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Terry Mandel sitzt an einem Flügel in der ehemaligen Kölner Wohnung ihrer Urgroßtante Lina Silberbach Foto: David Klammer

Gedenken zum Tag der BefreiungBeflügelnde Innenansichten

Türen in eine schmerzhafte Vergangenheit: Wie Terry Mandel aus San Francisco die Geschichte ihrer jüdischen Familie in Köln aufarbeitet.

D as Haus mit den Nummern 12–14 hat schon so einige Zeit auf dem Buckel. Doch die Fassade mit ihren fünf Geschossen strahlt in cremefarbenem Weiß vermutlich schöner als am ersten Tag. 1906 war das, also vor 120 Jahren, da entstand das Schmuckstück in der Kölner Lochnerstraße mit viel Kunst am Bau. Geschwungene Applikationen zeugen von der Leichtigkeit des Jugendstils, so wie die kunstvoll gearbeiteten Fensterrahmen mit ihren vielen Scheiben.

Durch die Tür hindurch geht es an einem Sonntag Mitte April in den Hausflur, in der Jugendstilelemente die Wände verschönern, weiter die Treppe hinauf. Die Wohnungsbesitzerin, die nicht erkennbar sein möchte in diesem Text, öffnet die Türe und bittet herein. Terry Mandel, die mit hinaufgestiegen ist, lässt sich nicht zweimal bitten. Rechts herum geht es ins Wohnzimmer.

Seit 2016 organisiert die Initiative „Denk mal am Ort“ jedes Jahr diese Veranstaltung. In mehreren deutschen Großstädten will sie Türen öffnen: in Privathäuser, die eine Geschichte zu erzählen haben, die nicht einfach vergessen werden sollte.

Die Initiative „Denk mal am Ort“

Idee Jedes Haus hat eine Geschichte zu erzählen. So lautet der Leitsatz der Initiative „Denk mal am Ort“ (DMAO), die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen begehen kann. Sie erinnert an Menschen, die die Nationalsozialisten verfolgten. Das Besondere: Die Veranstaltungen finden nicht an der Universität oder in der Volkshochschule statt, sondern an authentischen Orten – dort, wo die Bedrängten einst lebten. Dort berichten Zeitzeugen vom Schicksal der Verfolgten. Ausstellungen zeigen Fluchtgeschichten, Stadtführungen führen zu Orten, die für die einst Verfolgten wichtig waren.

Orte DMAO organisiert in diesem Jahr rund 90 Veranstaltungen in acht Städten, darunter München, Hamburg und Berlin. Rund 150 Ehrenamtliche engagieren sich bei DMAO. Auch die beiden Begegnungen mit Terry Mandel in Köln begleitete „Denk mal am Ort“.

Termine In München und Berlin stehen die diesjährigen Veranstaltungen noch bevor. In Berlin erinnert am 9. Mai eine Veranstaltung mit Roy Amaro an die Verfolgung Schwarzer Menschen im Nationalsozialismus. Am 10. Mai folgt ein Ausflug auf die Insel Reiswerder im Tegeler See, die im NS als Unterschlupf für untergetauchte Juden diente. Weitere Informationen gibt es unter denkmalamort.de. (klh)

Also ins Wohnzimmer und da steht er, braunes Holz, makellos, goldene Kerzenständer links und rechts des Notenpults: ein Flügel. Was mag an einem Flügel schon besonders sein, noch dazu, wenn er in so einem schönen Gebäude im Kölner Süden steht, mögen Sie fragen? Nun, ein wenig Geduld bitte, dazu kommen wir gleich. Für den Fall, dass Sie diesen Text daheim lesen und nicht gerade in der U-Bahn sitzen, wäre es angebracht, wenn Sie jetzt ein wenig Klaviermusik auflegen, vielleicht die „Sonata facile“ von Mozart oder Beethovens „Mondscheinsonate“, ganz egal.

Denn in dieser Wohnung, möglicherweise sogar in diesem Zimmer waren schon Klaviertöne zu hören, da werden die allermeisten noch nicht geboren worden sein. In den 1930er Jahren war das. Lina Silberbach, geborene Glaser, hieß die Pianistin, die dort nicht nur Klavier spielte, sondern auch unterrichtete. Sie wurde 1874 geboren. 1934 zog sie in das Haus in der Lochnerstraße, da war ihr Mann schon elf Jahre tot. Die verwitwete Jüdin wurde dann 1941 von den Nazis in das Ghetto Lodz im besetzten Polen verschleppt und im Folgejahr in Chelmno ermordet.

Terry Mandel setzt sich an den Flügel. Nicht, dass sie auch eine Pianistin wäre. Aber Lina Silberbach ist ihre Urgroßtante. Mandels Verwandte aus der Linie ihrer Mutter Ingelore Silberbach kommen zu einem guten Teil aus der Domstadt. Nur ist Ingelore 1939 die Flucht nach Amerika gelungen. Mandel ist extra aus San Francisco angereist. Lina Silberbach gelang die Flucht damals nicht. Der Flügel in ihrer früheren Wohnung, an dem ihre Urgroßnichte jetzt sitzt, hat nichts mit der ermordeten Vormieterin zu tun, es ist Zufall, dass dieses Modell hier steht. Aber was für ein Zufall.

Stoßweise bittet die heutige Wohnungsbesitzerin all die Besucher in ihr Heim. Sie blicken auf die restaurierten Jugendstilelemente an den Decken, stehen auf dem Fischgrätparkett und machen dabei eine Reise in die Vergangenheit, die, dem anmutigen Ambiente zum Trotz, überhaupt nicht schön ist. Sondern brutal und mörderisch.

Terry Mandel und Rita von Schwartzenberg (rechts am Tisch) berichten in Sabine Heinekens Wohnung von den früheren Bewohnern Foto: David Klammer

Terry Mandel und ihre Freundin Rita von Schwartzenberg, eine Kölner Psychotherapeutin und Biografin der exilierten Künstlerin Ruth Prawer Jhabvala, haben die Menschen an diesem Sonntagnachmittag in die Lochnerstraße 12–14 eingeladen. 30, 40 Personen, Alte wie Junge sind gekommen. Wer nicht gerade zur ehemaligen Wohnung von Lina Silberbach hochsteigt, drängelt sich in der Erdgeschosswohnung von Sabine Heineken. Sie sitzen dort auf dem Sofa und auf Klappstühlen, hocken vor dem Himmelbett. Im Nebenraum spielen zwei Musikerinnen in den Pausen Klezmer-Musik.

Die 70-jährige Heineken hat die Wohnungstür weit geöffnet für Mandel und die vielen Bekannten und Unbekannten. Die Künstlerin lernte Terry Mandel vor ein paar Jahren kennen. Da stand sie vor dem Haus. Stolpersteine sollten verlegt werden für die Jüdinnen und Juden, die dort einmal gelebt hatten, so wie Lina Silberbach, erzählt Heineken. Doch ein für die Arbeiten notwendiger Stromanschluss habe gefehlt. Die Künstlerin half aus. Seitdem sind sie befreundet.

Terry Mandel, schmal, nicht sehr groß, kurze lockige Haare, hat auf einem Stuhl in einer Ecke des Raums Platz genommen. Die 72-jährige frühere Managerin spricht englisch. „Mein ganzes Leben lang habe ich in Amerika gelebt. Aber meine Mutter und ihre Familie kamen erst 1938 und 1939 in die USA. Sie kamen aus Köln. Meine Mutter wollte nicht über Köln sprechen.“ Doch vor fünf Jahren lag eine E-Mail in ihrem Postfach, erzählt Mandel. Anna, eine Schülerin aus Köln, bat darin um Auskunft über Familie Silberbach. Sie mache eine Recherche für eine Projektarbeit am Königin-Luise-Gymnasium, schrieb die Schülerin. „Du hast den Jackpot geknackt, ich bin die Tochter“, antwortete Mandel. Den Essay, den Anna Eith auf Basis ihrer umfangreichen Recherchen schrieb, lobt Mandel in den höchsten Tönen. Es wurde inzwischen in einen Sammelband aufgenommen.

Aber jetzt in der Lochnerstraße 12–14 geht es um Lina Silberbach und ihre Familie. Terry Mandel berichtet von ihren Eltern und den Großeltern, den vielen weiteren Verwandten, von sich selbst. Dies ist kein Oberseminar an der Universität, ganz und gar nicht. Sie lässt die Vergangenheit, die sie selbst so lange in ihrem Leben links liegen gelassen hat, wiederaufleben, lässt Bilder und Kopien von Dokumenten durch das Zimmer wandern, von Hand zu Hand: die Deportationsliste mit dem Namen, Karteikarten und Papiere von Linas Söhnen Erich und Walter, die es schafften, rechtzeitig nach Palästina auszureisen, das Foto eines älteren Herrn, zu dessen Füßen Hühner flattern: Sally Silberbach, der 1923 verstorbene Ehemann von Lina. Es ist mucksmäuschenstill im Wohnzimmer von Sabine Heineken geworden. Ida, Paula und Marlene schreiben wie wild mit. Die drei Schülerinnen forschen über eine andere Jüdin, die ebenfalls in diesem Haus gelebt hat und ermordet worden ist.

Rita von Schwartzenberg übernimmt es, von Anna Cohn-Wolff zu berichten, die ein Stockwerk unterhalb von Lina Silberbach zusammen mit ihrem Mann Max und Sohn Ariel wohnte. Auch bei Anna, Jahrgang 1894, stand ein Klavier, auch sie war Pianistin. Die Familien kannten sich gut. Nur dass Anna, Max und Ariel 1936 vor den Nazis nach Amsterdam flohen, wo der Mann Arbeit gefunden hatte. Doch 1940 besetzte die Wehrmacht die Niederlande, wo die judenfeindlichen Gesetze nun auch bald galten. 1943 wurden Anna Cohn-Wolff und ihr Sohn Ariel in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Max überlebte als Zwangsarbeiter in Holland. Nach dem Krieg wurde in Köln aufgeräumt. Die ehemaligen jüdischen Bewohner des Hauses wurden vergessen. Ein neuer Besitzer teilte das Gebäude in Eigentumswohnungen auf.

Der Krieg hat viele der Häuser in der Umgebung zerstört. Auch die Lochnerstraße 12–14 habe so einiges abbekommen, erzählt Sabine Heineken, ein Seitenflügel fiel den Bomben zum Opfer. Sie habe restauriert und renoviert, den Keller in Ordnung gebracht. Die Erdgeschosswohnung, in der Lina Silberbach und Anna Cohn-Wolff gedacht wird, beherbergte einmal einen Laden für Schnürsenkel. Heineken fand beim Aufräumen noch einige Exemplare.

An diesem Sonntagnachmittag wird die Geschichte des Hauses und ihrer Bewohner wieder lebendig. „Unsere Aufgabe ist es, die Geschichte von morgen zu bestimmen“, sagt Terry Mandel.

Die E-Mail der Schülerin Anna Eith habe ihr Leben gründlich verändert, sagt Terry Mandel selbst. Im Anschluss an ihre Projektarbeit sollten Stolpersteine für Familie Silberbach in Köln verlegt werden. Mandel flog 2023 zum ersten Mal nach Köln. Sie dachte, das wäre eine Sache von vielleicht ein paar Tagen, sagt sie. Aber dann traf sie eine Schulklasse. Lernte die Stadt ein wenig kennen. Sie musste feststellen, dass das Wenige, was ihre Mutter ihr über ihre Kölner Familie berichtet hatte, nicht richtig war. Keineswegs alle Silberbachs hatten überlebt, lernte sie bei ihren Nachforschungen. „Ich erhielt Antworten auf Fragen, die meine Mutter nie beantwortet hatte, und Antworten auf Fragen, die ich da noch gar nicht kannte.“ Mandel zeigt auf den Stammbaum der Familie, den sie recherchiert hat. Und sie sagt: „Wir sind nicht alle entkommen. 28 Mitglieder der Familie Silberbach wurden ermordet.“

So kam es, dass sich Terry Mandel einzumischen begann in die Geschichte der Stadt Köln. „Anfangs kannte ich kaum jemanden“, sagt sie selbst. Das änderte sich rasch. Es ist nicht so, dass Mandel als zurückhaltende ältere Dame auftritt, im Gegenteil. Sie ist eine sehr bestimmte Frau, sagen diejenigen, die sie näher kennen. Sie nennt sich selbst eine Feministin und sie nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn es um US-Präsident Donald Trump geht, den sie verachtet. Es sei „unglaublich, was derzeit in den USA geschieht“, sagt sie. „Meine Großeltern waren immer dankbar dafür, dass Amerika sie aufgenommen hat. Ihnen würde heute das Herz brechen, so wie es mir bricht.“

Stolpersteine in der Lochnerstraße 12–14 Foto: David Klammer

Mandel will etwas ändern, nicht nur das Andenken ihrer Familie bewahren, sondern das des jüdischen Kölns, einer Stadt, die vor 1933 etwa 20.000 Jüdinnen und Juden beherbergte. Mandel kann fordernd sein. Manche Stadtbediensteten fühlten sich bisweilen von ihrem Drängen ein wenig überfordert, sagt ihre Freundin Rita von Schwartzenberg.

Einen Tag vor dem Gedenken an Lina Silberbach und Anna Cohn-Wolff steht Terry Mandel vor einer Villa im feinen Kölner Stadtteil Marienburg, Godesberger Straße 8. Die Bewohner möchten sie und ihre Zuhörer nicht einlassen. Also findet die Geschichtsstunde auf der Straße statt.

Das hübsche Haus, neben dem sie zusammen mit etwa zwei Dutzend Zuhörern steht, war einmal das Zuhause ihrer Mutter Ingelore. Der Vater Paul hatte mit seinem Geschäft für Fleisch- und Fettwaren genug Geld verdient, um sich die Villa leisten zu können, mitsamt Köchin und Kindermädchen. Die 1925 geborene Ingelore und ihre ältere Schwester Gisela hatten ihre Kinderzimmer oben unterm Dach. Sonderlich religiös ging es in der Godesberger Straße 8 nicht zu. Die Töchter besuchten nicht jüdische Schulen.

Fenster und Türen des Hauses bleiben fest verschlossen, während Terry Mandel draußen auf der Straße vom Leben ihrer Familie in Köln erzählt. Wie es dort drinnen ausgesehen hat, hat ein Verwandter der Familie aufgeschrieben, der sich mit einem Kindertransport nach England retten konnte. Rita von Schwartzenberg liest auf dem Bürgersteig stehend aus dem Buch von Vernon Katz, der von seinem Besuch Anfang der 1930er im Haus schreibt: „Wir gingen hinein und machten große Augen. Durch ein Mosaik-Marmor-Foyer kamen wir zu einer rostfarbenen Marmor-Eingangshalle mit elegant geschwungenem Treppengeländer. Im Obergeschoss erwartete uns ein Marmor-Badezimmer. Mutter schaute besonders auf den Marmor und die Perserteppiche und sagte nichts.“

Juden in Köln

Antike Köln gilt als Heimat der ältesten jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Ein römisches Dekret Kaiser Konstantins I. verweist auf das Leben von Juden in Colonia Claudia Ara Agrippinensium im Jahr 321 nach Christus. Spätestens seit dem 11. Jahrhundert bestand in der heutigen Kölner Altstadt eine jüdische Gemeinde.

Im Mittelalter wurden den Juden vorgeworfen, an der Verbreitung der Pest schuldig zu sein. Zu Ostern 1096 zogen Kreuzfahrer mordend durch das Judenviertel. In der Bartholomäusnacht 1349 ermordeten christliche Kölner viele Juden und brandschatzten ihre Häuser. 1424 wurden die Juden „auf alle Ewigkeit“ aus Köln vertrieben.

Moderne Erst als die Franzosen die Freiheitsrechte einführten, siedelten sich Ende des 18. Jahrhunderts wieder Juden in Köln an. 1799 entstand erneut eine Gemeinde. Ein Jahrhundert später wurde die große Synagoge in der Roonstraße geweiht. Juden integrierten sich in der Stadt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Köln aber auch ein Zentrum der deutschen Zionisten. David Wolffsohn wirkte dort als Nachfolger Theodor Herzls.

NS-Zeit 1933 lebten etwa 20.000 Juden in Köln, es existierten sechs Synagogen. Boykotte und „Arisierungen“ der Nationalsozialisten ließen die jüdische Geschäftswelt verarmen. Juden wurden stigmatisiert und diskriminiert. In der Pogromnacht wurden die Synagogen zerstört. Die meisten jüngeren jüdischen Kölner flüchteten ins Ausland. 1941 begannen ab dem Bahnhof Köln-Deutz die Deportationen nach Osteuropa in den Tod. Etwa 11.000 jüdische Kölner wurden ermordet. Nur wenige Dutzend überlebten in Köln.

Nachkriegszeit Nach dem Krieg konnte die zerstörte Synagoge in der Roonstraße 1959 wieder eingeweiht werden. Mit dem Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion erstarkte die kleine jüdische Gemeinde in den 1990er Jahren. 1996 entstand eine liberale Gemeinde. Heute leben etwa 4.500 Jüdinnen und Juden in Köln. Auf dem Gelände des mittelalterlichen Judenghettos entsteht derzeit das Jüdische Museum Köln MiQua. (klh)

Fünf Stolpersteine liegen vor der Godesberger Straße 8. Sie künden vom Überleben. Fünfmal steht dort „Flucht USA“, nur die Jahreszahlen differieren. Die Schwestern Ingelore und Gisela Silberbach wechselten zuerst auf ein Internat in Großbritannien. Die Eltern flohen zusammen mit der Mutter des Vaters am 10. November 1938 bei Nacht und Nebel in die Niederlande. Die Flucht war gut vorbereitet. Von dort erreichten sie die Vereinigten Staaten. Die Silberbachs ließen sich in Chicago nieder. Die Kinder kamen später aus England nach. Ingelore wurde 1946 US-Amerikanerin und zog später ins kalifornische Pasadena. Sie hat zweimal geheiratet und zwei Kinder zur Welt gebracht, eines davon bekam den Namen Terry. Im Jahr 2014 ist sie gestorben.

Die Stolpersteine künden aber nicht nur von einer Rettung. Sondern auch von der Vernichtung der Existenz einer deutsch-jüdischen Familie, von deren Verfolgung, von Ingelores Ausschluss aus dem städtischen Gymnasium und vom Exil in einem anfangs fremden Land.

Der Innenhof am ehemaligen Wohnort von Lina Silberbach Foto: David Klammer

Nach der Veranstaltung berichtet Terry Mandel, dass sie einmal von den Kindern einer Kölner Schulklasse gefragt worden sei, wonach sie denn suchen sollten. Da habe sie geantwortet, sie sollten danach fragen, was ihre Familie im Krieg gemacht habe. Danach habe die ganze Klasse geschwiegen, nur ein Mädchen berichtete stolz von ihrem sozialdemokratischen Urgroßvater.

Terry Mandel ist viel mehr in Köln angekommen, als sie es selbst zu Beginn gedacht hätte. Zweimal im Jahr fliegt sie ins Rheinland und verbringt so die eine Hälfte des Jahres dort, die andere in Berkeley bei San Francisco. Sie ist Mitglied bei den Kölschen Kippa Köpp, des ersten jüdischen Karnevalsvereins. Sie hat mit The Unerasure Projekt einen Verein gegründet, der Lebensgeschichten von Opfern, Überlebenden und Geflüchteten in Köln sichtbar machen will. Sie mischt sich ein und das mit Begeisterung. Nur Kölsch spricht sie noch nicht. Nein, Antisemitismus sei ihr in Deutschland noch nicht begegnet, sagt sie, aber sie sei nicht naiv, sie wisse um die Rechtspopulisten.

Zurück zur Lochnerstraße 12–14, dem Haus der jüdischen Pianistinnen. Die Straße befindet sich in der Nähe der großen Synagoge von Köln, in einem Viertel also, in dem früher einmal viele Jüdinnen und Juden gelebt haben. Auch vor dem Eingang dieses Gebäudes blinken Stolpersteine in der Sonne, aber fast alle von ihnen verkünden keine geglückten Fluchten und ein Weiterleben nach dem Holocaust, so wie bei den Silberbachs in Marienburg. Sondern vom Tod. Für Lina Silberbach, Anna Cohn-Wolff, Ariel Wolff, Ilse Moses, Hella Katz und Anna Katz sind die Stolpersteine der profane Ersatz für fehlende Grabsteine.

Nein, Terry Mandel schüttelt bedauernd ihren Kopf. Sie wisse nicht welche Klaviermusik in der Lochnerstraße 12–14 gespielt worden sei und was die Lieblingsstücke von Lina Silberbach und Anna Cohn-Wolff gewesen sein könnten. Was geblieben ist, sind ein paar Fotos und Dokumente, darunter manches von den Überlebenden Gesammelte und vieles, das die Nazis während ihres bürokratischen Prozesses der Deportation hinterlassen haben. Aber keine Partituren.

Dann ist Terry Mandel fertig mit ihrem Vortrag, hat alle Fragen beantwortet und bittet die Anwesenden, in kleinen Gruppen zur früheren Wohnung von Lina Silberbach hinaufzusteigen, wenn sie denn interessiert seien. Was für eine Frage! Natürlich sind alle interessiert. Sie geht selbst voran. Es ist still im Hausflur mit den Jugendstilelementen. Die Besucher unterhalten sich so leise, als wollten sie eine Klavierspielerin hinter einer der Wohnungstüren nicht bei ihrem Spiel stören.

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