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Zivilschutzpläne der BundesregierungDobrindt versucht es ohne Bratwurst

Tanja Tricarico

Kommentar von

Tanja Tricarico

Die Bedrohungslage ist im Gegensatz zu den östlichen Nachbarn viel geringer. Dennoch gehen die Pläne des Innenministers in die richtige Richtung.

Bundesinnenminister Dobrindt streichelt den Diensthund des Technischen Hilfswerks in Bonn Foto: Oliver Berg/dpa

J etzt bloß keine Panik verbreiten! CSU-Bundesinnenminister Alexander Dobrindt will mächtig in den Zivilschutz in Deutschland investieren. Rund 10 Milliarden Euro sollen es bis 2029 werden. In Zeiten, die von kriegsbedingten Preiserhöhungen und Inflation getrieben sind und in denen um Einschnitte bei der Pflege oder der medizinischen Versorgung gerungen wird, sind Zusagen in dieser Höhe erstaunlich. Bunker und Feldbetten soll es geben, renovierte Gebäude fürs Technische Hilfswerk und Spezialfahrzeuge. Klingt nach Kriegsrhetorik und Aufrüstung und als ob ein Angriff – woher auch immer – unmittelbar bevorsteht.

Und das soll es vermutlich auch. Anders werden sich solche Investitionen in Zeit knapper Kassen wohl nicht rechtfertigen lassen. Dabei kommt es jetzt mehr denn je auf eine wohlüberlegte Kommunikation Dobrindts und seines Hauses an. Der Schutz der Bevölkerung fand bisher nicht wirklich große Beachtung in der deutschen Öffentlichkeit – und spielte im Etat des zuständigen Ministeriums keine besonders herausragende Rolle. PR-Kampagnen wie der „Tag des Bevölkerungsschutzes“ gerieten eher zum Volksfest mit Spiel und Spaß und Bratwurst. Der Warntag, der einmal im Jahr die Menschen hierzulande auf ihre Krisentauglichkeit testen soll, wurde viel belächelt und wahrlich nicht mit Aufmerksamkeit bedacht. Prävention hatte keine besondere Priorität.

Nun soll offenbar alles anders werden. Die Länder fordern seit Jahren mehr Geld für den Katastrophenschutz, für den sie zuständig sind. Vergeblich wurde darauf gewartet, in der Folge zwar ein „Sirenenförderprogramm“ aufgelegt, um die Bevölkerung im Ernstfall zu warnen. Mehr aber auch nicht. Ganz zu schweigen von den Beschwerden seitens des THW oder des Roten Kreuzes. Wer will schon ehrenamtlich beim Katastrophenschutz mitmachen, wenn es nicht mal ordentliche Umkleidekabinen für die Hel­fe­r:in­nen gibt? Das müssen schon Über­zeu­gungs­tä­te­r:in­nen sein.

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Meldungen über Drohnensichtungen oder zu hybriden Angriffen auf die kritische Infrastruktur haben auch in Deutschland in diesem Sinne während der vergangenen Monate zugenommen. Die Bedrohungslage ist aber im Gegensatz zu anderen EU- und Nato-Staaten etwa im Osten Europas eine völlig andere. Und dennoch auch hierzulande ernst zu nehmen. Wenn von resilienten, also widerstandsfähigen Gesellschaften die Rede ist, landet man früher oder später bei guter Vorbereitung und Prävention. Das gilt für Warnungen vor militärischen Angriffen wie vor Überschwemmungen oder Waldbränden. So gesehen tut ein bisschen mehr Krisenbewusstsein auch den Menschen hierzulande gut.

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Tanja Tricarico
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Schreibt über Außen- und Sicherheitspolitik, Entwicklungszusammenarbeit, früher auch Digitalisierung. Host der Fernverbindung, dem Auslands-Podcast der taz. Privat im Einsatz für www.geschichte-hat-zukunft.org
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7 Kommentare

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  • Zur Verzahnung von militärischer und ziviler Infrastruktur gehören auch Transportmittel:



    2023 bei handelsblatt.com



    "Bundesmittel für Lazarettzug-Erprobung bei der Bundeswehr



    Insgesamt 115 Millionen Euro sind für einen Lazarettzug vorgesehen. Experten hatten durch den Ukraine-Krieg empfohlen, das Projekt voranzubringen."



    Weiter dort:



    "Ein solcher Zug könne in der aktuellen sicherheitspolitischen Lage einen wichtigen Beitrag leisten. Lazarettzüge gelten als Voraussetzung dafür, auch eine große Anzahl Verwundeter auf dem Landweg zurück zur Behandlung nach Deutschland zu bringen."



    Offensichtlich wird weit vorausgedacht, das ist vielen gar nicht klar.



    "Sollte es zu einem Bündnis- oder Verteidigungsfall kommen, wären die Auswirkungen auf das Gesundheitswesen erheblich. Szenarien der Bundeswehr gehen bekanntermaßen davon aus, dass täglich bis zu 1000 verwundete Soldatinnen und Soldaten in Deutschland versorgt werden müssten. Viele von ihnen benötigten hochspezialisierte medizinische Leistungen. Diese Situation trifft auf ohnehin schon hoch beanspruchte stationäre und ambulante Strukturen, die dann noch stärker unter Druck geraten würden. Die Belastung für..."



    background.tagesspiegel.de

    • @Martin Rees:

      Sie glauben doch nicht ernsthaft, das dann noch Platz für die Bevölkerung in den Krankenhäusern ist. In Spezialkliniken (Gynäkologie oder Augenheilkunde eventuell) Alle größeren Kliniken, und auch alle Unikliniken, werden dann zu militärischen Lazaretten. Ohne Zugang für Zivilisten. Denn diese haben dann keine Priorität mehr. Die unvermeidliche Blinddarm-Op muß dann ambulant oder in einer der wenigen kleinen Kliniken erfolgen.



      Und mit welchem Personal? Sowohl Ärzte als auch Pflegekräfte, von denen es eh schon zu wenige gibt, sind dann an der Front oder kurz dahinter und in den Bundeswehrkliniken eingeplant. Denn die Soldaten müssen schnell genesen und in Reha. Auch von diesen werden viele anschließend wieder in der Truppe benötigt. Das wird noch ein böses erwachen für viele geben.

  • Es zählt eben zu den Widersprüchen der deutschen Politik, dass wie wild gerüstet wird und einige Politiker reden, als ständen russische Truppen kurz vor der Oder, aber andererseits kaum etwas für den Schutz der Bevölkerung getan wird. Wir sind Lichtjahre davon entfernt, Schutzräume für 80 Millionen Menschen zu haben und unsere Luftabwehr treibt sich in der Welt herum.

    Na ja. Für die politischen Entscheidungsträger reichen die Schutzräume wohl...

  • Die Ampelregierung hat den Katastrophenschutz



    priorisiert und das System völlig neu strukturiert.



    Außerdem wurde, im Gegensatz zum vorhergehenden Bundesinnenminister,



    der mit seinem Warnprojekt krachend scheiterte, von Bundesinnenministerin Faeser eine Warnfunktion über die Handynetze eingerichtet, die nun zuverlässig funktioniert.



    Solange ein Wehrdienst weiterhin freiwillig ist, bleibt das auch für den Zivildienst der Fall.



    Die Tatsache, dass die vielen ehrenamtlichen Organisationen, die für die Sicherheit der Gesellschaft sorgen, auch mal gefeiert werden, finde ich durchaus angemessen.



    Der Werbeeffekt über Anschauen und Mitmachen an einem "Warntag", ist niedrigschwellig .



    Wie wir in den Krisensituationen der letzten Jahren erfahren haben, lebt eine Gesellschaft vom Mitmachen.



    So hat es auch mit den Geflüchteten funktioniert.



    Im Gegensatz zu vorhergehenden gesamtgesellschaftlichen Anstrengungen gibt Dobrint lieber mehr Geld für mehr Grenzkontrollen aus. Ich finde es bedauerlich, dass ein Mann, der wie die "afd" suggeriert, die Flüchtlinge seien das Problem und nicht etwa die Probleme in Ihren Herkunftsländern, hier gelobt wird. Rechtsaußen ist abzulehnen.

  • Im Hintergrund sind die Planungen schon ziemlich weit fortgeschritten.



    "Atomwaffen sind zwar Teil vieler Militärstrategien, doch das Wort »Atomkrieg« wird in fast allen Zivilschutzpapieren vermieden. Stattdessen ist von »größeren radioaktiven Zwischenfällen« oder »CBRN-Lagen« die Rede. Die frühere Bezeichnung »ABC-Schutz« (atomare, biologische und chemische Gefahren) wurde vor einigen Jahren durch die internationale Bezeichnung »CBRN-Schutz« (chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren) ersetzt (BBK 2025b).



    Ebenso hilflos wie harmlos klingen die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission (SSK) für die Bevölkerung nach einem Atomwaffeneinsatz: Die Menschen sollen sich 24-48 Stunden in geschlossenen Räumen aufhalten und beim Verlassen FFP2 oder FFP3 Masken tragen (SSK 2023). Nach der Explosion einer Atombombe kann, ganz zu..."



    Quelle



    www.ippnw.de/fried...r-den-krieg-1.html



    Sich jetzt nicht ausreichend zu informieren und aktiv einzubringen wird möglicherweise dann dazu führen:



    "Wir Ärzte werden euch nicht helfen können"



    Ein Déjà-vu nach einigen Jahrzehnten vermeintlicher Ruhe in der Militarisierung des Gesundheitswesens.

  • "So gesehen tut ein bisschen mehr Krisenbewusstsein auch den Menschen hierzulande gut."

    Es muss von den verantwortlichen Stellen aber auch richtig kommuniziert werden, ansonsten schürrt es nur Ängste bei der Bevölkerung.

    Die Skandinavier sind in Sachen Zivilschutz ganz weit vorne, leider auch im Schüren von Unsicherheiten in der Bevölkerung.

    Die Kommunikation seitens der Offiziellen trägt wenig zur Aufklärung bei. Wenn ein Brigadegeneral hier in Norwegen bei jeder sich bietenden Gelegenheit von der größten Bedrohungslage seit dem Zweiten Weltkrieg spricht und der Staat Norwegen das Jahr 2026 offiziell zum Jahr der Gesamtverteidigung erklärt, dann fragt man sich unweigerlich, ob Informationen der Bevölkerung vorenthalten werden, oder ob die Verantwortlichen die Zeit des Kalten Krieges aus ihrem Gedächtnis verbannt haben.

    Nicht viel anders sieht es bei den paranoiden Schweden aus. Das Land der Schutzräume ergreift eine Maßnahme nach der anderen und kommuniziert das unter Vorbereitung.

    Als Einheimischer hört man dann irgendwann gar nicht mehr hin und besinnt sich darauf, das man ja auch im Land der Ferienhäuser beheimatet ist, in die man sich zur Not zurückziehen kann.

  • Wenn die Problematik jetzt von einem der Politdarsteller der CSU gekapert wird macht es das nicht unbedingt besser. Wenn wir noch nicht einmal eine einheitliche Alarmierung mit Sirene hinbekommen, keine notstromgestützte Funkalarmierung (Handy) und Festnetztelefonie etc. mehr hat und noch nicht mal moderne Funkkommunikation für Rettungskräfte, Polizei und Bundeswehr vorhalten können, haben wir echte Probleme. Da müssen die Impulse von den Fachkräften vor Ort aufgenommen werden und ohne Lobbyeinflüsse zu einem Gesamtkonzept verarbeitet werden.