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MännerpolitikFragt Felix, dann klappt’s auch mit der Freundin

Ein Politikangebot nur für Jungs und Männer? Dafür wirbt Grünen-Chef Felix Banaszak im „Playboy“ und beim Bundesfrauenrat der Partei. Was hat er vor?

Erst spricht er mit dem „Playboy“, jetzt mit der „männertaz“: Felix Banaszak Foto: Bernd Elemnthaler/imago

Felix Banaszak mag die Farbe Rosa. Der Grünen-Vorsitzende trägt manchmal rosa T-Shirts und er hat sein Büro rosa streichen lassen. Das sollte eigentlich kein Thema mehr sein. Schon vor zwanzig Jahren lief Fußball-Torwart Tim Wiese in Rosa auf, und der stand wirklich nicht im Verdacht, kein richtiger Mann zu sein. Aber als sich eine Kommentatorin der Welt kürzlich mal wieder darüber ausließ, was für schreckliche Besserwisser die Grünen doch seien, gelang ihr das nicht, ohne im Text zwei Mal die Wandfarbe des Chefs zu thematisieren. Subtext: Mit dem stimmt was nicht.

Womit der erste Beweis für die These erbracht wäre, die Banaszak seit Wochen erzählt: Geschlechternormen engen nicht nur Frauen ein, sondern auch Männer. An Feminismus müssten also auch sie ein Interesse haben. Im besten Fall befreit er nämlich alle Geschlechter von alten Erwartungen – in Fragen der Ästhetik, aber auch in ganz anderen.

So in der Art lautet eine der Ansagen, mit denen der Grünen-Chef junge Männer erreichen will. In dieser Wählergruppe gab es zuletzt eine beunruhigende Entwicklung: Während Frauen unter 24 bei der Bundestagswahl mehrheitlich das Mitte-Links-Lager wählten, lag unter Männern gleichen Alters die AfD klar vorne. In anderen Ländern öffnet sich eine ähnliche Kluft.

Nicht nur Banaszak hat das ins Nachdenken gebracht, sondern auch einige andere Grüne. In Gesprächen erwähnen viele ein Video von Maximilian Krah. Der AfD-Politiker wendete sich in dem Clip vor der Europawahl 2024 an junge Männer, die keine Partnerin finden. Seine Empfehlung: „Echte Männer sind rechts!“

Grüne Männer und ihre Erkenntnis

Klang für Linksliberale erst mal lustig, hat grüne Männer inzwischen aber zu einer Erkenntnis geführt: Für die verunsicherten Jungen haben die Rechten offenbar ein emotionales Angebot, das funktioniert. Wer mithalten will, braucht ein Gegenangebot – das sich aber nicht so leicht formulieren lässt, wenn man als Progressiver nicht die Verhältnisse von vorgestern beschwören möchte.

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Wie können wir Männlichkeit in ihrer Vielfalt darstellen und unterschiedliche Perspektiven zeigen? 14 Antworten von Fo­to­gra­f:in­nen der taz finden Sie hier in der Bildergalerie zur männertaz.

Banaszak versucht es im Februar erstmals öffentlich mittels eines Interviews im Playboy. In dem Gespräch sendet der 36-Jährige eine Doppelbotschaft. Zum einen, dass Feminismus kein Nullsummenspiel ist, in dem Frauen Männern etwas wegnehmen. Gleichberechtigung könne das Leben eben für alle freier machen. Zum anderen mutet er den Playboy-Lesern aber auch etwas zu, erzählt von Femiziden und fordert Männer auf, sich mit ihren Privilegien auseinanderzusetzen.

„An manchen Stellen geht es nicht ohne Härte und Klarheit, an anderen braucht es Wohlwollen, Sanftmut und Offenheit“, sagt Banaszak der taz über seine Ansprache. „Wenn ich nur auf Konfrontation gehe und den Leuten sage, dass sie das Problem sind, dann machen sie zu.“

Eine Frage der Balance – in der er kurz darauf den Schwerpunkt verlagert. Der Grund sind die Gewaltvorwürfe von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen. Der Fall lässt Banaszak strenger werden. Nicht gegen den mutmaßlichen Täter und andere Sexisten, sondern gegen Männer und sich selbst.

Manche Männer schämen sich

Er schäme sich, schrieb er in einem Social-Media-Post: für solche Taten und die Zustände, die dazu führen. Als die Welt ihn wenig später in einem Interview fragt, ob sich alle Männer schämen sollten, sagt er in vielen Worten nicht Nein. Immerhin: Wer sich hinterfrage, werde „auch für selbstbestimmte Frauen attraktiver“.

Stimmt wohl. Aber ob man Maximilian Krah aussticht, wenn bei verunsicherten 18-Jährigen ankommt: Schämt euch, dann klappt’s auch mit der Freundin? Sein Post sei sicher zugespitzt gewesen, sagt Banaszak. Nachdem Ulmens mutmaßliche Taten öffentlich wurden, habe er eben gedacht: Die sind so extrem und absurd, dass man sie leicht von sich wegschiebt – als hätten sie nichts mit einem zu tun.

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„Diesem Impuls wollte ich nicht erliegen und reflektieren, welchen Anteil wir als Männer an einem System haben, das solche Taten ermöglicht oder sogar begünstigt.“ Eine Selbstkritik, wie sie nahe liegt, wenn man in einer feministischen Partie groß geworden ist – und wie sie in dieser Partei wohl auch einige erwarten.

An einem Samstag im April ist Banaszak zu Gast beim Bundesfrauenrat, einem offiziellen Gremium der Partei, um über seine Männerpolitik zu diskutieren. Im Prinzip mögen sie ihn hier, als modernen Mann mit ein paar feministischen Themen auf der Agenda. Aber seine Einladung, an diesem Abend Gedanken zusammenzutragen, stößt auf Skepsis – wenn nicht sogar Wut. Lass' schnell ein Foto machen, sagt eine Frau zu Beginn, solange du noch gute Laune hast.

Braucht es ein Forum für Männer?

Am Mikro vor der Bühne bildet sich eine Schlange, viele wollen mit Banaszak reden, etwas über seine Politik wissen, oder ihrem Ärger in einer diplomatisch formulierten Frage Ausdruck verleihen. Immer wieder geht es um die vermeintliche Inszenierung: Warum bringt er für ein Gespräch in so einer Runde zwei Pressevertreter mit? Wieso bist du hier, Felix, zum Sprechen oder zum Zuhören? Und warum musste es für das Interview eigentlich der Playboy sein?

Auf Banaszaks Frage nach grüner Politik für junge Männer reagiert der Frauenrat mit kollektivem Augenrollen und Gegenfragen: Warum fragst du Frauen, was Männer tun sollen? Müssen wir schon wieder die Carearbeit für euch machen? Warum klärt ihr das nicht unter euch? Dazu schwingt die Sorge mit, dass Geschlechterpolitik manchmal doch ein Nullsummenspiel ist: Weil Ressourcen für Frauen fehlen, falls die Partei sie jetzt in Männerpolitik steckt.

Ein paar vage Ansätze geben die Delegierten Banaszak nach zwei Stunden immerhin mit: Es brauche vielleicht mehr Plattformen für Jungen, um sich auszutauschen, in den Schulen, auf dem Land und in den Gremien der Partei. Ein Forum für Männer. Aber kein neues Männermanifest. Das alte tut es noch.

2010 veröffentlichten 21 Grünen-Politiker dieses Manifest. Als „männliche Feministen“ schrieben sie schon damals: „Männer, gebt Macht ab! Es lohnt sich.“ Mit-Initiator Sven Lehmann, heute Bundestagsabgeordneter, erinnert sich an geteilte Reaktionen in der Partei. Viele Frauen hätten sich gefreut, andere aber schon damals gesagt: Emanzipiert euch mal selber und beschäftigt uns nicht damit. Und die Männer? Der Großteil habe die Aktion ignoriert. Die Machos alter Schule hätten sie als „Gedöns“ abgetan.

Dieser Typus habe bei den Grünen heute kaum mehr etwas zu sagen, meint Lehmann. Das Bewusstsein habe sich gewandelt. Auch in der Gesellschaft hätte sich ein Teil der Männer in der Zwischenzeit emanzipiert und davon tatsächlich profitiert. „Andere hängen weiter an alten Rollenverteilungen und sind anfällig für den rechten Kulturkampf“.

„Im Kern könnten wir das Manifest wieder so schreiben“, sagt Lehmann daher. Eines würde er heute aber anders machen: „Sinngemäß stand da auch drin, dass Männer Schuld an allen Krisen der Welt seien. Aber wenn wir von Männern fordern, dauernd in Sack und Asche zu gehen, verschließt das Türen.“

Grüne wollen Wohlwollen für Männer

Also tatsächlich mehr Wohlwollen, aber das konsequent? Ähnlich klingt der EU-Abgeordnete Rasmus Andresen, der sich von der Partei insgesamt einen anderen Ton wünscht. „In den letzten Jahren haben wir es der extremen Rechten zu einfach gemacht mit Vorurteilen gegenüber uns Stimmung zu machen. Unsere richtigen feministischen Botschaften erreichen viele nicht“, sagt er.

Er wolle junge Männer dort abholen, wo es Schnittmengen gibt. Auf Social Media postet der 40-Jährige seit einigen Monaten bevorzugt Videos aus dem Fitnessstudio und dem Sankt-Pauli-Fanblock, verbindet das mit linksgrünen Inhalten: Weniger Investoren in Proficlubs, weniger Repressionen gegen Fans – und Glückwunsch an Union zur ersten Cheftrainerin der Bundesliga!

Den Fanaktivisten wird Banaszak wohl nicht geben. Beim Pumpen gibt es ihn auf Instagram auch nicht zu sehen: Der Parteichef ist Läufer. Was stattdessen bei ihm konkret kommt, nach seiner Reihe von Männer-Interviews?

Im Februar war er in Krefeld bei „Vaterwelten“ zu Gast. Ein Verein, der Geburtsvorbereitungskurse für Männer gibt, die ihren neuen Aufgaben gerecht werden wollen. Es gibt auch andere Stellen, die Jungen und Männer speziell zu deren Themen beraten, ohne sie gegen die der anderen Geschlechter auszuspielen.

Banaszak wirbt inzwischen dafür, dass sie genügend Fördergeld bekommen. Und nach Innen gerichtet hat ihn der Bundesfrauenrat überzeugt: Es brauche in der Partei „Räumen, in denen Männer über Geschlechterthemen sprechen“. Auch Frauen wünschten sich überwiegend, „dass wir uns mehr austauschen, kritisch und reflektiert.“

Vor 16 Jahren, nach dem ersten Männermanifest, gab es solche Überlegungen schon mal. Damals fanden sich nicht genügend Männer, die mitmachen wollten. Aber mal sehen: Die Zeiten haben sich vielleicht wirklich geändert.

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