Berliner Antifaschist ist wieder frei: „Nanuk“ wurde aus der Haft entlassen
Seit anderthalb Jahren sitzt der Berliner Antifaschist Thomas „Nanuk“ J. in Haft, steht in Dresden vor Gericht. Nun hob der Senat seinen Haftbefehl auf.
Anderthalb Jahre lang saß der Berliner Antifaschist Thomas J., Spitzname „Nanuk“, in Haft – nun ist er wieder in Freiheit. Am Dienstag hob der Senat des Oberlandesgerichts Dresden, wo der 49-Jährige derzeit mit sechs weiteren Linken vor Gericht steht, seinen Haftbefehl auf. Der dringende Tatverdacht gegen Thomas J., dass er an einem vorgeworfenen Angriff auf einen Rechtsextremen beteiligt gewesen sei, sei entfallen, sagte eine Gerichtssprecherin der taz.
Die Verteidiger*innen von Thomas J., Antonia von der Behrens und Einar Aufurth, teilten mit, sie begrüßten, dass Thomas J. „ab heute frei ist“. Sie hätten „von Anfang an gesagt“, dass die Vorwürfe gegen ihren Mandanten auf den Mutmaßungen eines Kronzeugen beruhten, auf die „weder der Haftbefehl noch die Anklage gestützt werden können“.
Thomas J. war bereits am 21. Oktober 2024 in Berlin von Zielfahndern festgenommen worden. Ihm und den sechs Mitangeklagten in Dresden wird vorgeworfen, als Teil der sogenannten „Antifa Ost“ seit 2018 mehrere Angriffe auf Rechtsextreme in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und teils auch im ungarischen Budapest begangen zu haben. Die Opfer wurden teils schwer verletzt. Die Anklage führt die Bundesanwaltschaft, der Prozess läuft seit vergangenem November. Vor Gericht steht auch der als Mitanführer der Gruppe angeklagte Leipziger Johann G.
Thomas J. war von Beginn an nur als Unterstützer der Gruppe beschuldigt. Er ist der mit Abstand älteste der Angeklagten. Er soll laut Bundesanwaltschaft Kampfsporttrainings für die Gruppe veranstaltet und sich an einem Angriff auf den bekannten Eisenacher Rechtsextremisten Leon Ringl, Anführer der Kampfsportgruppe Knockout 51 und Szenekneipenbetreiber, im Oktober 2019 beteiligt haben.
Kronzeuge gibt zu, bei J. nur spekuliert zu haben
Die Vorwürfe basierten auf Aussagen eines Kronzeugen: dem Berliner Johannes D. Er war 2021 nach Vergewaltigungsvorwürfen aus der linken Szene verstoßen worden und hatte daraufhin bei der Polizei über die Gruppe um Johann G. ausgepackt und mehrere vermeintlich beteiligte Antifaschisten belastet.
Bereits in einem ersten Prozess gegen vier Linke in Dresden – darunter die Leipzigerin Lina E., die frühere Partnerin von Johann G. – hatte Johannes D. die Angeklagten belastet. Das Quartett war im Mai 2023 schließlich zu Haftstrafen von bis zu gut fünf Jahren verurteilt worden.
Zuletzt hatte Johannes D. nun auch im aktuellen Dresdner Prozess gegen Thomas J. und die sechs anderen Linken ausgesagt. Laut Verteidigerin Antonia von der Behrens hatte Johannes D. dabei aber nun erklärt, dass seine Angaben zu Thomas J. und dessen Beteiligung an den angeklagten Aktionen nur Annahmen seien und kein direktes Wissen. Weitere Informationen zu Thomas J. habe er nicht. Daraufhin hatte die Verteidigung bereits vor einer Woche die Aufhebung des Haftbefehls von Thomas J. beantragt. Dem kam das Gericht jetzt nach.
Thomas J. selbst hatte zu Prozessbeginn die Anklage als „Konstrukt“ zurückgewiesen. Es sei „unlauter“, dass die Vorwürfe gegen ihn allein auf „Spekulationen“ eines Kronzeugen beruhten, der sich „in sozialer und finanzieller Abhängigkeit der Ermittlungsbehörden befindet“, sagte er. Auch sei es überzogen, dass die Bundesanwaltschaft den Fall an sich zog, und die behauptete kriminelle Vereinigung „willkürlich“ zusammengestellt. Er und die anderen würden zu „Staatsfeinden hochstilisiert“. Die Anklage setze Antifaschismus ausschließlich mit Gewalt gleich, kritisiert Thomas J.
Militanz als Selbstverteidigung
Die taz hatte Thomas J. auch vor Prozessbeginn in der Haft besucht, damals noch in der JVA Moabit in Berlin. Dort hatte er berichtet, wie er Anfang der neunziger Jahre zum Antifaschismus kam: als von Rechtsextremen bedrohter Jugendlicher in Königs Wusterhausen in Brandenburg. Rechte Gewalt sei damals allgegenwärtig gewesen – der Staat aber habe nicht eingegriffen, erzählte Thomas J. Auch heute sei auf den Staat kein Verlass, weshalb es auf Antifaschist*innen ankomme.
Im Dresdner Prozess sitzen nun weiter drei Angeklagte in Haft: Johann G., Paul M. und Tobias E., den die taz ebenso in Haft besuchte. Das Verfahren wird noch einige Monate weiterlaufen. Parallel findet derzeit auch vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf ein Großprozess gegen sechs junge Antifaschist*innen statt. Auch hier lautet der Vorwurf, dass sie Rechtsextreme in Budapest und Erfurt angegriffen hätten.
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