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Schmerz und Handlungsmacht

Opferkult oder neue Härte? Zwei neue Sachbücher betrachten aus ganz verschiedenen Perspektiven den Umgang der Gesellschaft mit verwundbaren und verwundeten Menschen

Systemische Gewalt lässt sich mit Solidarität beantworten Foto: Hanna McKay

Von Renate Kraft

Opfererzählungen sind in aller Munde. Die von gesellschaftlichen Missständen, von Ausgrenzung und Unterdrückung Betroffenen erheben Anspruch auf Mitgefühl und Zustimmung. Nicht selten wird ihnen als Opfer eine moralische Überlegenheit zugeschrieben, nicht allein gegenüber dem Täter, sondern ebenso im Vergleich zum Publikum. In jüngster Zeit sind Opfererzählungen auch zunehmend Gegenstand von Kritik: Die Opferrolle werde übertrieben, missbräuchlich in Anspruch genommen, führe zu irriger Identitätspolitik. Das Opfer erfreut sich also eines breiten kulturellen Interesses. Im Abstand weniger Wochen sind zuletzt zwei Bücher erschienen, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven angehen.

Betont sachlich und unaufgeregt bewegt sich die Philosophin Maria-Sibylla Lotter auf dem Minenfeld der Opfererzählungen und setzt dabei das wissenschaftliche Besteck ihrer Profession ein. Ihre Überlegungen gehen von dem Skandal um die angebliche antisemitische Beleidigung des Sängers Gil Ofarim durch den Mitarbeiter eines Leipziger Hotels aus. Diese erwies sich zwar später als der Fantasie Ofarims entsprungen, aber da hatte eine entrüstete Öffentlichkeit ihr Urteil bereits gefällt. Lotter fragt: Wie konnte das passieren? Warum wurden nicht zumindest die Zeugenaussagen abgewartet?

Sie konstatiert in den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten eine verbreitete therapeutische Haltung gegenüber wirklichen oder vermeintlichen Opfern, die vernünftigen Zweifel von vornherein verbietet. Sich vorbehaltlos auf die Seite eines Opfers zu schlagen, bringt ihrer Wahrnehmung nach außerdem einen Distinktionsgewinn mit sich, der erklärt, warum zahlreiche Kom­men­ta­to­r:in­nen auf die Vorwürfe Ofarims umgehend mit einer moralischen Vorverurteilung des Hotelangestellten reagierten.

Rationales Überlegen und Prüfen ist also dringend angezeigt, wenn Personen oder Gruppen einen Opferstatus für sich beanspruchen oder er ihnen zugeschrieben wird. Lotter betreibt kein Opfer-Bashing und sie stellt auch keinesfalls in Abrede, dass es Opfer gibt. Es geht ihr um kulturelle Bilder und Denkgewohnheiten und um die Frage, welche Folgen das erhöhte Bewusstsein der Gegenwart für Verwundbarkeit hat. Und so inspiziert sie nacheinander die Bereiche, in denen der gesellschaftliche Diskurs regelmäßig Opferdynamiken erkennt: Mobbing beispielsweise, Rassismus, Gewaltverbrechen, Hate Speech.

Den Beginn des modernen Opferverständnisses verortet Lotter im Konzept der strukturellen Gewalt, das Opfer auch dort erkennt, wo eindeutige Täter nicht auszumachen sind. Wenn es systemische Mechanismen sind, die einzelne gesellschaftliche Gruppen schädigen, rücken statt der Täter die Opfer in den Fokus der Aufmerksamkeit. Für das Verständnis gesellschaftlicher Ungerechtigkeit sieht Lotter hier einen wichtigen Fortschritt; dennoch möchte sie dort, wo ein Täter zu identifizieren ist, die Berücksichtigung seiner Absichten nicht aufgeben. Die Frage, ob eine Verletzung planvoll oder unabsichtlich geschieht, findet sie weiterhin wichtig.

Ihre Argumentation erinnert in ihrer Struktur an Svenja Flaßpöhlers Buch „Sensibel“ von 2021. Wie Flaßpöhler sieht auch Lotter die gesteigerte Sensibilität für menschliches Leid in den modernen Gesellschaften grundsätzlich als Gewinn. Wie ihre Kollegin weist sie aber auch auf die Kosten eines Denkens hin, das Menschen vor allem als Verletzte begreift. So sieht sie in den Opferdiskursen der Gegenwart das Bewusstsein für die eigene Handlungsmacht und die vorhandenen Handlungsspielräume schwinden.

Lotter erinnert an den Mut und die Tapferkeit von Schwarzen Bürgerrechtlern in den 1950er und 60er Jahren und kontrastiert deren Haltung mit dem Bild vom ohnmächtigen Opfer, das die Debatten um die Black-Lives-Matter-Bewegung dominiert. Was sie dabei nicht berücksichtigt: Die damaligen Aktivisten waren Teil einer breiten und machtvollen Bewegung, auf deren Unterstützung sie in jedem Moment zählen konnten. Das mindert ihre persönlichen Verdienste in keiner Weise, aber den Schwarzen Menschen, die heute zu zufälligen Opfern weißer Polizeigewalt werden, fehlt in aller Regel ein solcher Rückhalt.

Maria-Sibylla Lotter: „Opfer. Über Verwund­barkeit als Selbstbild“. Hanser, München 2026, 288 S., 25 Euro

Deutlich besser geeignet, auch skeptische Le­se­r:in­nen zu überzeugen, sind Lotters Überlegungen zu den immer öfter erhobenen Vorwürfen von Hate Speech und zu den zunehmenden sprachlichen Regelungen, die vulnerable Gruppen schützen sollen. Diese haben den fatalen Nebeneffekt, dass sie die Furcht befördern, aufgrund einer unbeabsichtigten Verletzung von Opfergruppen an den Pranger gestellt zu werden. Das lässt Lotter zufolge die demokratische Debatte verarmen, die doch gerade dazu dienen sollte, eigene Sichtweisen zur Debatte zu stellen und sie gegebenenfalls zu revidieren.

Lotter geht von mündigen Individuen und einer idealtypischen demokratischen Öffentlichkeit aus. Für die jenseits formaler Strukturen existierenden hegemonialen Verhältnisse, in denen die Möglichkeiten, eigene Standpunkte zu Gehör zu bringen, ja durchaus unterschiedlich verteilt sind, interessiert sie sich kaum. Aber ihr Konzept lenkt den Blick auf die wichtige Fähigkeit der oder des Einzelnen, Einspruch einzulegen, Opposition und Widerständigkeit zu üben, statt sich in der Rolle eines passiven Opfers einzurichten.

Während Lotter sich um einen abständigen Blick auf aktuelle Opferdynamiken bemüht, schreibt die Journalistin und Podcasterin Alice Hasters, Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines deutschen Vaters, aus der Perspektive einer Betroffenen. Sieben Jahre nach ihrer Aufsehen erregenden Streitschrift „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“, hat sie soeben den Essay „Anti Opfer“ veröffentlicht, in dem sie einen zunehmend opferfeindlichen Diskurs beklagt.

Einen Opferstatus immer von den Gefühlen der Betroffenen her zu begründen, lehnt auch Hasters ab, geht dabei allerdings einen anderen Weg als Lotter

Als Anti-Opfer bezeichnet sie diejenigen Kräfte auf der politischen Rechten, die jede Rücksicht auf die Opfer gesellschaftlicher Ungerechtigkeit bekämpfen und sich in einer grotesken Verkehrung der realen Machtverhältnisse als die Opfer der Opfer definieren. Mit ihren diskursiven Interventionen besonders in den sozialen Medien versuchen sie, ein Recht des Stärkeren wiedereinzusetzen.

Hasters sieht eine neue Kälte und Härte am Werk, die sich an die Stelle der eigentlich gebotenen Empathie mit gesellschaftlichen Opfergruppen zu setzen droht.

Foto: Boris Rössler/dpa

Ihr Essay bekräftigt noch einmal den Anspruch der verschiedenen Opfergruppen auf Anerkennung und Beseitigung ihrer Zurücksetzung: Betroffene von Kolonialisierung ebenso wie die des Holocaust, Palästinenser:innen, Schwarze, Frauen, Arme, Traumatisierte. Ihre genauen Beobachtungen und scharfsinnigen Analysen reiht Hasters locker aneinander, fügt persönliche Impressionen und selbstreflexive Überlegungen ein.

Einen Opferstatus immer von den Gefühlen der Betroffenen her zu begründen, lehnt auch Hasters ab, geht dabei allerdings einen anderen gedanklichen Weg als Lotter. Anlässlich der Umbenennung der Berliner Mohrenstraße verwahrt sie sich gegen die Begründung, man wolle vermeiden, Schwarze Menschen zu verletzen. Darum gehe es nicht, so Hasters, sondern um den Kontext der ursprünglichen Benennung: die Versklavung Schwarzer Menschen und deren Verwendung als „Kammermohren“ durch den preußischen Adel. „Die eigentliche Frage ist also nicht, wie es Schwarzen Menschen damit geht, sondern wie es uns als Gesellschaft damit geht.“

Alice Hasters: „Anti Opfer. Warum wir Verletzlichkeit verachten“. Ullstein, Berlin 2026, 280 S., 22,99 Euro

Wenn Hasters die Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung nachzeichnet, liest sich das streckenweise wie eine Gegenerzählung zu Lotter. Ja, der gewaltlose Flügel der Bürgerrechtsbewegung erkämpfte durch das Ertragen von Polizeigewalt das offizielle Ende der Segregation. Aber obwohl die Aktivisten auf diese Weise Geschichte schrieben, blieben Schwarze Menschen weiterhin Bürger zweiter Klasse und vielfach bis in die Gegenwart hinein Opfer von Polizeigewalt. Schließlich vereinnahmte Donald Trump bei seiner zweiten Amtseinführung die berühmte Rede Martin Luther Kings „Ich habe einen Traum“ für einen Angriff auf die „Wokeness“, sodass sich für Hasters die Frage stellt, ob King und seine Mitstreiter ihre ­Opferposition wirklich haben überwinden können.

Dem wiedererwachten Härtediskurs der Rechten setzt Hasters am Ende ihres Essays die gemeinschaftsstiftende Wirkung von Schmerz und Trauer entgegen. Die erlittenen Wunden bedürfen der Aufmerksamkeit und Fürsorge, um zu heilen. Mit diesem Schluss wird jedoch die Debatte um das Opfersein ohne Not eingeführt. So wichtig Trauer auf individueller Ebene sein mag – für gesellschaftliche Veränderung braucht es anderes. Neben Schmerz und Trauer könnte für die Opfer systemischer Gewalt und Zurücksetzung etwas Drittes treten: Zorn beispielsweise, der sich zu widerständigem Handeln weiterentwickelt.

Das wäre vermutlich eine andere Widerständigkeit als das von Lotter gemeinte souveräne Handeln des mündigen Individuums. Aber Autonomie und Handlungsmacht lassen sich besonders gut in Gemeinschaft mit anderen Betroffenen entwickeln, alle bedeutenden gesellschaftlichen Bewegungen zeugen davon.

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