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Wasserknappheit in Berlin-BrandenburgKlassenkampf ums Spreewasser

Industrie und Klimakrise machen das Lebenselexier zum immer knapperen Gut. Das Spreefestival in Cottbus will eine Wasserbewegung ins Leben rufen.

Kurios: Das Kraftwerk Jänschwalde sorgt für viel Wasser in der Spree. Nach der Braunkohle droht der Fluss auszutrocknen Foto: imago/Rainer Weisflog

In Baruth, einer kleinen Stadt im Landkreis Teltow-Fläming, darf Red Bull für die Produktion seiner Energydrinks jährlich über zwei Millionen Kubikmeter Grundwasser entnehmen. Das sind 92 Prozent der Wassermenge, die dem Ort insgesamt zur Verfügung stehen. In Baruth sorgt man sich deshalb nicht nur um die Trinkwasserversorgung, sondern auch um die eigenen Häuser, die im Ort wohl auch wegen des sinkenden Grundwasserspiegels absacken, wie der Spiegel zuletzt berichtete.

In Grünheide darf Tesla derweil jährlich bis zu 1,4 Millionen Kubikmeter Grundwasser verbrauchen. Die Tesla-Fabrik liegt teilweise im Wasserschutzgebiet, immer wieder kommt es auf dem Fabrikgelände zu Havarien. Die jetzt erlaubte Fördermenge ist Ergebnis eines neuen Wasservertrages, zu dem sich Tesla erst nach massiven Protesten bereiterklärt hat.

Gänzlich in den Schatten gestellt werden diese Beispiele aber durch den Wasserverbrauch des Braunkohleabbaus der Leag in der Lausitz. Alleine das Kraftwerk Jänschwalde entnimmt laut dem Brandenburger Wirtschaftsministerium etwa 45 Millionen Kubikmeter Grundwasser im Jahr – das sind fast 10 Prozent des gesamten Brandenburger Wasserverbrauchs. Und die zehn größten Brandenburger Industriestandorte verbrauchen 109 Millionen Kubikmeter Wasser – und damit in etwa so viel, wie alle Ein­woh­ne­r:in­nen Brandenburgs zusammen.

Spreefestival

Die Wasserkrisen sind in Brandenburg angekommen und bringen viele Fragen mit sich: Wer verschmutzt und zerstört die Wasserkreisläufe? Wie kann wertvolles Wasser geschützt werden? Wie können wir Wasser gerecht verteilen, wenn es doch eine knapper werdende Ressource ist? Das Spreefestival widmet sich diesen Fragen in Workshops, Kultur, Musik und Performance. Donnerstag bis Sonntag im Strombad Cottbus. Gäste können auf dem Gelände zelten oder als Tagesgäste kommen. flusscamps.org/spree-festival

Klassenkampf und Wassergerechtigkeit verbinden

Die Beispiele zeigen: Wasser wird im stetig trockener werdenden Berlin und Brandenburg zu einem umkämpften Gut. Bisher ist das Thema Wasserknappheit allerdings ein nerdiges Thema, das in kleinen Bürgerinitiativen, Umweltschutzverbänden und parlamentarischen Fachgremien behandelt wird. Mit dem Spreefestival, das noch bis Sonntag in Cottbus stattfindet, wollen Kli­ma­ak­ti­vis­t:in­nen das ändern.

Wir wollen eine Wassergerechtigkeitsbewegung entlang der Spree aufbauen – und dafür die Themen Klassenkampf und Wassergerechtigkeit verknüpfen

Rebekka Schwarzbach, Spreefestival

„Wir wollen eine Wassergerechtigkeitsbewegung entlang der Spree aufbauen – und dafür die Themen Klassenkampf und Wassergerechtigkeit verknüpfen“, sagt Pressesprecherin Rebekka Schwarzbach der taz. Drei Tage lang wollen die Ak­ti­vis­t:in­nen auf einem Zeltcamp über Wasser als Verteilungsfrage diskutieren. Das Ziel: nach dem Vorbild der Gruppe „Aufstände der Erde“ in Frankreich eine breite Wasserbewegung aufzubauen, die die verschiedenen lokalen Konflikte ums Wasser zusammenführt und zuspitzt.

Unter den Teilnehmenden sind so ziemlich alle Gruppen, die zum Thema aktiv sind: Neben traditionellen Umweltgruppen sind das etwa Tesla den Hahn abdrehen oder die Ak­ti­vis­t:in­nen der Unfreiwilligen Feuerwehr, die das Kohlekraftwerk Jänschwalde blockiert haben. Auch die neue Berliner Initiative SOS Spree ist vertreten, ein Zusammenschluss linker Gruppen, der am 13. Juni im Treptower Park einen ersten Aktionstag plant – unter anderem mit einer künstlerischen Prozessinszenierung, bei der die Rechte der Spree gegenüber der Leag eingeklagt werden sollen.

Ähnliche Flussfestivals sind für den Sommer an weiteren Orten geplant – im Juni etwa an der Weser und im August am Rhein zwischen Köln und Düsseldorf. Vorbild ist das Elbe-Saale-Camp, das 1993 aus dem Kampf gegen die Elbvertiefung entstanden war und seither jedes Jahr stattfindet.

Wasserknappheit nach Kohleausstieg

Der Fokus der Kli­ma­ak­ti­vis­t:in­nen auf das Thema Wasser ist kein Wunder: Denn Berlin und Brandenburg rollen in den kommenden Jahren auf eine ernstzunehmende Krise in der Trinkwasserversorgung zu. Nicht nur sinken in der Klimakrise wegen heißer Sommer und wenig Niederschlägen überall die Grundwasserstände. Auch die Spree – aus deren Uferfiltrat Berlin einen erheblichen Anteil seines Trinkwassers gewinnt – droht in den kommenden Jahren wesentlich weniger Wasser zu führen.

Grund dafür ist unter anderem der Braunkohleausstieg in der Lausitz. Um die Kohle fördern zu können, pumpt die Leag aktuell Unmengen an Grundwasser ab und leitet das Wasser in die Spree weiter. Ein künstlicher Zufluss, auf den die Berliner Trinkwasserversorgung mittlerweile angewiesen ist. Einer Studie des Umweltbundesamtes zufolge besteht die Spree in Sommermonaten zu 50 bis 75 Prozent aus diesem Wasser – was wegfällt, wenn die Pumpen einmal abgestellt werden.

Noch weiter verschärfen dürfte sich die Situation, wenn die Leag die Tagebaue wie vom Konzern geplant als Renaturierungsmaßnahme einfach mit Wasser befüllen darf, wie bereits im Raum Cottbus geschehen. Um­welt­schüt­ze­r:in­nen befürchten, dass so riesige Wassermenge verdunsten und damit dem Wasserkreislauf entzogen werden könnten. „Wenn das so weitergeht, stehen wir irgendwann vor der Entscheidung: Wollen wir die Berliner Trinkwasserversorgung oder den Spreewald erhalten?“, warnt Aktivistin Schwarzbach.

Pipeline von der Ostsee?

Im Berliner Senat kursieren viele Pläne, um solche Szenarien abzuwenden: künstliche Grundwasseranreicherung, Entsiegelung von Flächen, verstärkte Nutzung von Abwasser, das Konzept der Schwammstadt. Immer wieder im Gespräch sind jedoch auch abenteuerliche Lösungen, wie eine Pipeline, um Berlin mit Wasser aus der Elbe zu versorgen, die allerdings ebenfalls unter Wassermangel leidet – oder sogar Entsalzungsanlagen für Meerwasser aus der Ostsee, das ebenfalls über eine Pipeline nach Berlin geschafft werden müsste.

Dabei zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und der TU Berlin: Helfen würde schon, wenn die Industrie einfach angemessen für ihren Wasserverbrauch bezahlen würde. Müsste etwa das Gewerbe in Sachsen und Brandenburg nur denselben Preis für die Grundwasserentnahme wie in Berlin bezahlen, ließen sich bis zu 16 Prozent des Wasserverbrauchs einsparen. Derzeit zahlen Unternehmen in Berlin 31 Cent pro Kubikmeter Grundwasser, in Brandenburg nur zwischen 10 und 11,5 Cent, in Sachsen gar nur 5,6 Cent. Das Abpumpen von Oberflächenwasser ist für die Industrie in Berlin dagegen kostenlos.

Genau hier wollen die Ak­ti­vis­t:in­nen ansetzen. „Wir wollen nicht, dass die Wasserkrise auf die Menschen abgewälzt wird – sondern dass der Verbrauch der Industrie eingeschränkt wird, die am unnachhaltigsten damit umgeht“, sagt Schwarzbach. Die Politik sei schnell damit, wie bereits in vergangenen Hitzesommern in Brandenburg geschehen, den Wasserverbrauch von privaten Haushalten zu rationieren. Doch der Wasserverbrauch der Konzerne sei für die Politik ein großer blinder Fleck.

Strategiewechsel der Klimabewegung

Für die Klimabewegung ist das Thema Wasser auch der Versuch eines Revivals. Die Bewegung habe an Fahrt verloren, erzählt Schwarzbach, das 1,5-Grad-Ziel sei verloren. In den vielen Krisen der Gegenwart sei es auch für viele Menschen schwer, ein derart abstraktes Ziel greifen zu können. „Aber jeder kennt Wasser. Die Menschen merken, dass sie im Sommer viel mehr gießen müssen, dass im Wald Bäume sterben und ihre Blätter hängen lassen, dass der Boden vertrocknet ist“, sagt Schwarzbach.

Ziel sei es deshalb, über das Thema Wasser mit allen Menschen in Kontakt zu kommen, die die Spree nutzen – egal ob zur Erholung, zum Sport oder zum Angeln. Gerade in Brandenburg eröffne das neue Möglichkeiten. Als An­ti­koh­le­ak­ti­vis­t:in sei man in Brandenburg inzwischen eine Zielscheibe von Nazis, insgesamt hätten Kli­ma­ak­ti­vis­t:in­nen keinen guten Ruf. „Aber wenn wir mit den Leuten über das Thema Wasser sprechen, dann hören sie plötzlich zu“, sagt Schwarzbach.

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1 Kommentar

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  • Man mag es ja im Berliner Jargon so aussprechen, es ist trotzdem nicht "Elexier".



    Ansonsten zeigt der Artikel sogar noch einen weiteren Grund, rasch aus der Braunkohle rauszugehen. Unser tägliches Wasser gib uns heute!