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Drei Jahre DeutschlandticketViel Lob und ein bisschen Luft nach oben

Am 1. Mai 2023 wurde das Deutschlandticket, bundesweit im Nah- und Regionalverkehr gültig, eingeführt. Was hat es seitdem gebracht? Eine Bilanz.

Im Jahr 2024 hat das Deutschlandticket die CO₂-Emissionen um 2,5 Millionen Tonnen reduziert Foto: Stefan Trocha/imago

Drei Jahre Deutschlandticket. Ein Erfolg, ohne Zweifel – das Ticket ist „aus dem Alltag von Millionen Menschen nicht mehr wegzudenken“, verkündete der Bahnlobbyverband Allianz pro Schiene am Mittwoch. Der Verband der Verkehrsunternehmen (VDV) feiert es als „die größte Tarifrevolution im öffentlichen Personennahverkehr“.

Und auch CDU-Verkehrsminister Patrick Schnieder sagte vor Kurzem: „Das Deutschlandticket wirkt.“ Es entlaste die Bürger:innen, sei gut fürs Klima und für den ÖPNV. Und trotzdem gab es in den drei Jahren immer wieder Rabatz um das Abomodell. Zumindest auf politischer Ebene – denn die Zahl der Kun­d:in­nen kletterte über die Jahre hinweg leicht nach oben:

• Aktuell haben rund 14,6 Millionen Menschen in der Bundesrepublik ein Deutschlandticket.

• Anfang 2025 waren es laut dem VDV 13,5 Millionen,

• Anfang 2024 gut 11 Millionen.

Nur knapp 5 Prozent der Kun­d:in­nen sind sogenannte Systemeinsteiger:innen, wie Forscher des Kopernikus-Projekts Ariadne vor rund einem Jahr bilanziert haben – also Kund:innen, die vor Einführung des Deutschlandtickets noch gar nicht mit Bus oder Bahn unterwegs waren. Knapp die Hälfte der Ti­cket­nut­ze­r:in­nen hat den Nahverkehr demnach vorher zwar genutzt, aber nur selten.

Zwei Preiserhöhungen beim Deutschlandticket

Dass sich der Preis des Tickets innerhalb der drei Jahre schon zwei Mal geändert hat, schreckte vergleichsweise wenig Kun­d:in­nen ab.

• Das Deutschlandticket folgte auf das Pilotprojekt 9-Euro-Ticket und wurde am 1. Mai 2023 für 49 Euro im Monat eingeführt.

• Anfang 2024 erhöhten Bund, Länder und Verkehrsverbünde den Preis auf 58 Euro.

• Seit Anfang 2025 kostet es monatlich 63 Euro.

Der offizielle Grund für die Preiserhöhungen: die Kosten der Verkehrsverbünde. Weil das Deutschlandticket preiswerter ist als die meisten regionalen Aboangebote im Nahverkehr und gleichzeitig mehr Leute den Nahverkehr nutzen, entgehen ihnen nach eigenen Angaben Einnahmen. Außerdem seien ihre allgemeinen Kosten für Personal, Energie und Betrieb des Bus- und Bahnverkehrs inflationsbedingt gestiegen.

Bisher waren Bund und Länder nicht bereit, den Beitrag, den sie zum Deutschlandticket beisteuern, zu erhöhen – sie finanzieren die Fahrkarte mit jeweils 1,5 Milliarden Euro im Jahr und stritten immer wieder über die Zukunft des Deutschlandtickets. Deshalb wurden die Mehrkosten auf die Kun­d:in­nen umgelegt.

Bei ihrem letzten offiziellen Treffen Ende März gaben die Ver­kehrs­mi­nis­te­r:in­nen des Bundes und der Bundesländer dann bekannt: Es soll nun Schluss sein mit den politischen Streitigkeiten, für den Preis solle ein Index – also eine Art mathematische Formel – gelten. Diese Formel soll den Monatspreis des Deutschlandtickets jeweils für ein Jahr festlegen. Die Kosten der Verkehrsverbünde fließen in der Theorie so in die Formel ein, dass das Ergebnis der Rechnung – also der Ticketpreis – den wirtschaftlichen Betrieb im Nahverkehr ermöglicht. Welchen Preis genau die Formel für 2027 ergibt, soll im September bekannt gegeben werden. In ihrem Koalitionsvertrag hatten Union und SPD versprochen, das Deutschlandticket bis Ende 2029 zu sichern.

Lan­des­ver­kehrs­mi­nis­te­r:in­nen fordern stabilen Preis

Die bisherigen Preiserhöhungen auf 58 und dann auf 63 Euro haben nach Angaben des VDV nur wenige Kun­d:in­nen vergrault. Zum Jahreswechsel von 2025 auf 2026 hätten 5,75 Prozent der Nut­ze­r:in­nen ihr Ticket gekündigt. Das liege im „normalen Rahmen“, sagte VDV-Präsident Ingo Wortmann im Januar. Im Jahr zuvor, als der Preis erstmals auf 58 Euro erhöht wurde, hatten rund acht Prozent der Kun­d:in­nen gekündigt.

Ob wirklich Schluss ist mit dem politischen Ringen um ein gutes Angebot, bleibt jedoch abzuwarten. Angesichts ‌der Energiekrise fordern mehrere Ver­kehrs­mi­nis­te­r:in­nen laut der Nachrichtenagentur Reuters, den Preis des Deutschlandtickets von 63 Euro vorerst einzufrieren, statt ihn zum 1. Januar 2027 zu erhöhen. Der ‌nordrhein-westfälische Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) sagte der Rheinischen Post (Donnerstag), ein stabiler Preis wäre das richtige Signal in dieser Zeit.

Der öffentliche Nahverkehr dürfe nicht auf der Strecke bleiben, wenn für Tankrabatte und die Senkung der Luftverkehrsteuer ‌Milliarden mobilisiert würden. Auch der Fahrgastverband Pro Bahn sprach sich für ⁠ein Aussetzen der für 2027 und 2028 vorgesehenen Erhöhungen aus. Die saarländische Verkehrsministerin Petra ‌Berg (SPD) warnte, ‌der Staat ⁠dürfe nicht Benzin subventionieren, während Bus und Bahn zusammengestrichen würden.

Weniger Autofahrten dank Deutschlandticket

Apropos Benzin: In den vergangenen Jahren hat das Deutschlandticket dabei geholfen, zahlreiche Autofahrten durch Fahrten in den Öffis zu ersetzen. Das konnten For­sche­r:in­nen in mehreren Studien zeigen. Auf Basis von Mobilfunk- und Autobewegungsdaten errechnete ein zweites Forschungsteam aus dem Ariadne-Projekt zum Beispiel, dass allein im Jahr 2023 dank des Tickets 5 Prozent weniger Kilometer im Auto zurückgelegt wurden. Dadurch seien 6,5 Millionen Tonnen CO₂ weniger ausgestoßen worden.

Im Jahr 2024 habe das Ticket die CO₂-Emissionen um 2,5 Millionen Tonnen reduziert, wie verschiedene Forschungsinstitute im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums errrechnet haben. Die Einsparung entspreche rund 3 Prozent der Emissionen des gesamten privaten Pkw-Verkehrs.

In manchen Regionen war Autofahren 2022 deutlich teurer als die Fahrt mit Deutschlandticket im Jahr 2024 Foto: Eisenbahnbundesamt/Statista

Verschiedene andere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass 12 bis 16 Prozent aller Fahrten mit dem Deutschlandticket vor Einführung des Abos mit dem Auto zurückgelegt wurden. Besonders Pendler:innen, die ohne Deutschlandticket meistens mit dem Auto und nur hin und wieder mit Bus und Bahn zur Arbeit gefahren waren, ließen mit Deutschlandticket häufiger das Auto stehen.

Laut einer aktuellen Untersuchung des Deutschen Zentrums für Schienenverkehrsforschung und des Statistikunternehmens Statista stieg der Anteil der Pendelnden, die zumindest einen Teil ihres Arbeitsweges im ÖPNV hinter sich bringen, von 13,5 Prozent im Jahr 2022 auf 16,6 Prozent im Jahr 2024. Und: Pend­le­r:in­nen konnten 2024 durchschnittlich 45 Euro im Monat sparen, wenn sie Bus oder Bahn statt wie noch 2022, vor Einführung des Tickets, Auto fuhren.

Sozialticket, Mobilitätsgeld, ÖPNV-Ausbau

In nahezu allen Studien stellen die Wis­sen­schaft­le­r:in­nen jedoch fest: Beim Nahverkehrsangebot generell ist noch Luft nach oben. „Es braucht mehr Linien, engere Taktungen, längere Züge und elektrische Busse“, sagt der taz auch Jens Hilgenberg, Leiter Verkehrspolitik beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). Die Einführung des Deutschlandtickets nennt er „die wohl erfolgreichste Maßnahme für die Mobilitätswende“. Trotz mehrfacher Preiserhöhungen seien 14,6 Millionen Menschen klimafreundlich unterwegs. Das zeige, „dass die Menschen offen für Alternativen zum eigenen Auto sind“.

Um Menschen gerade jetzt in Zeiten der Energiekrise zu entlasten und Kun­d:in­nen für Bus und Bahn zu gewinnen, die sich das Ticket bisher nicht leisten können, fordert Hilgenberg:

• die Einführung eines deutschlandweiten Sozialtickets;

• eine kostenlose Mitnahme von Kindern beim Deutschlandticket, um Familien zu unterstützen;

• die Einführung eines Mobilitätsgeldes, das – anders als der Tankrabatt oder eine höhere Pendlerpauschale – besonders Menschen mit geringem Einkommen zugutekäme.

Bisher hatten die wiederkehrenden Preisdebatten tiefergehende Verhandlungen über Maßnahmen wie ein Sozialticket untergraben. Noch 2024 fand fast eine von vier befragten Personen, die das Deutschlandticket bisher nicht nutzte, den Preis zu hoch. Mehr als ein Drittel kaufte das Monatsabo nicht, weil es keine passende Verbindung gebe – das geht aus einer Befragung der Fraunhofer-Allianz Verkehr hervor.

Andere zusätzliche Regelungen, etwa die Fahrradmitnahme mit dem Deutschlandticket, gelten bisher nicht bundesweit. Außerdem bestehe noch Potenzial beim vergünstigten Jobticket, heißt es in der Evalution im Auftrag des Verkehrsministeriums. Hier hänge der Erfolg noch stark von einzelnen Arbeitgebern und Verkehrsverbünden ab. Für Studierende gibt es seit dem Sommersemester 2024 ein bundesweit einheitliches Deutschlandsemesterticket für aktuell 34,80 Euro im Monat.

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