Buch über sexuellen Missbrauch: Querflötenstunde mit dem Frosch
Zerstörerische Eliten: Adrian Koerfer beschreibt das Aufwachsen in einer kaputten, reichen Familie und seinen sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule.
Elitenversagen ist historisch betrachtet eher die Norm als die Ausnahme. Vom Römischen Reich über die Französische Revolution bis hin zu Jeffrey Epstein: Immer und überall gab es zumeist Männer, die meinten, da sie sich bisher alles erlaubt hatten – in der wodurch auch immer gewonnenen Überzeugung ihrer Auserwähltheit –, ließe sich das doch gewiss in Ewigkeit fortsetzen.
Zum Glück ist das nicht so. Und Adrian H. Koerfers Zeugnis seines durch Eliten erlittenen Martyriums ist jenseits literarischer Kategorien so wertvoll, weil zumindest die Chance besteht, dass Menschen, die Ähnliches erlitten haben, ihr Buch nicht mehr „Das glaubt mir doch kein Mensch“ nennen müssen.
Was seine Geschichte und die des organisierten sexuellen Missbrauchs an der reformpädagogischen Odenwaldschule besonders macht, ist, dass hier Eliten ihre Kinder Eliten zum Fraß vorwarfen. Koerfers Abrechnung mit den eigenen Eltern ist nicht viel weniger scharf als die mit dem Täter- und Ideologenpersonal, das ihn in der Odenwaldschule einst misshandelte und das in Person seines unbelehrbaren Vordenkers Hartmut von Hentig und seiner Unterstützer bis heute präsent ist.
Mut zur Drastik
Es geht bei der Odenwaldschule um Hunderte missbrauchte Kinder und Jugendliche, um heute schwer verletzte Erwachsene. Koerfer hat den Mut zur Drastik, der vielleicht einzigen Methode, um tatsächlich die Scham die Seite wechseln zu lassen, wie es Gisèle Pelicot uns aufgetragen hat.
Als sexuell unaufgeklärter 13-Jähriger findet er sich wieder auf dem Bett eines dreißig Jahre älteren Mannes, „auf dem Bett eines Pädokriminellen. Sah seine behaarten Beine, seinen zu kleinen schwarzen Slip, seine wenig behaarte Brust. Seinen Bauch. […] Der Lehrer führte meine linke Hand an seinen Penis. Der Lehrer führte seine rechte Hand an meinen Penis. Der Lehrer streichelte meinen Penis. Er tat etwas, was ich selbst noch nie getan hatte.“ Und dann „fragte der Lehrer: ‚Soll ich jetzt kommen?‘ Ohne dass ich es begreifen konnte, hatte er mich damit perfide zu seinem Komplizen gemacht. Das schlaue Schwein. Ich antwortete nur, damit alles jetzt vorbei sein würde. ‚Ja‘.“
Adrian H. Koerfer wächst in der Schweiz auf, als Sohn eines schwerreichen Unternehmers. Im Herbst 1968 wird er in die Odenwaldschule abgeschoben. „Ich kann mich nicht erinnern, einmal in meinem Leben an der Hand eines der beiden Elternteile auch nur ein kleines Stück irgendeines Weges gelaufen zu sein. In dreizehn Jahren nicht. Da war also nichts, was es zu vermissen gegeben hätte.“
„Personal war ausreichend vorhanden“, aber das Einzige, was Eltern tatsächlich zu geben verpflichtet sind, Gefühle, Liebe, Wärme: Das gibt es nicht in dieser Kindheit. Gewalt und sexuelle Übergriffigkeit scheinen dabei immer durch. Der Vater ist ein „Rammler“, der die Mutter betrügt und schlägt, der seinem Sohn mitgibt, „wenn du es nicht einmal am Tag machst, verlernst du es“. Der Sohn begegnet dem noch heute ratlos: „Häusliche Gewaltobsession als Folge eines Krieges?“ Jedenfalls: „Diese Kaltblütigkeit. (Überall.)“
Pädokriminelles System
So unausgestattet, als ein „Gezeichneter“, kommt Koerfer, Jahrgang 1955, in den Odenwald, und dort in die „Familie“ des Musiklehrers Wolfgang Held, der im Buch nur Wolfgang H. heißt. Er, der „Frosch“ genannt, ist der Täter der oben zitierten Szene. Und: „Manche seiner Schüler blieben seine Jünger bis zu seinem Tod“, schreibt Koerfer. Ein System eben, das etabliert wird, mit dem einzigen Ziel, den „schonungslosen“ pädokriminellen Egoismus auszuleben, „größte Verstörung, tiefste Scham und Ekel“ bei den Opfern hinterlassend.
Und Schweigen, bis es gebrochen wurde. Warum es so lang andauerte?
Adrian H. Koerfer: „Das glaubt mir doch kein Mensch. Erinnerungen an eine andere Welt“. Edition W, Neu-Isenburg 2026, 138 S., 20 Euro
Weil es niemand gab, vor dem ein Kind es vertrauensvoll hätte brechen können; weil es keine Worte gab, für das, was einem geschah, weil die Scham zu mächtig war; weil kaum jemand zugeneigt genug war, um das, was hinter der Wortlosigkeit sich verbarg, zu erspüren und wirklich wissen zu wollen; weil Kriminelle wie Schulleiter und Hentig-Lebensgefährte Gerold Becker ganz bewusst sich Schwächere aussuchten, Schwächen ausnutzten; weil eine „protestantische Mafia“ aus angesehenen, evangelisch geprägten Bürger:innen der Bundesrepublik das Missbrauchssystem förderte und deckte. Eine Elite eben, die nicht nur – und das ist vielleicht das Perverseste an der ganzen Geschichte – einfach Macht hatte, sondern sich gleichzeitig als gesellschaftliche Gegenmacht inszenierte und das möglicherweise sogar selbst glaubte.
So fragmentarisch und gleichzeitig redundant die Darstellung Adrian Koerfers oft auch ist: Die schwere Last zu übertragen, mit der er und die andern Überleben durchs Leben gehen müssen, während die Täter von damals zum allergrößten Teil unbestraft geblieben sind: Das ist ihm grandios gelungen.
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