Eine Familie, zwei Männerbilder: Die ungleichen Brüder
Elias Zarrad meldet den CSD in Wittenberg an, sein Bruder Jonas die Gegendemonstration der Neonazis. Ein Familienbesuch.
Als die Neonazis auftauchen, kniet Elias Zarrad gerade zwischen Kabeln und dirigiert den Aufbau der Bühne für den ersten CSD in Wittenberg. An der Schlosskirche flattert die Regenbogenfahne, der „Zecken-Zarrad“ geht hinüber zu den Rechtsextremen, gibt Jonas Zarrad die Hand und fragt, ob er bei dem schönen Wetter nichts Besseres vorhabe. Es ist der Morgen des 21. Juni 2025, es sind die ersten Worte seit Langem zwischen ungleichen Brüdern.
Politische Bruchlinien ziehen sich nicht nur durch Parlamente, sondern auch durch Wohnzimmer und Familien. Die Zarrad-Brüder sind dafür ein Beispiel. Der eine, 24, langhaarig, links, organisiert eine Parade für Vielfalt und Demokratie. Der andere, elf Jahre älter, Soldatenschnitt, meldet die Gegendemo an, als Funktionär der NPD-Nachfolgepartei. Das Motto: „Familie, Heimat und Nation statt CSD und Perversion“. Familie Zarrad hat zwei extrem unterschiedliche Männer hervorgebracht.
30 Kilometer südöstlich von Wittenberg liegt Grabo, 300 Seelen, die Kirche St. Pancratius und ein Denkmal. „Den Heldensöhnen unserer Gemeinde aus Dankbarkeit gewidmet“, steht da. Und auf einer neueren Tafel: „Zum Gedenken an die Opfer des 1. und 2. Weltkrieges“.
Männer bauen Autokratien auf, Männer bilden Manosphären, Männer üben Gewalt gegen Frauen aus. Aber: Männer leisten auch mehr Care-Arbeit als früher, Männer supporten Frauen, Männer gehen sogar in Therapie (manchmal). Alte Männlichkeitsbilder geraten ins Wanken, zugleich klammern sich manche Männer um so mehr ans Patriarchat und verklären die Vergangenheit. Ein Schwerpunkt über Manfluencer und Maskulinismus, Körperlichkeit und Vater-Sohn-Beziehungen, männliches Altern und diverse Männeridentitäten. Alle Texte der Ausgabe erscheinen unter taz.de/männertaz
Dirk Zarrad, 62, ist der Vater der ungleichen Söhne. Er wartet an diesem Apriltag schon auf seiner Terrasse, ein großer Mann mit festem Händedruck, Bart und eisblauen Augen. Er nimmt einen Schluck Sprudelwasser, schluckt und sagt: „Wir haben immer gedacht, wir sind eine ganz normale Familie.“
Dirk Zarrad hat seinen Vater nie kennengelernt, der ist vor seiner Geburt abgehauen. Er ist bei zwei Frauen aufgewachsen, bei Mutter und Großmutter. Als junger Mann hat er in einem Instandsetzungswerk Teile für Landmaschinen gebaut, zwei Jahre lang war er Mitglied der SED, dann kam die Wende, er wurde auf null Stunden gesetzt und in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen geschickt. Mit 28 Jahren. Zarrad trat in die PDS ein, fand Arbeit als Schlosser. Hausbau, Familie, Rückzug ins Private.
Erst ein Jahrzehnt später begann Dirk Zarrad sich wieder zu engagieren, im Heimatverein. Er tauchte „auch wieder ein in die linke Szene“. Für die Linkspartei saß Dirk Zarrad eine Zeitlang im Kreistag von Wittenberg, seit 15 Jahren sitzt er im Stadtrat von Jessen. „Du bist ein guter Kerl“, habe ihm ein Nachbar gesagt, „aber in der falschen Partei“.
Andrea Zarrad kommt dazu. 64 Jahre, schmale Statur, rötliches Haar. Mutter Zarrad sagt zunächst wenig, beobachtet, wägt ab. Politisch sei sie eher nicht, sagt sie dann, aktiv aber schon. „Du hast deine Partei, ich habe meine Kirche.“
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Andrea Zarrad war nie Mitglied der SED und durfte trotzdem studieren in der DDR. Zunächst arbeitete sie im Kuhstall einer LPG, später im Büro des Nachfolgebetriebs. Zig Ehrenämter hatte sie über die Jahre hinweg, zuletzt kam ein Kreis für Rentnerinnen dazu, „gegen die Einsamkeit“.
Gejammert werde zu viel – im Landkreis, in Sachsen-Anhalt, in Deutschland. Wer Chancen habe, solle sie nutzen, sagt Andrea Zarrad, etwas daraus machen, „nicht immer nur das Negative rauskehren.“
Warum sie da anders ist als andere? Andrea Zarrad zögert nicht lange. Das liege an der Oma ihres Mannes. „Ich habe noch nie einen so zufriedenen Menschen gesehen.“ Obwohl diese Frau so viel durchgemacht habe. „So eine Zufriedenheit wollte ich auch haben. Und daran hab ich gearbeitet.“
Bei der Bundestagswahl 2025 wählten viele im Landkreis die AfD. Dirk Zarrad sagte der Mitteldeutschen Zeitung danach, er wisse nicht, „wo die Unzufriedenheit der Menschen herkommt, dass man so wählen muss“. Hier vor Ort gehe es ums Konkrete, da bliebe die große Parteipolitik außen vor. „Wir leben doch hier in einer Blase, wo so viel nicht passiert.“ 2013 hatte Dirk Zarrad in derselben Zeitung detailliert erklärt, wie er Christstollen backt. Nach dem Rezept seiner Oma Else.
Elias Zarrad betritt die Szene, sein langes Haar hängt feucht auf die Schultern, er ist gerade angekommen in Grabo, hat noch schnell geduscht. Er studiert Förderlehramt in Halle, ist Vorsitzender des Studierendenrats, arbeitet bei einem linken Landtagsabgeordneten, sitzt im Landesvorstand der Linken. Er plant schon den nächsten CSD in der Kreisstadt, für den 20. Juni. Vater Zarrad unterstützt seinen Sohn: „Ich hab mitgeholfen, als Ordner.“
Elias – ein Dude, der seine Privilegien nutzt
„Grabo ist doch ein schwules Mekka“, sagt Andrea Zarrad. Vier gleichgeschlechtliche Paare gebe es im Dorf. Und Elias Zarrad zählt da gar nicht dazu. „Ich bin ein weißer hetero Dude, der halt seine Privilegien nutzt. Dafür, anderen einen Raum zu schaffen“, sagt Elias Zarrad. Gerade hat er sich einer Vasektomie unterzogen, damit seine Freundin nicht hormonell verhüten muss.
Die Sonne scheint, Radelnde grüßen freundlich über den Zaun. Alles ist gut. Aber ein Zarrad fehlt halt am Tisch.
Auf mehrere Anfragen antwortet Jonas Zarrad nicht, seine Perspektive bleibt außen vor. Doch seine Mutter achtet darauf, dass ihr verlorener Sohn nicht verdammt wird. Dass sie spricht, so scheint es, ist auch ein Versuch, Kontakt aufzunehmen. Wenn nötig, über die Zeitung. „Ich will, dass er mitbekommt, dass er mein Kind ist.“ Als Junge habe er einmal gesagt, dass er bei der Mutter leben wolle, wenn die Eltern sich scheiden ließen.
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Es war Jonas Zarrad, der die Familie verließ. Er wurde 1990 geboren, sein Bruder erst elf Jahre später. „Er hat mal gesagt, dass es dann nur noch um Elias ging“, sagt Vater Zarrad. „Das würde ich verneinen, aber er hat es vielleicht doch so empfunden.“ Andrea Zarrad sagt: „Seine Klassenlehrerin konnte mit Jungs nicht so“. Und dann sei da noch die Rechtschreibschwäche gewesen.
Jonas und der Kumpel in der NPD
Zwischen 14 und 16 sei Jonas Zarrad jeden Morgen mit Fahrrad und Zug nach Wittenberg gefahren, ins „Produktive Lernen“, eine spezielle Schulform. „Wenn man sich überlegt, was er geleistet hat in diesen zwei Jahren“, sagt Andrea Zarrad. „Dann wollte er ausziehen und wir haben gefragt: ‚Warum?‘“
Zwei Mal hat Dirk Zarrad seinen Erstgeborenen geschlagen, sagt er. Einmal hatte Jonas im Zimmer gezündelt, ein andermal habe der 16-Jährige das Familienauto heimlich zehn Kilometer weit gefahren, inklusive Blechschaden. Elias habe er nie eine Ohrfeige gegeben, sagt Dirk Zarrad. Das stimmt, sagt Elias Zarrad.
Jonas wollte weg von zu Hause. Zu viel Kontrolle, zu viel Druck. Das Jugendamt vermittelte der Familie eine Jugend-WG in Wittenberg. „Ein Kumpel von ihm war in der NPD, aber wir haben das Politische nicht so richtig mitbekommen“, sagt der Vater.
Jonas Zarrad begann eine Lehre zum Teilezurichter, zog mit 18 in eine eigene Wohnung, meldete sich freiwillig zur Marine, wurde in Kiel vereidigt. Wegen Nazi-Inhalten, die er gepostet hatte, musste er später nach München zu einer Aussprache. Sein linker Bruder versteht nicht, warum Jonas Zarrad dennoch seine acht Jahre voll machen konnte bei der Bundeswehr.
Die dunklen Alben
Andrea Zarrad steht auf und holt ein dunkles Album auf die Terrasse, neun dieser Bücher hat sie mittlerweile. Darin notiert sie, was sie Jonas nicht sagen kann. „Vielleicht liest er es, wenn ich mal nicht mehr bin.“
„WEIHNACHTEN 2013“ steht da über einer Seite, das Bild darunter zeigt einen 12-jährigen Elias Zarrad, die Arme seines 23-jährigen Bruders über den Schultern. „Bei Jonas gibt es im Moment keine freundlicheren Blicke“, hat Andrea Zarrad daneben geschrieben, „aber warum weiß weder er noch wissen wir es.“
„FEBRUAR 2020: Dein 30. Geburtstag, alles über Handy. Zum Trinken am Feuer eingeladen, ohne Essen. Hatte einen Tisch im Kartoffelhaus bestellt, du wolltest nicht. Ich war am Geburtstag spontan zum Kaffee, hast mir auch einen gemacht mit deiner tollen Maschine. Geschenk gebracht. Vati war mit mir am nächsten Tag nochmal zum Vormittagskaffee, er wollte dir selbst gratulieren. Elias war am Abend am Feuer, war für ihn okay.“
„MÄRZ 2020, März war ein schöner Monat, du warst zweimal bei uns zum Kaffee und hast Oma in die Augenklinik gefahren.“
„JULI 2020, Du warst nicht beim Heimatfest. Du weißt genau, wie Vati daran hängt.“
Da habe Jonas sich „langsam ausgeklinkt“, sagt Dirk Zarrad, die Augen auf die Tischplatte geheftet. Seinen Sohn sah er erst auf der Liste zur Kreistagswahl wieder. Dirk Zarrad, Die Linke. Jonas Zarrad, Die Heimat. Jonas ist inzwischen Landesvorsitzender seiner Partei.
Ein trauriges Leben
„Zu Anfang haben wir immer gedacht, das ist so ein Rebellieren“, sagt Andrea Zarrad. „Wir hätten nie gedacht, dass sich das so verfestigt bei Jonas“. Bei der CSD-Gegendemo stand auf dem Shirt des 35-Jährigen: „Rebellische Jugend“. Etwa 70 Leute brachte er auf die Straße, einige noch Kinder, vielleicht 12 Jahre alt.
Im Wohnzimmer der Zarrads hängen Fotos von etwa 20 Weihnachtsfesten, ein jedes zeigt die ungleichen Brüder. „Wenn der mit seinen Bundeswehrkumpels da war, das war aufregend“, sagt Elias Zarrad vor der Bilderwand, „ich durfte länger aufbleiben.“ Die seien stark gewesen. Er fände das okay, sagt Elias, wenn Männer stark sein wollen, und ordentlich und selbstsicher. „Aber man muss andere nicht herabsetzen.“
Während der Pandemie habe er einmal vier Stunden mit seinem Bruder gesprochen, im Auto. Es sei Indoktrination, dass der Vater dem kleinen Elias die KZ-Gedenkstätte Lichtenburg gezeigt habe, habe er gesagt. Der Holocaust? Eine Lüge. „Der glaubt das wirklich“, sagt Elias Zarrad.
„Es fühlt sich nicht an, als hätte ich einen Bruder verloren“, sagt er. Er sei noch so klein gewesen, als Jonas ging. Für Dirk Zarrad ist es schwerer. „Er hat ein trauriges Leben, weil es eine Einstellung ist, die nicht dem Leben zugewandt ist.“ Die Angebote, zurückzukommen, seien immer dagewesen. „Er wollte das nicht. Oder wir haben es da, wo er es wollte, nicht hören können.“
Viele kleine Sachen
„Wir haben immer gedacht, dass Jungs rechts werden, wenn es ihnen an Liebe fehlt“, sagt Andrea Zarrad. Wahrscheinlich seien es viele kleine Sachen. „Als Jonas eingeschult wurde, da haben wir einen Schulranzen gekauft mit Pocahontas drauf. Ich hab mich gefreut, der war teuer.“ Jahre später habe die Hortnerin erzählt, wie sehr Jonas darunter gelitten hat. „Weil das ein Mädchenmotiv ist.“
Eine Zeitlang besuchte Andrea Zarrad die Selbsthilfegruppe Verlassene Eltern. Man müsse einen Umgang finden, sonst ginge man kaputt. „Am Geburtstag stellen wir eine Kerze hin und sagen: Wenn du auch nicht willst, Jonas, wir trinken Kaffee mit dir.“ In den ersten Jahren habe sie noch Karten geschrieben, „das fange ich vielleicht noch mal an“. Ob Jonas sie zerreiße, sei gar nicht so wichtig. „Ich bin es ja, die die Karte schreiben möchte.“
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