal Filminstitut e. V.

Im vergangenen Jahr war das Berliner Arsenal zurück bei seinen Anfängen: als wandernde Filmgemeinde ohne festen Standort, „Arsenal on location“. So war das damals auch losgegangen, 1963. Ein Kreis von Kritikern, Filmhistorikern, Regisseuren gründete in Berlin einen Verein, die „Freunde der Deutschen Kinemathek“, um Filme zu zeigen, Filmkunst aus der Gegenwart und aus den Archiven.

Vorbild waren nicht zuletzt die Cineclubs in Paris und vor allem die 1936 von Henri Langlois gegründete Cinémathèque: Ohne sie hätte es die Cinéphilie und die Nouvelle Vague nie gegeben. Treibende Kraft in Berlin von Anbeginn das Ehepaar Ulrich und Erika Gregor, die nun als Legenden eigenen Rechts noch den Neustart erleben.

Es fehlte an allen Ecken und Enden, an Räumen, an Unterstützung durch Institutionen, an Geld. Die Filmkunst war in Nachkriegswestdeutschland ein Stiefkind, und sie ist es bis heute. Der private Verein improvisierte, vagabundierte, zeigte und verlieh Filme, dockte hier und da an, aus seinen Kreisen ging 1971 das Internationale Forum des jungen Films hervor.

Kurz zuvor, 1970, hatten die „Freunde“ erstmals einen festen Standort gefunden, einen nicht gerade glamourösen Kino-Schlauch in Schöneberg: Man nannte sich „Arsenal“, nach dem Filmklassiker von Oleksandr Dowschenko. Seit den Achtzigern wollte man höher hinaus, an den Potsdamer Platz, ins Umfeld des dort stehengebliebenen Hotel Esplanade.

25 Jahre am Potsdamer Platz

Ambitioniert waren die Pläne, schwer die Geburt. Vor allem kam die Wiedervereinigung dazwischen. Der verlorene Platz am Rande des Westens rückte ins Zentrum, die Stadt hatte es eilig, ihre Seele an Investoren zu verkaufen.

Mit Sony machte man einen Deal: 25 Jahre – und keinen Tag mehr – Mietvertrag für Arsenal, Filmhochschule DFFB, Kinemathek, ein Filmhaus entstand. Ungeliebt der Standort, ungeliebt die in jeder Hinsicht kalte Architektur, aber das Arsenal fand auch hier sein Publikum, machte auch hier sein Programm, klassische Retrospektiven, zusehends um Diskurselemente, Archivarbeit, Videokunst, Forschung erweitert, inzwischen vom Staat (wenn auch vergleichsweise karg) unterstützt.

Die Stadt hatte (und hat wohl noch) ambitionierte Pläne, nach dem Ende des Sony-Vertrags dem Film und seinen Institutionen ein Haus zu erbauen. Schwer wie stets die Geburt. Und so sind sie nun wieder in die Winde zerstreut. Die Kinemathek ist provisorisch in ein altes E-Werk gezogen, die DFFB bekommt, Eröffnung demnächst, eine neue Bleibe in Berlin-Moabit.

Und das Arsenal? Hatte Glück und Verstand, nämlich auf eigene Faust Pläne gemacht. Das längst rein weibliche Leitungsteam um Stefanie Schulte-Strathaus war mit den Be­trei­be­r*in­nen des 2013 entstandenen Kulturquartiers Silent Green, selbst Filmemacher*innen, schon lange in Kontakt, seit 2015 liegt das Filmarchiv des Arsenals hier in den Kellern. Dann gab es das Angebot, ganz dorthin umzusiedeln.

Kinosaal in der Trauerhalle

Und nun zieht man ganz in den Wedding. Das knapp außerhalb des S-Bahn-Rings gelegene Silent Green ist ein ehemaliges Krematorium, weithin sichtbar zeugt davon bis heute der hohe Kamin. Es ist ein toller, ein verwunschener, direkt an einen Friedhof grenzender Ort für Kunst und Musik, auch ein Projekt „Film Feld Forschung“ gab es bisher schon.

Die alte, unter Denkmalschutz stehende Trauerhalle, die das Gelände zum Westen hin abschließt, wurde für das Arsenal in einen Kinosaal umgebaut. Akustisch wegen Gewölbedecke nicht einfach, die Platten an der Decke zeugen davon. Es ist der einzige Saal, einen kleineren zweiten wie am Potsdamer Platz gibt es nicht mehr.

Für Tests hat das Arsenal zu drei Vorabscreenings geladen. Der erste Eindruck: akustisch astrein, optisch spektakulär, der ansteigende Raum mit der lichterdurchzogenen Decke geradezu eine Kino-Skulptur. Der Haupteingang liegt nicht Richtung U- und S-Bahn, sondern zum Kiez. Man hat für ein Screening die Nachbarschaft eingeladen, in den vergangenen Monaten Postkarten verteilt, die Nach­ba­r*in­nen dürfen sich Filme wünschen.

Nicht nur im Vergleich mit dem untoten Potsdamer Platz ist das Silent Green ein lebendiger Ort in einem bei allen Gentrifizierungstendenzen, zu denen es selbst unweigerlich beiträgt, noch immer sehr durchmischten städtischen Umfeld.

Die Eröffnung am 3. Mai und das erste Monatsprogramm zeigen: Man schließt an die eigene Geschichte nahtlos an. Bei der Eröffnung sind Filme aus dem eigenen Archiv und Beiträge von befreundete Künstlern wie Apichatpong Weerasethakul und Rosa Barba zu sehen. Es gibt eine Retrospektive des eher unbekannten italienischen Klassikers Valerio Zurlini und den Start eines Programms, das sich „Raumgeben“ nennt.

In Bild und Diskurs wird dabei über private und öffentliche Räume für die Kunst nachgedacht. Erst einmal aber gilt es zu feiern, dass das Arsenal selbst einen Raum gefunden hat, an dem sich auf Anhieb alles richtig anfühlt.

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