Lara Rüter schreibt über „Affenliebe“: Die zwei Cousinen Rührung und Berührung
Eine Dichterin unter Affen: Lara Rüters poetische Annäherung an Primaten vor und hinter Käfigstäben, „Affenliebe“.
„Ich kann natürlich das damals affenmäßig Gefühlte heute nur mit Menschenworten nachzeichnen“, reflektiert der Menschenaffe Rotpeter in Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“ seine Menschwerdung. Die Leipziger Lyrikerin und Essayistin Lara Rüter hat fünf Jahre lang in einem Primatenforschungsinstitut gearbeitet und Verhaltensstudien mit Menschenaffen durchgeführt. Nun stellt sie das Zitat ihrer eigenen literarischen Annäherung an das Mehr-als-Menschliche im Affen voran.
„Affenliebe“ geht der Frage nach, was es bedeutet, Affe zu sein und Mensch: „Bist das du? Und das ich? Dich nicht berühren zu dürfen, heißt, du bist Affe, ich bin Mensch.“ Der hybride, poetisch erzählende Text entzieht sich jedweder Gattungszuordnung, ebenso, wie sich auch die Affennatur menschlichen Grenzschreibungen widersetze.
Rüters Schreiben sucht, versucht und untersucht – „Ich setze neu an und streife um die Leere herum“ – während es sich an Gedichtzitaten (Emily Dickinson, Gertrude Stein, Monika Rinck), Romanen (Elias Canettis „Die Blendung“), Wissenschaftsfragen des Primatologen Tetsurō Matsuzawa, verrufenen Sprachexperimenten mit dem Schimpansen Nim Chimpsky, philosophischen Überlegungen Roland Barthes’, persönlichen Listen, Songtexten von Divinyls und Milli Vanilli, Filmzitaten aus „Dirty Dancing“ und Kunstbetrachtungen von Otto Runges „Der Morgen“ oder Paula Modersohn-Beckers „Ruhende Mutter mit Kind“ entlanghangelt.
Lara Rüter: „Affenliebe“. Hanser Verlag, München 2026, 288 Seiten, 25 Euro
Dabei gelingt ihr der Spagat, ebenso persönlich wie verbindend zu sein, indem sie als „Dichterin, die auf Affen schaut“ die Beobachtungen im Affengehege mit ihrer eigenen Biografie zusammenbringt: „Vielmehr kommt mir Schreiben wie eine Antwort auf Reales vor, das es auch für andere erfahrbar macht.“ Vom Kuckucksvater über die im Sterben liegende Mutter bis hin zum Schwangerschaftsabbruch erzählt sich Rüter an ihren Affen entlang, ohne deren Andersartigkeit beziehungsweise: eigentliche Unerzählbarkeit auszuklammern. „Die Unmöglichkeit, ihre Geschichte zu erzählen, ist die Bedingung dafür, meine zu erzählen.“
Literarischer Raum ohne Urteile
Wie Rührung und Berührung seien auch Mensch und Affen Cousinen, keine Schwestern, mahnt die Lyrikerin: „Wir teilen denselben Ursprung, bedingen einander aber nicht.“
Es ist dieses Bemühen, „ihren Affen“, wie Rüter es formuliert (und dadurch die Individualität jedes Primaten nochmals untermauert) im Schreiben jenseits von Anthropomorphismen hautnah zu kommen, das „Affenliebe“ – als Cousine einer intertextuellen Referenzgemeinschaft – zu einem bahnbrechenden Lesevergnügen macht. Mittels sorgsamer Sätze, in denen sich die Dichterin Wort für Wort erobert, bringt Rüter einen literarischen „Raum ohne Urteile“ hervor, in dem divergierende Ansichten nebeneinander existieren – „mit einem verbindenden und, keinem aber […] ohne einander zu verschlingen.“
Rüter bezieht die Ungewissheit immer wieder in ihre Selbstbefragung ein und gewinnt dadurch nur an Kraft: Zur Ausräumung jedes Zweifels fehle ihr „deine Perspektive“, schreibt die Dichterin und spricht den Affen, deren Berührung sie ersehnt – obschon oder gerade weil die oberste Regel im Primatenforschungsinstitut ‚Berühre niemals einen Affen‘ laute – als lyrisches Du an: „Ohne diese Rückversicherung bestimme nur ich, wie wir zueinanderstehen.“
Die Dichterin pocht auf Akribie – in der Sprache wie in der Forschung: „Beide versuchen, Muster aus Erfahrungen herauszuschälen, Bereitschaft und Offenheit für Unbekanntes zu zeigen. Beide funktionieren am besten urteilsfrei, und beide hoffen immerzu, etwas zu finden, das noch nicht gefunden worden ist.“
Liebe der Wilden?
Rüters poetische Analysen bestechen, gerade weil und indem sie vor der Wirkmacht vorschneller Schlüsse, wie sie etwa Plinius der Ältere mit der titelgebenden „Affenliebe“ im achten Buch der Naturalis historia vornahm, zurückschrecken. Affenliebe, so die Autorin, hafte bis heute ein negatives Image an: Sie sei „Beleidigung für Eltern und alle intensiv Fühlenden, töricht und albern […] die Liebe der Wilden, Sinti und Roma, Juden“. Rüters „Affenliebe“ hingegen entlarvt den alten Trick, Liebe zu entmachten, indem man ihr Image kontrolliert: „[…] jene ungezähmt und tierisch, diese heilig und menschlich.“
Die Dichterin entwirrt die Sprache, die unser Dasein bedingt, mit ihren eigenen Worten und lotet den Raum zwischen Gut und Böse, Verlangen und Erfüllung, Mythos und Begegnung, Affen und Betrachtenden, Fantasie und Freundschaft, Käfigen und Wärtern, Forschung und Abhängigkeit aus. „Der Traum der Forscherin ist, den Affen festzuhalten“, schreibt Rüter, deren Text „Formula 977“ über ein diffiziles Mutter-Tochter-Verhältnis und tabuisierten Autismus für den diesjährigen „Wortmeldungen“-Literaturpreis für kritische Kurztexte der „Crespo Foundation“ nominiert ist, „der der Dichterin, ihn anzusprechen.“
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