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Ausweitung des AchtstundentagesDer SPD ist nicht mehr zu helfen

Kommentar von

Gunnar Hinck

Die Sozialdemokraten sind bereit, die größte Errungenschaft der Arbeiterbewegung aufzugeben: den Achtstundentag. Koalitionszwänge? Unglaubwürdig.

SPD aufgepasst: Einen Angriff auf den „ Acht-Stunden-Tag“ lassen sich die Gewerkschaften nicht bieten Foto: Annegret Hilse/reuters

J uso-Chef Philipp Türmer mag sich regelmäßig sehr kalkuliert über Dinge aufregen, aber hier hat er recht: „Den Achtstundentag zu schleifen, ist kein Aufbruchssignal, das ist eine Frechheit.“ Nicht nur das – die Koalitionspläne sind auch falsch, unnötig und dürften für die SPD fatal werden.

Der Auftritt von Bärbel Bas auf dem DGB-Kongress in der zurückliegenden Woche zeigte wieder eindrücklich das Talent der SPD, sich selbst zu zerlegen. Die Arbeitsministerin sagte: „Wenn es nach der SPD und auch mir persönlich geht, würden wir das Thema Arbeitszeit gar nicht erst anfassen.“ Und dann: „Aber es steht im Koalitionsvertrag.“

Die SPD-Vorsitzende als beflissene Staatsnotarin, die kleinlich darüber wacht, dass die Punkte des Koalitionsvertrags auch ordentlich abgearbeitet werden. Ein Koalitionsvertrag ist übrigens rechtlich gesehen kein verbindlicher Vertrag, sondern eine politische Absichtserklärung, die natürlich im Laufe einer Legislaturperiode geändert werden kann.

SPD unterschätzt die Brisanz dieser Entscheidung

Da ist sie wieder, die SPD, die ja eigentlich für die – wie es bei ihr immer heißt – hart arbeitenden Menschen da sein will, aber leider, leider wegen der vermeintlichen Sachzwänge einer Koalition das Gegenteil machen muss.

Investigativjournalistinnen oder Historiker werden sicher irgendwann einmal herausfinden, wie es der Punkt, künftig eine wöchentliche Höchstarbeitszeit statt einer täglichen zu ermöglichen, in den Koalitionsvertrag schaffte. Vielleicht waren die SPD-VerhandlerInnen kurz unaufmerksam. Oder Lars Klingbeil setzte sich innerparteilich durch. Wir wissen es – noch – nicht.

Jedenfalls hat die SPD die Brisanz komplett unterschätzt. In den Gewerkschaften, bei Betriebsräten, im ArbeitnehmerInnenlager überhaupt ist die Wut derzeit groß. Warum ist das so? Der Achtstundentag gehört zur DNA von ArbeiterInnenbewegung und Gewerkschaften. 1918, kurz nach der Novemberrevolution, wurde er durchgesetzt, schon Karl Marx forderte ihn. Er machte gerade harte, körperliche Arbeit erträglicher. Wenn jetzt die SPD die Axt an den Achtstundentag legt, wäre das ein tiefer Schnitt in den Identitätskern ihrer Restklientel.

Fremdbestimmte und selbstbestimmte Arbeit

Das Deprimierende ist, dass die Führungsleute der ehemaligen Arbeiterpartei SPD den Unterschied zwischen fremdbestimmter und selbstbestimmter Arbeit nicht mehr zu kennen scheinen: Eine selbstständige Handwerksmeisterin, die abends noch den Bürokram macht, oder der freie Künstler, der gerade im Flow ist, denken nicht im Achtstundentakt – und sie können so lange arbeiten, wie sie wollen.

Aber die Buchhalterin im Großraum und der Zerspanungsmechaniker in der Fabrik verkaufen ihre Arbeitszeit – und sind nach acht Stunden (plus häufiger Überstunden) „durch“. Und: Arbeit ist heute zwar gesünder als zu Karl Marx’ Zeiten, aber die Arbeitsdichte und damit die Arbeitsbelastung sind durch technischen Fortschritt und Digitalisierung immens gestiegen.

Das Absurde an der ganzen Debatte ist, dass Flexibilität schon jetzt möglich ist. Das Arbeitszeitgesetz erlaubt problemlos Zehnstundentage, wenn es einen Ausgleich zu einem späteren Zeitpunkt gibt. Will die Koalition ernsthaft, dass die Leute elf Stunden und mehr arbeiten?

Schwach abgesicherte Beschäftige haben das Nachsehen

Durchschaubar ist das Argument, dass sich Arbeitnehmer mehr Flexibilität wünschten – diese Behauptung hat es tatsächlich in den Koalitionsvertrag geschafft. Die Frage ist: Wessen Flexibilität? Natürlich werden in Wahrheit damit die Flexibilitätsbedürfnisse des Arbeitgebers bedient. Wenn ArbeitnehmerInnen mehr Flexibilität wünschen, wollen sie diese selbstbestimmt, also freiwillig.

Sollten die Koalitionspläne durchkommen, wird es ausgerechnet die schwach abgesicherten Arbeitenden treffen. Das bedeutet nach dem Mindeststandard der EU-Arbeitszeitrichtlinie 48 Stunden pro Woche – im Durchschnitt. Diejenigen, für die ein Tarifvertrag gilt, dürften ungefährdet sein, weil ihre Arbeitsbedingungen immer von den Gewerkschaften mitverhandelt werden. Das alles dürfte die Zweiklassengesellschaft in der Arbeitswelt verstärken – und den von der SPD gern beschworenen gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter zerbröseln.

Wenn die SPD nicht das Ende des Achtstundentags verhindert, dann ist ihr wirklich nicht mehr zu helfen. Und dann sollte sie sich nicht wundern, warum sie mehr und mehr zur Kleinpartei wird.

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ist Redakteur im taz-Ressort Meinung.
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17 Kommentare

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  • Wenn die Arbeiterschaft überwiegend Afd und CDU wählen, haben sie sich nicht nur von der SPD verabschiedet, sondern auch von der Solidarität.



    Die Frage ist wem ist nicht mehr zu helfen, m E. eher der Arbeiterschaft.



    Die Gewerkschaften sollten statt Herrn Merz besser ihre eigenen Mitglieder ausbuhen.!

  • Mit der SPD ist es so wie mit vielen etablierten Marken:



    Der Name ist der alte, der Inhalt ist ein ganz anderer.

    Jetzt mag man argumentieren die Zeiten häten sich ja auch geändert, die Welt sei eine andere geworden usw.

    Aber nehmen wir nur als Beispiel das Geseihere über die Lebensarbeitszeit:



    Ja, stimmt, die Menschen leben heute länger.



    Vor dreißig Jahren lag die Lebenserwartung bei rund 79 Jahren - heute liegt sie bei rund 83 Jahren. Also ca 5% mehr.

    Die Arbeitsproduktivität ist in der gleichen Zeit allerdings um sagenhafte 40 % gestiegen.

    Also könnte Mensch deutlich früher aufhören zu arbeiten - bei gleichem Gewinn des Kapitals aus der Lebenszeit der Menschen.

    Und das ist nur EIN Beispiel dafür, wie uns die SPD hinter die Fichte führt.

    Ok- das tun die anderen Parteien auch. Aber die behaupten ja auch nicht die Partei des "kleinen Mannes" zu sein.

  • Auf S. 63 (Koalitionsvertrag der Ampel) stand "Klimageld" ald Komoensation für steigende CO2-Preise.

    www.bundesregierun...ata.pdf?download=1

    Damals bestimmte (formal) Herr Scholz als Bundeskanzler die "Richtlinien der Politik".



    Dieses wäre ein wichtiger Mechanismus gewesen um die Akzeptanz der Energiewende zu steigern und Lasten gerecht zu verteilen.



    Es kam nicht, da die spd (und sein "Klimakanzler"!) vor dem kleinsten, neoliberalen Koalitionspartner eingeknickt sind.



    Wer erwartet, dass die spd jetzt als Juniorpartner den Rücken grade machen würde (zumal bei 100-jährigen Errungenschaften ihrer ehem. Klientel!) kennt den jetzigen Zustand dieser Partei nicht.



    Für ein Schulterklopfen von F. Merz tun die Parteivorsitzenden alles.



    Ein "Ruder rumreißen" wird es nicht mehr geben.



    Eine Partei in Auflösung.



    Jedes Vertrauen wurde verspielt. Es gibt keinen Grund mehr die spd zu wählen.

  • Das Leben ist ein Dschungel. Ein Organismus der sich nicht an Veränderungen anpassen kann, siecht dahin und wird verdrängt.

    Eine Gesellschaft, eine Wirtschaft die nicht reformfähig ist, wird in ein Siechtum übergehen. Nur ein Land, das sich anpassen kann also zu Reformenfähig ist - kann seine Kraft und seinen Wohlstand erhalten.

    Man muß der DDR zugestehen, daß sie bis zum Schluss für die Arbeiterrechte kämpfte. Aber sie war nicht reformfähig. Sie siechte noch ein paar Jahrzehnte dahin und verstarb. Venezuela, Kuba,..

    Einige der geänderten Bedingungen sind: Der demografische Wandel. Das benötigte (geeignete) Arbeitskräftepotential schrumpft.



    Die Lohnnebenkosten werden weiter steigen. Steuern jetzt möglicherweise auch. Auf dem Feld der Erneuerbaren und Co2-armen Energien hat Deutschland zwar gute Techniken aber weniger Sonne, Wind- und Wasser-und Kernkraft, als Konkurrenten. Geographisch bedingt werden in Zukunft die Energiekosten In Deutschland - im Vergleich zu Wettbewerbern - dauerhaft deutlich höher sein.

    An solche neuen Lebensbedingungen muß Deutschland sich anpassen. Die SPD stand einmal für Fortschritt. Heute steht sie für Erstarrung und somit für einen langsamen Tod.

  • taz: *Ausweitung des Achtstundentages. Der SPD ist nicht mehr zu helfen.*

    SPD-Politiker, die noch sozial sind, sollten sich zu 'Die Linke' begeben. Und die anderen, die immer noch das "neoliberale Schröder-Virus" in sich haben, sind ja ohnehin schon ein Teil der CDU/CSU geworden.

  • Nicht Koalitionszwang, sondern Seeheimer Kreis. Wer braucht eine solche SPD?

  • Hallo? Den Arbeitern und Rentnern ist wohl nicht mehr zu helfen. Die ganze Merz-CDU ist marktradikal und unsozial. Nach oben buckeln und nach den Arbeitern und Rentnern treten. Deutschland hat noch nie so viel Arbeitsstunden geleistet wie heute! Ich hoffe, dass die Arbeiter und Rentner nicht wieder so blöd sind weiter CDU zu wählen. Und wann gehen Rentner denn mal gegen ihre mickrigen Renten demonstrieren? Niemals? 21 Mio. Rentner spielen wohl lieber Bingo?

  • Über den Koalitionsvertrag haben die Mitglieder der SPD abgestimmt oder?

  • "Der SPD ist nicht mehr zu helfen."

    Ja.

    Es gibt aber weiterhin einen Bedarf für eine Partei der abhängig Beschäftigten.

    Das wird dann die Linke sein, wenn sie sich professionalisiert.

    Oder jemand anderes.

  • Richtiger und wichtiger Kommentar.



    Das schlimme: Was die CDU unter Merz, Spahn und Linnemann will, ist nicht nicht einmal notwendig. Es reicht ihnen nur nicht. Unfassbar was die SPD da mitmacht. Aber verwunderlich ist es eigentlich nicht mehr.

    Wenn das kommt haben die Mitarbeiter:innen in Betrieben ohne Betriebsrat dann gar keine Chance mehr.



    Und deshalb werden die Betriebsräte die nächsten sein, die geschliffen werden. Das macht die CDU dann mit der AFD oder umgekehrt.

    • @Nansen:

      Leider ist das genau so. Wir werden in absehbarer Zeit eine weitere Traditionspartei aus dem Bundestag und Landesparlamenten fliegen sehen. csdU und AgD werden in ihrer Koalition alles schleifen, was auch nur geringfügig nach Linken oder Grünen Ursprüngen, Ideen aussieht. Es wird eine gleichgeschaltete Linie geben und das war's dann mit der Demokratie... So sad !!!

  • Wer am Tag 10 Stunden arbeitet und dann 3 Tage frei hat, kann dieses System sehr wohl schätzen - vielleicht sollte man mal Arbeiter und Angestellte befragen anstatt Karl Marx zu bemühen. Der kannte körperliche Arbeit auch nur aus Büchern.

  • „Aber es steht im Koalitionsvertrag.“

    Und dieser wurde von Klingonen geschrieben und die SPD zur Unterschrift gezwungen? Oder war es doch so, dass die SPD diesen Vertrag mit verhandelt hat? Allein dass diese Idee es in den Vertrag geschafft hat, ist ein Skandal.

    Wie im Artikel schon richtig gesagt, bestimmt der Unternehmer die Arbeitszeit. Flexibilität gilt für ihn. Dem Grenzen zu setzten, war die Idee hinter dem Achtstundentag. Jetzt will ausgerechnet die SPD die alte Willkür wieder einführen. Eine solche "Arbeiterpartei" braucht kein Arbeiter mehr. Im Alten Slogan steckt eben doch noch Wahrheit.







    Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!

  • Das gesellschaftliche Problem liegt woanders: Doppelstandards der Gewerkschaften zu anderen Berufen außerhalb der großen Industriewerkshallen. Jeder Handwerker auf dem Land, oder Kleinbetrieb, Einzelhandel, Selbstständige.....von Leiharbeitsfirmen, oder Prekärbranchen wie Paketdiensten ganz zu schweigen. Die alle können über derlei Diskussionen eher den Kopf schütteln, da Alltag.



    Und da ist das eben abgehobene Scheinintelkektualität was die Frau Bas oder auch Fahimi da fabuliert. Und somit unwählbar, bzw, mit 15% noch gut bedient.



    Oder noch kürzer:



    Die Arbeitswirklichkeit eines BMW-Daimler-Eon Arbeiters zu einem Normalarbeiter in einer Landschlosserei ist gravierend. Und wer beschwert sich am lautesten? .... denen es schon recht gut geht! Ein Problem!

    • @Tom Farmer:

      Das Problem sind eher Leute wie Sie. Statt das Arbeitszeitgesetz überall und bei jede:r durchzusetzen, werden die diffamiert, bei denen es gilt.



      Warum gilt es bei denen? Wegen Gewerkschaft und Betriebsrat.



      Jaja, diese verwöhnten Arbeiter beim Daimler! Mamma man.



      Das Arbeitszeitgesetz ist Gesetz Punkt



      Als wenn irgendwas besser würde, wenn das geschliffen wird.

      Ich kann ja meine Einkommenssteuer auch nicht einfach in Richtung Null drehen, mit der Begründung, dass die Reichen und Schönen ja auch Steuern sparen/elegant hinterziehen, wo sie es nur können.

  • Die KI (Kanzler Idee) will es so.

  • Ich kenne niemanden der reguläre 8 Stunden Tage arbeitet. Das ist in den meisten Jobs heute mal mehr mal weniger. Da akzeptiert eher der Gesetzgeber die macht des faktischen. Anstatt Symbolpolitik wie wäre es wenn die SPD daran arbeitet den Erwerb von eigenheimen für die untere Mittelschicht erschwinglich zu machen? Das würde den Menschen mehr bringen.