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Filmfestspiele von CannesZurück will er nicht

Hochkarätig besetzt: Bei den Filmfestspielen von Cannes imaginiert Regisseur Paweł Pawlikowski die Reise Thomas Manns nach Deutschland 1949.

Presse­konferenz in Frankfurt: Erika (Sandra Hüller) und Thomas Mann (Hanns Zischler) in „Vaterland“ Foto: Agata Grzybowskay

Der „Pitch“ für den Film „Vaterland“, mithin die Bewerbung für den Wettbewerb von Cannes, soll, so Festivalleiter Thierry Frémaux, aus einem Satz bestanden haben: „Ein Schriftsteller reist nach dem Zweiten Weltkrieg zurück nach Deutschland und nimmt einen Preis entgegen.“ Dieser Schriftsteller war Thomas Mann. Der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski lässt in „Vaterland“ eine Reihe deutscher Schauspielprominenz die Manns verkörpern: Sandra Hüller als Erika, Hanns Zischler als Thomas und August Diehl als Klaus Mann – geht alles auf.

Klaus Mann sitzt zu Beginn neben einem zerwühlten Hotelbett am Telefon. Am anderen Ende spricht seine Schwester Erika. Wenig später sieht man sie in einer Limousine am Lenkrad, im Fond sitzt Thomas, mürrisch über seinem gestutzten Oberlippenbart in die deutsche Nachkriegslandschaft blickend. Sie fahren in das zerbombte Frankfurt am Main.

Ende Juli 1949, Thomas Mann, inzwischen US-amerikanischer Staatsbürger, soll in Frankfurt den Goethe-Preis erhalten, wenige Tage später in Weimar den Nationalpreis. Im Westen beherrscht der weder für Erika noch für Thomas Mann erledigte Nationalsozialismus die Gespräche am Rand. Sei es mit den Brüdern Wolfgang und Wieland Wagner, die Thomas bitten, ein gutes Wort für Bayreuth bei der bayrischen Regierung einzulegen, oder mit Erikas Ex Gustaf Gründgens, der sich uneinsichtig zeigt, was seine Karriere in der NS-Zeit betrifft.

Pawlikowski erzählt von einem historischen Moment, wobei er sich viele Freiheiten nimmt und manches verdichtet, um unerledigte Fragen zwischen Vater, Tochter und Sohn anzusprechen. So wirft Erika dem Vater vor, dass er nur sich sehe, fixiert auf das Bild, das die Nachwelt sich von ihm machen wird. Als die beiden die Nachricht von Klaus’ Suizid erreicht, hält das Thomas nicht davon ab, weiter nach Weimar zu reisen, „bevor es die Presse erfährt“. Der echte Klaus Mann hatte schon am 21. Mai den Freitod gewählt, in Cannes. Statt Erika begleitete Katia Mann ihren Ehemann nach Weimar.

Blockdenken hält Einzug

„Vaterland“ knüpft an Pawlikowskis ebenfalls in Cannes im Wettbewerb gezeigten Film „Cold War“ (2018) an, dessen Handlung ungefähr zur gleichen Zeit einsetzt. Beide sind in kontrastreichem Schwarz-Weiß gehalten. Doch wo „Cold War“ einen weiteren historischen Bogen schlägt, konzentriert sich „Vaterland“ auf wenige Tage an einem Wendepunkt der Nachkriegszeit. Die Bundesrepublik wurde kurz zuvor gegründet, die Gründung der DDR folgt im Oktober. Blockdenken hält längst Einzug.

Auf einer Frankfurter Pressekonferenz soll Thomas Mann sich zu den Weltanschauungen Kommunismus oder Kapitalismus bekennen. In Weimar legt ihm der für Propaganda zuständige Offizier Sergei Tjulpanow seine Sicht zu Goethe dar, dessen „Faust“ er für eine gedankliche Vorwegnahme des historischen Materialismus hält. Pawlikowski streut knappe Hinweise ein, den Vornamen „Johannes“ etwa für den Schriftsteller und DDR-Kulturfunktionär Johannes R. Becher, der in Weimar um Thomas Manns DDR-Engagement wirbt.

Während sich die beiden Blöcke in Stellung bringen, suchen die Manns nach ihrem eigenen Platz. Nach Deutschland wollten sie nie zurück, eine Heimat sind die USA ihnen genauso wenig geworden. Dieses Haltlose überträgt sich im Bild. Pawlikowski arbeitet mit klar komponierten statischen Einstellungen. Für die Bewegung sorgt die flexible Kameraperspektive, die oft mit Tiefenschärfe arbeitet, in weiter Ferne Liegendes in den Blick nimmt oder den Fokus bei den Figuren im Raum von einer zur anderen verschiebt.

Dazu spärlich eingesetzte Orgelmusik von Olivier Messiaen, deren unstete Bewegung etwas unversöhnt Bittendes hat. Musik nutzt Pawlikowski zudem, um Thomas Mann am Ende etwas menschliche Züge zu verleihen. Ein erster Höhepunkt.

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