piwik no script img

Rechter TalkshowhostTucker Carlson ist für Linke kein Verbündeter

Leon Holly

Kommentar von

Leon Holly

In einem Interview schlägt Tucker Carlson scheinbar linke Töne an, vor allem in Außen- und Wirtschaftspolitik. Fallt nicht darauf rein!

Tucker Carlson hat nach dem Irankrieg mit Trump gebrochen Foto: Mark Peterson/Redux/laif

L asst uns weniger über „race“ und Gender reden und mehr über die Nato und die Kapitalertragsteuer. Einen solchen Appell konnte man am Wochenende von dem rechten Talkshow-Host Tucker Carlson hören, den eine Reporterin der New York Times ausführlich interviewte. „Das ist der falsche außenpolitische Kurs. Dieses Wirtschaftssystem schadet jungen Menschen“, sagte Carlson – und darum solle es in der öffentlichen Debatte wirklich gehen. Carlson, so mutmaßen manche, könnte 2028 selbst das Präsidentenamt anstreben. Auch wenn er das noch pflichtschuldig leugnet.

Wir reden hier von jenem Tucker Carlson, der 2003 noch den Irakkrieg unterstützte und heute von seiner Läuterung spricht. Der auf seinem Kreuzzug gegen die Neokonservativen in Washington auch nicht davor zurückscheut, sich in Moskau von Wladimir Putin die Welt erklären zu lassen. Jener Carlson, der Trump noch im letzten Wahlkampf unterstützte, nach dem US-israelischen Angriff auf Iran aber öffentlich mit ihm brach.

Er weiß, was er tut, wenn er jetzt den kaum subtilen Aufruf zur Querfront in der New York Times unterbringt, wo neben dem liberalen Stammpublikum der Zeitung auch einige Linke zuhören. Auf Letztere kann ein solcher Aufruf durchaus ansprechend wirken. Besonders wenn sich die Demokraten in ihrer grenzenlosen Weisheit entscheiden sollten, im Präsidentschaftswahlkampf mit einer Kamala Harris 2.0 oder gar mit dem Original anzutreten (sie erwägt offenbar eine erneute Kandidatur).

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Carlson – oder ein anderer MAGA-Kandidat – könnte den Linken dann ein verlockendes Angebot machen: Lasst uns zusammen arbeiten für die Restaurierung der heimischen Wirtschaft und gegen die zerstörerischen Kriege. Schließen wir die Reihen gegen den elitären Blob in der Hauptstadt.

Instrumentalisierung der Palästinenser

In den vergangenen Monaten konnte man diese Quersympathien bereits mit Blick auf Israel/Palästina beobachten. So macht Carlson regelmäßig auf die israelischen Verbrechen in Gaza, im Libanon oder in Iran aufmerksam. Während die Trump-Regierung Völkermord und Vertreibung unterstützt, nutzt Carlson seine Plattform, um das zu skandalisieren. Das rechnen ihm einige in der palästinasolidarischen Ecke hoch an.

Doch Carlsons Israelkritik mieft. Zuhörer dürfen mit Recht bezweifeln, dass er jüngst sein Mitgefühl und seine Solidarität für arabische Zivilisten entdeckt hat. Sein Fokus liegt vielmehr vor allem auf den palästinensischen Christen und ihrem Leid – das zweifelsfrei real ist.

Carlson instrumentalisiert die Palästinenser, um seinen eigenen christlichen Nationalismus zu formen

Doch dieses Leid nutzt nun der Katholik Carlson, um seine eigenen christlichen Wertvorstellungen gegen eine vermeintlich jüdisch-israelische Moral in Stellung zu bringen. Die Einäscherung Gazas ist für ihn eine alttestamentarische Kollektivbestrafung – eine Praxis, die das Christentum mit dem Universalismus des Neuen Testaments überwunden habe.

Carlson instrumentalisiert so die Palästinenser, um seinen eigenen christlichen Nationalismus zu formen. Und der bietet selbstverständlich keinen Platz für neue Migranten, schon gar nicht aus „fremden Kulturkreisen“.

Kuschelinterview mit Neonazi

Da hilft es auch kaum, wenn Carlson jetzt der NYT sagt, es sei eine „Ablenkung“ gewesen, dass er den Neonazi und Holocaustleugner Nick Fuentes zum Kuschelinterview empfangen hat. Der betreibe zu viel Kulturkampf, meint Carlson, aber nicht ohne hinzuzufügen, dass „race“ durchaus ein wichtiges Konzept sei: „Es ist kein soziales Konstrukt. Es ist eine biologische Realität. Es gibt ethnische („racial“) Unterschiede, echte ethnische Unterschiede. Sie sind zwar viel geringer als Geschlechterunterschiede, aber dennoch real.“ Ah ja. Wie war das jetzt noch mal mit dem „christlichen Universalismus“?

Schließlich ist Carlson auch in Wirtschaftsfragen kein Verbündeter. Es ist ja schön, dass er nach eigener Aussage Sympathien für die Occupy-Wall-Street-Bewegung 2008 hatte. Doch sein rechter Populismus bleibt am Ende immer bei einer Kritik gewisser Eliten stehen, ohne sich ernsthaft mit der Ausbeutung von Arbeit zu befassen.

Statt Klassenanalyse präsentiert er ein neues nationales „Wir“, während er das Sozialprogramm von New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani erklärtermaßen „komplett“ ablehnt. Carlson bezeichnete Mamdani letztes Jahr noch als „im Ausland geborenen Dummkopf“.

So viel zur linken Anschlussfähigkeit von Tucker Carlson. Sollte er oder eine Version von ihm 2028 kandidieren, bleibt nur zu hoffen, dass die Demokraten es schaffen, ihn trotz alledem nicht noch gut aussehen lassen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Leon Holly
Schreibt über gesellschaftliche Konflikte und internationale Politik, mit besonderem Fokus auf die USA und die Levante. Von 2023 bis 2024 Volontär der taz Panter Stiftung. Davor Studium der Politikwissenschaft und Nordamerikastudien in Berlin und Paris.
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!