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Hantavirus in DeutschlandSchuld war die Rötelmaus

Seit dem aktuellen Ausbruch hat wohl je­de*r vom Hantavirus gehört. Volker S. kennt es aus eigener Erfahrung. Über eine Begegnung mit Mäusedreck.

Die Rötelmaus in ihrem natürlichen Element. Leider ist sie nur scheinbar eine Süßmaus Foto: Reiner Bernhardt/imago

Die Stimme des Hausarztes am Telefon klang alles andere als entspannt. „Ganz schlecht“ seien die Blutwerte und Volker S. müsse „jetzt sofort“ ins Krankenhaus, in die Notaufnahme. Dabei packte der gerade die Koffer für den Familienurlaub in Südfrankreich und fühlte sich gar nicht besonders krank.

Eine Erkältung und ein paar Tage Fieber, eigentlich schon am Abklingen. Aber als Volker S. in der Kreisklinik seiner süddeutschen Heimatstadt ankommt, haben die Nieren schon komplett versagt. Er wird auf eine Spezialstation der Universitätsklinik verlegt. Dort bestätigt sich auch die Diagnose: eine Infektion mit dem Hantavirus. Oder medizinisch korrekter: Hämorrhagisches Fieber mit Nierensyndrom.

Als Volker S. dies jetzt schildert, ist seine Erkrankung ziemlich genau ein Jahr her, und er hatte die dramatische Zeit im Krankenhaus schon beinahe verdrängt. Ganz unbekannt war ihm der Begriff Hantavirus damals nicht gewesen. Da war doch was mit der Ehefrau des Schauspielers Gene Hackman, und eine Reportage über infizierte Landarbeiter in Südamerika hatte Volker S. auch einmal gesehen. Aber Fälle hier in Deutschland? Noch nie davon gehört.

Der infizierte Nager wird selbst gar nicht krank, scheidet aber für den Rest seines kleinen Mäuse­lebens das Virus aus

Dabei gehört Deutschland zu den Ländern mit den meisten Fällen des Hantavirus in Europa. Wie überall verbreitet sich das Virus unter Nagetieren. Der infizierte Nager wird dabei gar nicht krank, scheidet aber für den Rest seines kleinen Mäuselebens das Virus aus. Über mit Mäusedreck kontaminierten Staub oder Mäusebisse kann sich auch der Mensch infizieren. Zum Beispiel beim Frühjahrsputz von Schuppen oder Scheunen, durch die Nagetiere gelaufen sind.

300 Fälle im Jahr

Im vergangenen Jahr, in dem es auch Volker S. erwischte, wurden in Deutschland laut Robert-Koch-Institut rund 300 Hantavirusfälle beim Menschen gemeldet, in den Jahren zuvor waren es schon mal über 2.000 – je nach Nahrungsangebot für die Wirtstiere. In Ost- und Norddeutschland verbreitet die Brandmaus sehr selten die Dobrava-Belgrad-Variante des Hantavirus. Vor allem in Süddeutschland tritt mit der Rötelmaus die wesentlich häufigere Puumala-Variante auf.

Die Namen muss man sich nicht merken, wichtig ist nur: Es sind andere Nager und eben auch andere Virusvarianten als im aktuellen Fall des Kreuzfahrtschiffs. Die in Deutschland verbreiteten Hantavarianten sind weit weniger gefährlich, und eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung wurde noch nicht beobachtet. Viele Infektionen verlaufen ohne Symptome. Die schwerwiegendste Komplikation ist eben jenes hämorrhagische Fieber mit Beteiligung der Nieren und sehr selten auch der Lungen. Todesfälle sind ganz selten.

Entsprechend waren die Ärz­t*in­nen bei Volker S. zwar begeistert über den „spannenden Fall“, den man eben doch nicht alle Tage sieht in Deutschland, aber nicht wirklich beunruhigt. Keine Vorerkrankung, fitter Mittfünfziger. „Das schafft Ihr Körper“, hieß es – auch als es Volker S. für einige Tage dann doch ganz schön schlecht ging.

Tatsächlich nahmen die Nieren ihren Dienst bald wieder auf, Volker S. erholte sich schnell. Heute muss er noch alle paar Monate zur Kontrolle der Nierenfunktion, aber es sieht so aus, als wäre seine Begegnung mit dem Hantavirus ohne körperliche Folgen geblieben.

Schuld war jedenfalls die Rötelmaus. „Eigentlich eine ganz Niedliche“, sagt Volker S. Mit so kleinen Öhrchen und recht kurzem Schwanz. Offenbar hatte es sich ein infiziertes Exemplar im Winter auf der Terrasse unter den abgedeckten Gartenmöbeln gemütlich gemacht – weshalb Volker S. dann im Frühjahr die Hinterlassenschaften wegfegte. „Das hat doch jeder schon mal gemacht, da muss ich echt Pech gehabt haben.“

Seitdem stehen um die Terrasse herum Mausefallen. Die ganze Familie schützt sich bei potenziellen Begegnungen mit Mäusedreck mit Maske und Handschuhen und folgt damit den gemeinsamen Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, des Bernhard-Nocht-Instituts und des Friedrich-Löffler-Instituts zur Infektionsvermeidung. Generell sollte das Eindringen von Mäusen in den häuslichen Bereich demnach bekämpft und Kot, Nester oder Kadaver nur mit entsprechenden Schutzmaßnahmen beseitigt werden.

Neulich hatte Volker S. eine Spitzmaus in der Falle und dachte: Zum Glück keine Rötelmaus. „Aber dann hab ich nachgelesen, dass die Spitzmaus ein wirklich tödliches Virus übertragen kann.“ Und zwar das sogenannte Bornavirus, das zu schweren Hirnhautentzündungen führen kann – davon gab es bisher aber wirklich nur ganz wenige Fälle der Übertragung auf den Menschen, vor allem in Bayern.

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Laut Robert-Koch-Institut ist es wesentlich wahrscheinlicher, vom Blitz getroffen zu werden, als sich bei einer Spitzmaus mit dem Bornavirus anzustecken. Vorsichtsmaßnahmen können vor allem in Bayern trotzdem nicht schaden, das Robert-Koch-Institut empfiehlt die gleichen wie beim Hantavirus. „Wenn man einmal anfängt, sich mit Mäusen und Viren zu beschäftigen …“, sagt Volker S..

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