Gaza-Solidarität und Kunstfreiheit: „Ein etwas schiefes Geschichtsverständnis“
In Köln war ein Benefizkonzert für Palästina geplant. Der Musiker Peter Fox über die Gründe für die Absage und das deutsche Verhältnis zu Israel.
taz: Herr Baigorry alias Peter Fox, Sie wollten Ende März beim geplanten Benefizkonzert „Together4Palestine“ in Köln auftreten. Wie kam es dazu?
Peter Fox: Seit das Thema mitsamt den aufwühlenden Bildern aus dem Gazastreifen aus den Medien verschwunden ist, hat sich die Situation der Menschen vor Ort ja nicht wirklich verbessert. Ich wollte schon im September 2025 bei der Großkundgebung „All Eyes on Gaza“ am Großen Stern in Berlin auftreten. Da konnte ich aber nicht, und dann wurde ich im Oktober wegen dieser Veranstaltung angefragt, die auch schon viel früher stattfinden sollte.
taz: Ist es ein Risiko, sich als Künstler zu diesem Thema politisch zu äußern?
54, bürgerlich Pierre Baigorry, ist Dancehall- und HipHop-Musiker und einer der beiden Frontmänner der Band Seeed. Mit seinen Solo-Alben „Stadtaffe“ (2008) und „Love Songs“ (2023) schrieb er deutsche Popgeschichte. Im Sommer 2024 gab er in mehreren Kiezen der Hauptstadt, die medial einen schlechten Ruf haben, kostenlose Open-Air-Konzerte. Die ARD dokumentierte die Auftritte in der Doku „Block Party – Peter Fox feiert in Berlin“, die in der ARD-Mediathek abrufbar ist.
Fox: Bis vor Kurzem hätte ich gesagt: Nein, es ist kein Risiko. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher.
taz: Warum?
Fox: Ich habe in den vergangenen ein, zwei Jahren schon den einen oder anderen Instagram-Post gemacht, der sich kritisch mit Israels Politik oder der Positionierung unserer Bundesregierung befasst hat. Maximal zehn Prozent reagieren da negativ drauf, indem sie sagen, wir verbrennen deine CDs oder „dich kann man jetzt nicht mehr hören“. Das gibt es tatsächlich, aber das ist eine Minderheit. Die allermeisten Leute geben mir eher ein positives Feedback. Und ich glaube, wenn man eine Umfrage in der Bevölkerung machen würde, da würde das Ergebnis anders ausfallen, als es die Regierungspolitik Deutschlands abbildet.
Aber wenn man sieht wie die Regierung in Person von Wolfram Weimer Druck ausübt, oder wie schwierig die Suche nach einem Veranstaltungsort für das Solidaritätskonzert gelaufen ist, dann scheint mir das Risiko für israelkritische Stimmen doch zu steigen.
taz: Ist es einfacher, sich für die Ukraine einzusetzen als für Gaza?
Fox: Klar, diesen Antisemitismusvorwurf will sich keiner anziehen. Aber die Haltung zu Palästina und Israel ist unter den Musikern in der Sparte, in der ich mich bewege, nicht besonders umstritten. Wenn, dann haben manche vielleicht Angst davor, von der Springerpresse gekreuzigt zu werden. Die ist aber für die meisten kein Maßstab. Innerhalb der Musikblase empfinde ich den Gegenwind da als nicht so krass.
taz: Bedauern Sie, dass sich für die geplante Veranstaltung am 29. März keine Räume finden ließen?
Fox: Das ist ein großes Problem. Denn es wäre ein wichtiger Beitrag, mit so einem Konzert und guter Kommunikation – also zum Beispiel der Betonung, dass es kein Raum für Antisemitismus geben darf – das Bewusstsein der deutschen Mehrheitsgesellschaft bei diesem Thema zu erweitern und darauf hinzuweisen, dass die deutsche Verantwortung aufgrund des Holocausts nicht ausschließlich Israel, sondern auch den Palästinensern gelten sollte.
taz: Wie meinen Sie das?
Fox: Für die Palästinenser waren das Leiden der Juden Europas und die Staatsgründung Israels Einschnitte mit direkteren und problematischeren Konsequenzen bis heute, als für die Tausende Kilometer weiter lebenden Deutschen. Das wird kaum gesehen. In diesem Punkt hat sich Deutschland, insbesondere in konservativen Kreisen, ein etwas „schiefes“ Geschichtsverständnis antrainiert.
taz: Ist das deutsche Verhältnis zu Israel nicht verständlich?
Fox: Psychologisch mag es verständlich sein, dass man Verantwortung nur für die direkt Zugehörigen zur Opfergruppe des Naziterrors empfindet – aber für die Palästinenser und auch in einigen migrantisch und nicht zuletzt arabisch geprägten Teilen der deutschen Gesellschaft hat es zu dem Gefühl geführt, dass es eben nicht so schlimm ist, wenn Araber oder „Nichtweiße“ leiden – und das ist ein Problem. Vom Völkerrecht, welches nur dann entschieden verteidigt werden muss, wenn es in die eigene Agenda passt, möchte ich gar nicht erst anfangen.
taz: Haben Sie sich gewundert, dass das Benefizkonzert abgesagt werden musste?
Fox: Ja, ich war schon erstaunt. Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien, aber man fragt sich schon, wer da im Hintergrund Druck gemacht hat und warum in letzter Minute Sicherheitsgründe vorgebracht wurden – das machte einfach keinen Sinn. Ich habe den Betreiber einer Arena in Köln dann auch angerufen, aber die Ausführungen waren sehr unklar, und ich frage mich immer noch: Hatte er wirklich plötzlich Bedenken wegen Sicherheit oder eher wegen schlechter Presse, oder haben ihm da Leute aus der Stadtpolitik im Hintergrund gedroht? Ich weiß nicht, was er für Konsequenzen hätte tragen müssen. Die Erklärungen blieben alle sehr nebulös und unverständlich.
taz: Sie spielen ja öfter in großen Hallen. Hilft das, eine Ersatzvenue zu finden?
Fox: Ich habe die, wie gesagt, selbst angerufen und denen eine Mail geschrieben, in der stand: Ich habe schon oft bei euch gespielt und mich eigentlich gefreut, auch zu diesem Thema wieder bei euch zu sein. Aber wenn das nicht reicht, dann weiß ich nicht, was ich sonst noch tun könnte. Ich glaube, da kann ich überhaupt nichts machen.
taz: Glauben Sie, das Benefizkonzert lässt sich zu einem anderen Termin nachholen?
Fox: Schwer zu sagen. Ich persönlich hätte gerne was auf der Straße gemacht – so wie bei der Kundgebung im September, bei der ich leider nicht dabei sein konnte. So ein Konzert in einer normalen Veranstaltungshalle kann ja von den Medien auch einfach ignoriert werden. Aber bei einer Demo ist das schon etwas anderes: Ab einer gewissen Größe kommt man da nicht dran vorbei.
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