Berichterstattung über das Hantavirus: Das nächste Virus geht schon viral
Fast kein Thema wurde diese Woche so viel besprochen wie das Hantavirus. Dabei sollten Medien darauf achten, keine alten Ängste zu reaktivieren.
Hantavirus-Ausbruch: Droht jetzt ein Szenario wie zu Corona-Zeiten? Virologe gibt klare Einschätzung“, titelt das Onlinemagazin Merkur. Focus Online und RTL.de schalten Liveticker. Nach Bekanntwerden der Fälle auf dem Schiff „MS Hondius“ veröffentlicht die „Tagesschau“ einen langen Beitrag inklusive Expert*innenbefragung. Die BBC spricht mit dem Reiseinfluencer Jake Rosmarin, der Passagier auf dem Expeditionsschiff war, wo es zu einem Ausbruch kam. „Seit Tagen redet alle Welt über das Hantavirus“, beginnt ein Text der Zeit. Stimmt das?
Wer aktuell Nachrichten konsumiert oder durch Social Media scrollt, wird schnell mit dieser Frage konfrontiert. Die Liste an Schlagzeilen ließe sich problemlos fortführen. Ja, auf der „MS Hondius“ ist ein Virus ausgebrochen, und es sind, Stand Freitag, drei Menschen gestorben, weitere sind infiziert.
Doch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt, für eine weitere Pandemie eigne sich das Virus nach aktuellem Stand nicht. Hantaviren werden meist über Ausscheidungen von Nagetieren übertragen und verbreitet sich nicht so leicht zwischen Menschen wie Covid.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Trotzdem entsteht das Gefühl, als beginne gerade wieder etwas – eine Pandemie? Rosmarin dokumentiert auf Social Media seine 42-tägige Quarantäne in Nebraska. Er zeigt sein Zimmer, freut sich über eine Starbucks-Bestellung, filmt Malhefte, die ihm Freund*innen geschickt haben. Sein erstes Video vom Schiff nach dem Ausbruch erzielte Millionen Klicks. Hunderttausende verfolgen nun täglich seine Vlogs.
Eigentlich ist das ein routinierter Vorgang im Umgang mit einem Krankheitsausbruch: Menschen werden isoliert, beobachtet, medizinisch betreut. Aber die Öffentlichkeit betrachtet diese Bilder nicht neutral. Sie erinnern an Masken, Isolation und Fieber messen. Menschen in Schutzanzügen.
Witze über leere Supermarktregale
Schlechte Beleuchtung in Quarantänezimmern. Auf Tiktok werden wieder Lockdowntänze ausgekramt. Nutzer*innen machen Witze über leere Supermarktregale oder darüber, ob es sich lohnen würde, jetzt schon ein Testzentrum aufzumachen.
Die Coronapandemie hat nicht nur politische und gesellschaftliche Spuren hinterlassen, sondern auch eine Bildsprache. Diese wird jetzt reaktiviert.
Das eigentliche Phänomen ist deshalb nicht das Hantavirus, sondern das Tempo, mit der sich seine Erzählung verbreitet. Oft reichen wenige Informationen, um alte Reflexe auszulösen. Die Pandemie steckt noch tief im kollektiven Kurzzeitgedächtnis – und in den Archiven der Plattformen.
Social Media funktionieren über Wiedererkennbarkeit und Emotion. Ein Kreuzfahrtschiff mit Quarantäne, Todesfällen und unklarer Lage liefert dafür perfektes Material. Dramatische Geschichten erzeugen Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit erzeugt Reichweite, Reichweite wiederum produziert noch mehr Inhalte.
Parallel zu den eher harmlosen, fast schon nostalgischen Memes laufen die bekannten Mechanismen der Desinformation wieder an. Es kursieren zahlreiche Verschwörungserzählungen. Dass das Virus in einem Labor hergestellt worden sei. Dass Behörden Informationen zurückhalten würden. Manche posten Videos, die wie Wärmebildaufnahmen aussehen, und behaupten, das Virus könne man erkennen, falls eine grüne Farbe zu sehen sei.
Diese Muster kommen uns auch deshalb bekannt vor, weil die Infrastruktur dafür nie verschwunden ist.
Die Coronapandemie habe ein ganzes Ökosystem an Influencern hervorgebracht, die ihre Reichweite mit Desinformation zu Gesundheitsthemen aufgebaut hätten, schreibt die New York Times. Während Corona entstanden Telegram-Kanäle, alternative „Experten“-Communitys und Social-Media-Profile, die aus Misstrauen ein Geschäftsmodell machten. Diese Accounts generieren nun bei Meldungen zum Hantavirus wieder viel Aufmerksamkeit.
Hinzu kommt KI. Gefälschte Bilder, dramatische Videos oder vermeintliche Augenzeugenberichte lassen sich in wenigen Sekunden produzieren und fluten alle Kanäle.
Unkritisch Informationen übernommen
Die klassischen Medien sollten hier eigentlich dagegenhalten und Ruhe bewahren. Aber auch hier wirken die globale Pandemie und ihre Aufarbeitung bis heute nach und beeinflussen die Berichterstattung über das Hantavirus. Viele Redaktionen mussten sich später vorwerfen lassen, die Gefahr des Coronavirus anfangs unterschätzt und im Laufe der Pandemie teilweise zu alarmistisch berichtet zu haben.
Viel Kritik gab es auch daran, die Medien seien ihrer Watchdog-Funktion nicht nachgekommen und hätten demzufolge unkritisch Informationen etwa von Politiker*innen und Gesundheitsbehörden übernommen.
Heute wirken die Schlagzeilen teilweise so, als wolle man dieses Mal auf jeden Fall vermeiden, etwas zu spät gewusst zu haben.
Vielleicht werden deshalb bereits bei vergleichsweise wenigen bekannten Fällen große Erklärstücke produziert und Liveticker gestartet – auch aus Konkurrenzdruck und wegen des Verlusts an Vertrauen in Medien und Institutionen seit der Pandemie.
Kann man diesen Vertrauensverlust jemandem verübeln, wenn in der Realität mit Robert F. Kennedy Jr. in den USA ein Impfgegner und Verschwörungsideologe Gesundheitsminister geworden ist oder die Bundesregierung unter Jens Spahn während der Pandemie Milliarden Masken für die Tonne einkaufte? Oder wenn die Pandemie für viele nicht wie für andere vorbei ist, etwa für von der schweren postviralen Krankheit ME/CFS Betroffene. Sie beklagen fehlende Forschung und machten erst kürzlich mit einer „Liegend-Demo“ wieder darauf aufmerksam, dass ihr katastrophaler Gesundheitszustand kaum öffentliche Beachtung findet.
Eine selbstkritische Fehlerkultur bei der medialen Begleitung dieser Themen wäre angebracht. Dazu gehört, zu zeigen, wo die Medien selbst Teil des Systems waren, weil sie über ein Ereignis berichteten, das sie selbst so betraf wie ihr Publikum.
Dazu gehört auch, wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst klar zu vermitteln und zwischen vorläufigen Hypothesen und belastbaren Informationen zu unterscheiden. Vor allem aber hieße das: Ruhe bewahren. Bisher gibt es insgesamt elf Fälle, davon drei Todesfälle. Wie darüber berichtet wird, sollte nicht im Breaking-News-Modus entschieden werden.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert