live Nachrichten von Protesten am 1. Mai: Revolutionäre Radler fordern „Parkplätze zu Tennisplätzen“
Gewerkschaften und linke Szene machen sich in Hamburg, Berlin und Magdeburg auf den Weg. Nazis warten auf ihre Bahn. Tränengas in Istanbul. Die taz ist live dabei.
Inhaltsverzeichnis
- Polizei wartet auf Nazis und Gegenprotest in Essen
- Hamburger DGB-Demo formiert sich
- Auf in den Gruni!
- Anarchist:innen lassen Fahne in Magdeburg wehen
- Plattenlabel fordert Vinylpreisbremse
- Tränengas in Istanbul
- 🐾 Walpurgisnacht in Berlin: Keine Nacht ohne Macker
- Ikkimel oder Revolutionäre Demo?
- Polizeisabsperrungen in Istanbul
- Alle reden von Revolution, wir reden vom Wetter
- Der Protesttag im Liveticker
- 🐾 Worum es am 1. Mai geht, eine Debattensalve aus der taz
Polizei wartet auf Nazis und Gegenprotest in Essen
11:40 Uhr, Essen: Für die Proteste gegen den Neonazi-Aufmarsch heute in Essen hat die Polizei mächtig aufgefahren. (wyp)
Anarchos laufen in Magdeburg
11:30 UHR, MAGDEBURG: Anarchische Demo läuft. „Merz am die Ostfront!“ und „Klasse gegen Klasse!“ rufen die rund 150 Teilnehmer:innen. In den schmalen Gassen von Magdeburg-Buckau hallt das ziemlich laut wider. (dmn)
Mehr Polizei als Demonstrant:innen in Istanbul
11:20 Uhr, Istanbul: In Mecidiyeköy im Istanbuler Stadtteil Şişli versammeln sich weiterhin mehrere hundert Menschen zu den Protesten rund um den 1. Mai. Die Polizeipräsenz übersteigt die Zahl der Demonstrierenden deutlich. Rund um den Platz stehen Bereitschaftseinheiten, Wasserwerfer und Mannschaftswagen bereit.
Die Demonstrationen werden vor allem von kleinen linken und feministischen Gruppen sowie Studierenden getragen. Sichtbar vertreten ist auch die TIP, die „Türkiye İşçi Partisi“ (Arbeiterpartei der Türkei), eine linkssozialistische Partei mit starker Unterstützung unter jungen urbanen Wählerinnen und Wählern. Daneben beteiligen sich anarchistische Gruppen und verschiedene sozialistische Initiativen.
Die Polizei kontrolliert weiterhin zentrale Zugänge rund um Şişli und Mecidiyeköy. Größere Demonstrationszüge Richtung Taksim gelten derzeit als unwahrscheinlich. (dt)
Schnellkurs in Anarchie in Magdeburg
11:20 UHR, MAGDEBURG: Auf der Anarcho-Demo in Magdeburg hält Anmelder Sebastian Grambow von der FAU einen kurzen Lehrvortrag über Anarcho-Syndikalismus, weil auch auf dieser Demo sicherlich viele nicht wüssten, was das sei. Bei der „Maloche“ sollten Arbeiter:innen gemeinsam für ein solidarisches Miteinander kämpfen, ohne festgefahrene Strukturen. „Wir brauchen keine allwissenden Kader, sondern gebildete Kolleg:innen“, erklärt Grambow. Die soziale Revolution, die Hauptaufgabe der sydikalistischen Gewerkschaft, funktioniere nur ohne, nicht im Nationalstaat.
Zum Schluss argumentiert auch er gegen Krieg. „Wenn Arbeiter:innen auf Arbeiter:innen schießen, gewinnt nur die besitzende Klasse“, ruf Grambow. Dann übersteuert die Box komplett. Kurzes Gelächter. Ein Mann in traditioneller Tischler-Zunftkleidung skandiert: „Hoch die internationale Solidarität!“ Mehrere dutzend Teilnehmer:innen steigen ein. (dmn)
Gewerkschaftler:innen sammeln sich auf der Karl-Marx-Allee
11.15 Uhr, Berlin, Strausberger Platz: Hunderte Teilnehmer:innen der Berliner DGB-Demo sammeln sich auf der Karl-Marx-Allee. Am U-Bahnhof versuchen Mitglieder kommunistischer Kleinstgruppierungen die Besucher:innen der traditionellen Gewerkschaftsdemo zum radikalen Klassenkampf zu motivieren. Doch angesichts des Großangriffs auf gewerkschaftliche Errungenschaften wie dem 8-Stunden-Tag durch die Merz-Regierung gibt sich der DGB in seinem Motto dieses Jahr mit der minimalistischen Forderung „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ zufrieden. (wah)
Nazis warten auf die Bahn
11:15 Uhr Dortmund Hbf: 15 bis 20 Nazis warten am Vordereingang des Hbf um 11:30 als Gruppe nach Essen zu fahren. (JCs)
Hamburger DGB-Demo formiert sich
11.00 Uhr, HAMBURG, Ottensen: In Hamburg-Ottensen formieren sich mehrere tausend Menschen zur größten DGB-Kundgebung der Stadt. Die Demo ist traditionell von Gewerkschaften, aber auch linken und linksradikalen Gruppen geprägt. Alle paar Meter ein neuer Redebeitrag. Beschäftigte von Airbus fordern Streikrecht, eine Person von der DKP-Jugendorganisation SDAJ spricht über Altersarmut von Frauen. Die Initiative Nolympia gegen Hamburgs Olympiabewerbung, steht vor dem klassenkämpferischen Block vom Roten Aufbau und Young Struggle. Gleich geht's los zur Abschlusskundgebung am Fischmarkt. (amk)
Klassenkampf in Sachsen-Anhalt
11.00 Uhr, MAGDEBURG: Bei der anarchistischen Demo sind mittlerweile genug Ordner:innen und noch ein paar mehr Leute hinzugekommen. Mehr als hundert hören dem ersten Redebeitrag zu. Auf Englisch geht es in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt um internationalen Klassenkampf und gegen den Krieg der Nationen. (dmn)
Auf in den Gruni!
11.00 Uhr, BERLIN, Brandenburger Tor: Die beiden Fahrrad-Zubringer mit den Mottos „Parkplätze zu Tennisplätzen“ und „Autoverbote verbieten“ sind am Brandenburger Tor angekommen, um von hier in einem großen Konvoi Richtung Berlin-Grunewald zu radeln. Seit 2018 besuchen die Aktivist:innen, organisiert von der Hedonistischen Internationale, am 1. Mai den Grunewalder „Problemkiez“, um auf dort verbreitete Missstände wie Steuerkriminalität und Parallelgesellschaften aufmerksam zu machen. Jedes Jahr schlüpfen die Teilnehmer:innen dafür in andere Rollen. In diesem Jahr steht alles unter dem Motto: „Gefahrenabwehr für Berlin: Kampfmittelbeseitigungsdienst entschärft sozialen Sprengstoff“. Angehen möchte man gegen „explodierende Mieten“. (epe)
Überraschung: Keine militanten Ausschreitungen im Berliner Speckgürtel
10.55 UHR, BERNAU BEI BERLIN: Der Chef vom Dienst der taz verlagert seinen revolutionären 1.-Mai-Arbeitsplatz vom Gartenhäuschen auf die Veranda. Lage im nördlichen Speckgürtel von Berlin erstaunlich ruhig, bislang keine militanten Ausschreitungen im Ortsteil Friedenstal von Bernau bei Berlin zu vermelden. Nicht mal Menschen auf der Straße. Die taz behält die Lage im Blick. (rru)
Anarchist:innen lassen Fahne in Magdeburg wehen
10.35 Uhr, MAGDEBURG: Eine rot-schwarze Fahne der anarchistischen FAU-Gewerkschaft baumelt lasch auf dem Thiemplatz. Etwa 80 Personen, viele in schwarzer Kleidung, warten auf den Demo-Start. Eigentlich sollte es um 10 Uhr losgehen, aber noch fehlen Ordner:innen. (dmn)
Plattenlabel fordert Vinylpreisbremse
10.30 Uhr, Berlin: Ohne Musik keine Revolution. Das ist nicht nur allen, die in den Mai tanzen, klar. „Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution“, soll schon die US-Anarchistin Emma Goldman gesagt haben.
Aber das sieht nun das Berliner Indiependentlabel staatsakt gefährdet. Denn „falls die Straße von Hormus weiterhin blockiert bleibt, und falls es tatsächlich noch Monate dauern sollte, bis man sich davon überzeugt haben wird, dass keine Unterwasserminen mehr dort herumschwimmen, dann wird auch der Vinylpreis in den nächsten Wochen und Monaten massiv ansteigen“, schreibt das Label in seinem Newsletter zum 1. Mai. Wegen Welthandel und so. Deshalb wolle man die Bundesregierung und „besonders den für uns Kulturarbeiter:innen zuständigen DJ Weimer“ um eine Vinylpreisbremse bitten.
Die taz hatte gerade dessen Rücktritt gefordert. Aber da Wolfram Weimer sich eh nicht an unsere Vorschläge hält, bleibt er die richtige Ansprechpartner. Und für alle Demos heute gilt: „Schluss mit dem Krieg, wir wollen tanzen!“ (ga)
Tränengas in Istanbul
10.05, Istanbul: Die Polizei beginnt mit ersten Interventionen gegen Demonstrierende in Şişli. Einsatzkräfte umstellen Gruppen auf dem Platz und verhindern Bewegungen Richtung Taksim. Wasserwerfer und Tränengas kommen zum Einsatz.
Mehrere Aktivistinnen und Aktivisten berichten von kurzzeitigen Festnahmen. Die Stimmung bleibt angespannt. Immer wieder skandieren Demonstrierende den Slogan:„Her yer Taksim, her yer direniş“ („Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“).
Der Ruf wurde während der Gezi-Proteste 2013 bekannt und gilt bis heute als zentrales Symbol oppositioneller Protestbewegungen in der Türkei.
Eine Studentin vor Ort zieht Parallelen zu den Protesten im März: „Es ist wie bei den Märzprotesten. Es gibt keine Strategie, die Barrikade zu durchbrechen – und daran scheitert es meistens.“
Die Aussage verweist auf ein strukturelles Problem vieler oppositioneller Mobilisierungen in Istanbul: Zahlreiche kleine Gruppen agieren parallel, jedoch ohne gemeinsame Strategie gegen die massiven Polizeisperren. (dt)
🐾 Walpurgisnacht in Berlin: Keine Nacht ohne Macker
10.00 Uhr, Berlin: Jetzt online: Der Bericht von Lilly Schröder zur Walpurgisnacht-Demo in Berlin am Abend vor dem 1. Mai. Bei der „Take back the night“-Demo demonstrieren nach taz-Schätzung 3.000 Feminist*innen gegen patriarchale Gewalt, die Polizei nennt eine niedrigere Zahl. Die Demo ist cis-männlicher als in der Vergangenheit.
Ikkimel oder Revolutionäre Demo?
09.55 Uhr, Berlin-Neukölln, Hermannplatz: Während sich die Zubringer-Fahhraddemo in den Grunewald sammelt, hört man aus den umstehenden Kleingruppen immer wieder den Namen „Ikkimel“. Die feministische Pop-Ikone wird, wie die Linkspartei am Vortag voller Stolz auf allen Kanälen verbreitete, am Abend auf dem Partei-Fest auf dem Kreuzberger Mariannenplatz auftreten, nach DJ Gysi und Alli Neumann. 19.15 Uhr mag Primetime für Künstler:innen sein, aber es ist auch die Zeit der größten linksradikalen Demo des Jahres. Die eh schon virulente Frage Party oder Protest? stellt sich damit für viele noch einmal ganz akut. Oder ist es einfach so, wie eine Userin auf Bluesky schreibt? „Ikkimel IST die revolutionäre 1. Mai Demo.“ (epe)
Polizeisabsperrungen in Istanbul
09.30 Uhr, Istanbul: Bereits am Vormittag sperrt die Polizei zentrale Straßen rund um Mecidiyeköy und Şişli. Wasserwerfer werden positioniert, Zufahrten Richtung Taksim kontrolliert. Kleinere Demonstrationszüge versuchen sich auf dem Platz zu sammeln. (dt)
Alle reden von Revolution, wir reden vom Wetter
09:30 Uhr, Deutschland: Auf die Menschen in Deutschland wartet heute ein Maifeiertag wie aus dem Bilderbuch. Vorausgesagt sind viele Sonnenstunden und frühlingshafte Temperaturen. Überall soll die Sonne scheinen bei demonstrativ angenehmen Höchsttemperaturen von 20 bis 25 Grad. Also nichts wie raus zum Wannsee oder ins Freibad um nach einem erfrischenden Anschwimmen danach zur Demo zur gehen. (ga)
Tausende bei Frauen-Protest in Berlin
08.30 Uhr, Berlin: Mehre tausend Menschen haben an der traditionellen Frauen-Demonstration am Vorabend des 1. Mai in Berlin-Kreuzberg teilgenommen. Nach Angaben der Polizei waren schätzungsweise 2.600 Menschen unterwegs. Ein ausführlicher Bericht folgt bald auf taz.de (dpa/ga)
Der Protesttag im Liveticker
08.00 Uhr, Berlin: Der 1. Mai ist der Tag der Demonstrationen schlechthin. Die taz ist heute wieder an vielen Stellen dabei und berichtet von Ort. Schnell hier im Liveticker, etwas ausgeruhter dann zu den Protesten in verschiedenen Städten. (ga)
Die demonstrative Vielfalt in Berlin
08.00 Uhr, Berlin: Unser Schwerpunkt liegt auch in diesem Jahr wieder auf den Protesten in Berlin. Dort beginnt um 11 Uhr die traditionelle Gewerkschaftskundgebung des DGB.
Danach wird es bunter: Ab 12 Uhr veranstaltet am Görlitzer Park in Kreuzberg das Kulturkollektiv „Rave Against The Zaun“ mit weiteren Gruppen eine Protestsause gegen den Zaun, der den Park neuerdings nachts abriegelt (außer am 1. Mai).
Das My-Gruni-Bündnis macht sich um 13 Uhr wieder auf in das Berliner Problemviertel Grunewald. Dieses Jahr unter dem Motto „Kampfmittelbeseitigungsdienst entschärft sozialen Sprengstoff“. Wie immer gibt es auch mehrere Fahrrad-Zubringer-Demos.
Der unangefochtene Star des Abends ist und bleibt aber die Revolutionäre 18-Uhr-Demonstration. Die größte linksradikale Demo der Republik wird auch in diesem Jahr wieder Zehntausende anziehen, die vom Oranienplatz zum Görli und dann über die Sonnenallee zum Südstern laufen werden. (ga)
Die Proteste in Hamburg
08.00 Uhr, Hamburg: Auch an der Elbe stehen die Gewerkschaftler:innen als erste auf. Der DGB demonstriert um 10 Uhr am Lohbrügger Markt, Bergedorf, und ab Harburger Rathaus, ab 10.30 Uhr an der S-Bahn Ottensen.
Danach wird es auch in Hamburg radikaler: „Wer hat der gibt“ 14.30 Uhr Jungfernstieg; „Revolutionäre 1. Mai“ 18 Uhr Bahnhof Altona; „Schwarz-roter 1. Mai“ 18 Uhr Arrivati Park. (ga)
Nazis in Essen und so
08.00 Uhr, Essen: Rechtsradikale wollen den 1. Mai ebenfalls für sich vereinnahmen. In Essen will der NPD-Nachfolger Die Heimat auflaufen. Auch Gegenproteste sind angekündigt.
Ein ähnliches Programm zeichnet sich in Braunschweig ab. (ga)
🐾 Worum es am 1. Mai geht, eine Debattensalve aus der taz
Worum geht es am 1. Mai? Ist das tatsächlich noch oder wieder Kampftag der Arbeiter:innen? Oder ist das längst Partytag verkommen? Darüber haben in den vergangenen Tagen taz-Redakteur:innen nachgedacht.
„Der Klassenkampf braucht Gegenwehr“, schreibt Timm Kühn in einem Essay. Denn die CDU attackiere alle Erfolge von 150 Jahren Arbeiter:innenbewegung. Seine einzige Hoffnung: die Linksradikalen.
„Alle Jahre wieder“, titelt Amira Klute ihren Text über den 1. Mai als Ritual für Ausdauernde. Und erklärt aber auch, warum es trotzdem wieder auf die Straße geht.
„Raver, vereinigt euch!“, schreiben Erik Peter und Lilly Schröder in ihrem Text über die Parallelwelten am 1. Mai in Berlin: Während die einen ein entpolitisiertes Straßenfest feiern, halten andere am Revolutionsanspruch fest. (ga)
Dieser Liveticker wir betextet von Amira Klute (amk), Andreas Wyputta ( (wyp) , David Muschenich (dmu), Derya Türkmen (dt), Erik Peter (epe), Gereon Asmuth (ga), Jonas Wahmkow (wah), Julian Csép (JCs), Rainer Rutz (rru)
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