: In einem ruhigen Schwarzwaldtal
Johann Reißer nimmt in „Pulver“ auf mitreißende Weise die Anfänge der deutschen Rüstungsindustrie in den Blick
Von Julia Hubernagel
Gern hört man es immer noch nicht, doch es ist zumindest kein Geheimnis mehr, dass der Wohlstand in diesem Land zu großen Teilen in der NS-Wirtschaft wurzelt. Enteignungen jüdischer Firmen, der Einsatz von Zwangsarbeiter:innen und der Schwenk zur Rüstungsproduktion haben Unternehmer zu einflussreichen Großindustriellen aufsteigen lassen. Dass der deutsche Wirtschaftsaufschwung allerdings schon vor den Nationalsozialisten eng mit dem Töten von Menschen verzahnt war, das zeichnet der Schriftsteller Johann Reißer in „Pulver“ anschaulich nach.
Die Namen der großen Fabrikanten des 19. Jahrhunderts sind noch immer geläufig: Siemens, Krupp, Bosch sind heute Synonyme für eher harmloses Gerät wie Schnellzüge, Rolltreppen, Bohrmaschinen. Das Erbe ihres Zeitgenossen Max von Duttenhofer lässt sich hingegen kaum verniedlichen, hatte der Apothekersohn aus dem Schwarzwald doch eine kleine Pulvermühle zu einem riesigen Rüstungsunternehmen ausgebaut, das den Großteil der Gewehrmunition der deutschen Infanterie im Ersten Weltkrieg herstellen sollte. Dieser heute eher unbekannte Max von Duttenhofer entwickelte das rauchschwache Schießpulver, das die Kriegsführung revolutionierte – auch wenn Reißer nahelegt, dass es eigentlich die Franzosen erfunden haben. Überhaupt zeichnet Reißer Duttenhofer als gerissenen, skrupellosen Fabrikanten. Wobei: Hatte der nicht immerhin eine Betriebskrankenkasse für seine Arbeiter:innen eingerichtet?
„Pulver“ ist ein Roman über den Aufstieg der deutschen Rüstungsindustrie ebenso wie über Narrative. Man kann die Geschichte so erzählen, dass Duttenhofer wie auch Bismarck Krankenversicherungen einführten, nicht um den Sozialisten das Wasser abzugraben, sondern um die Lebenssituation der Arbeiter:innen zu verbessern, genauso wie man die Aufrüstung Ende des 19. Jahrhunderts als notwendig darstellen kann, denn „die Engländer und Franzosen schlafen auch nicht“.
Reißer spannt einen weiten Bogen, erzählt die Geschichte der Pulverfabrik chronologisch von 1858 bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, mit einem Exkurs ins Jahr 2020. „Der Krieg ist eine seltsame Sache“, sagt die Fabrikarbeiterin Rosa an einer Stelle. Während er anderswo Städte zerstöre, lasse er im Neckartal Bauten aus dem Boden schießen. Die Linearität ist dabei Stärke und Schwäche des Romans zugleich. Schwach ist er da, wo Figuren plötzlich auftauchen und schnell wieder in der sie überspülenden Erzählzeit verschwinden. Stark ist er dort, wo er Kontinuitäten aufzeigt, etwa wenn man erfährt, dass in jenem Tal im Schwarzwald heute Heckler & Koch Maschinengewehre und Rheinmetall Schiffskanonen produzieren; oder dass die Anfänge der deutschen Autoindustrie ebenfalls dort liegen. Wäre ohne den Rüstungsunternehmer Duttenhofer doch so schnell das Geld für die von ihm mitbegründete Daimler-Motoren-Gesellschaft nicht zusammengekommen – deren zu NS-Zeiten beinahe zur Hälfte aus Zwangsarbeiter:innen bestehende Belegschaft schließlich Panzer und Flugmotoren für die Wehrmacht fertigte.
Heute scheint es manchmal, als entstamme die materielle Grundlage, aus der heraus Karl Marx seine Analysen entwickelte, einer fernen Welt aus rauchenden Schloten, bevölkert von Märchengestalten wie Oliver Twist oder Jack the Ripper. Doch der Grundstein für all die Schrecken des 20. Jahrhunderts wurde in ebendiesen Marx’schen Zeiten gelegt. Ohne die Aufrüstungsspirale der 1880er Jahre wären die Weltkriege womöglich nie begonnen worden: Was produziert wird, will auch eingesetzt werden. Ganz so lang her ist das alles nicht.
Zu den stärksten Passagen in „Pulver“ zählen die Abschnitte während des Ersten Weltkriegs, die sich dem Joch der Fabrikarbeit widmen. In ihrer Gegenüberstellung wirkten die Szenen plakativ, wären sie nicht wahr. Während die Alten und Daheimgebliebenen große vaterländische Reden schwingen, fressen im Schützengraben die Soldaten Sägemehl und die Ratten ihre toten Kameraden. Im Neckartal produzieren die Frauen Schießpulver, das dafür sorgt, dass ebenjener Krieg andauert, der ihre Männer umbringt. Die Arbeiterin Rosa findet nach dem Krieg zwar Arbeit in einer Uhrenfabrik. Doch dass die Montagen von Zeigern und Zündern sich im Grunde nicht sehr voneinander unterscheiden, wird schon der nächste Weltkrieg offenbaren.
Johann Reißer: „Pulver“. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2026. 480 Seiten, 26 Euro
Und so weist die Geschichte über das Pulvertal auch auf heutige Debatten über Kriegstüchtigkeit und Technikskeptizismus hin. Reißer setzt die Marker gekonnt, immer wieder dampft die Eisenbahn, nicht erst seit Thoreau Symbol für den unaufhaltsamen Fortschritt, durchs Bild, und wenn der Führer plötzlich durchs Radio ins Wohnzimmer plärrt, denkt man nicht von ungefähr an Günther Anders, laut dem die „verbiederte“ Welt mittels Radio und TV in die eigenen vier Wände eintritt und eigentlich ungeheure Vorgänge als folgerichtig oder unabänderlich darstellt.
„Um sich bewusst zu werden, in welcher Welt wir heute leben“, sagt der Enkelsohn von Rosa, der Fabrikarbeiterin, gegen Ende des Romans, müsse man sich klarmachen, dass alle unsere Handys, Computer und Haushaltsgeräte, aber auch alle unsere Fahrzeuge und Gebäude und die ganze Infrastruktur potenzielles Militärgerät seien. „Zugleich Waffe und Angriffsziel.“ Es sind die gleichen Fragen, die Reißer seine Figuren schon knapp hundert Jahre zuvor stellen lässt: ob es das Schicksal unserer Zeit sei, dass alles zur Maschine werde.
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