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Zum VatertagBriefe an den Vater

Nach dem Vorbild von Franz Kafka schreiben sechs Söhne an ihre Väter. Über Distanz, Abwesenheit, Geld und Herkunft. Sowie Schmerz und Dankbarkeit.

Danke für alles, das du je für mich getan hast. Danke für nichts Foto: Britta Warnecke/plainpicture

Brief I

yo, motherfucker!

danke für alles, das du je für mich getan hast.

also danke für das absondern des ejakulats, mit dem meine mutter mich erschuf, und ansonsten danke für nichts – eben für alles, das du je für mich getan hast.

mit wenig amor und viel psyche grüßt

der absonderliche tim

ps: dass deine vollständige abwesenheit dafür gesorgt hat, dass ich mich in hierarchien nicht gut einfügen kann, gefällt mir echt ganz gut. das bleibt mir von dir.danke also auch dafür.

männertaz

Männer bauen Autokratien auf, Männer bilden Manosphären, Männer üben Gewalt gegen Frauen aus. Aber: Männer leisten auch mehr Care-Arbeit als früher, Männer supporten Frauen, Männer gehen sogar in Therapie (manchmal). Alte Männlichkeitsbilder geraten ins Wanken, zugleich klammern sich manche Männer um so mehr ans Patriarchat und verklären die Vergangenheit. Ein Schwerpunkt über Manfluencer und Maskulinismus, Körperlichkeit und Vater-Sohn-Beziehungen, männliches Altern und diverse Männeridentitäten. Alle Texte der Ausgabe erscheinen unter taz.de/männertaz

Brief II

Von allen Dingen, die ich werden wollte, von allen Dingen, die ich sein wollte, eines wollte ich niemals werden, eines wollte ich niemals sein: der Sohn eines Vaters. Dein Sohn.

Als Du gegangen bist, war ich zwei Jahre alt. Du warst noch sehr jung, als ich geboren wurde, meine Mutter noch jünger, und nachdem Du endlich weg warst, lebten wir bei meinen Großeltern. Und dann kamst Du alle zwei Wochen an einem Sonntag um 14 Uhr, holtest mich ab und brachtest mich um 18 Uhr wieder nach Hause. Vier Stunden war ich mit einem fremden Mann zusammen, wir wussten beide nicht wirklich, was wir mit dem anderen anstellen sollten. Als ich zwölf Jahre alt war, vereinbarten wir, dass wir diese Treffen telefonisch verabreden würden, was zur Folge hatte, dass ich Dich noch weniger sah. Ich vermisste Dich nicht. Ich habe Dich nie vermisst.

Trotzdem hat mich Deine Abwesenheit geprägt – sie prägt mich noch heute. Und heute denke ich, dass ich vielleicht einfach nur das Gegenteil von Dir geworden bin, der Andere. Ich denke das in den wenigen Augenblicken, in denen wir uns sehen und sich unsere Leben überschneiden, und ich merke, dass sie nicht passen, in keiner Weise. Deine Geselligkeit, Deine Amüsiersucht, Dein Wesen.

Was ich Dir verdanke: Bis heute lehne ich jede männliche Autorität ab. Ich will sie nicht im Leben haben, Männer dürfen keine Macht über mich besitzen, ich lasse mir von Männern nichts sagen. Weil mir ein Mann niemals etwas zu sagen hatte, weil ich mich nie nach einem Mann richten musste.

Ich wollte niemals ein Sohn sein, von Anfang an nicht. Ein Sohn ist klein, zart und ängstlich. Ein Sohn steht in Abhängigkeit zu einer Person, im schlimmsten Fall zu zwei Personen. Ein Sohn wird nicht alt, er wird nie erwachsen. Ein Sohn muss gehorchen, er steht im Schatten. In meinem Leben gab es diesen Schatten nicht.

Ich spreche Dich mit Deinem Vornamen an. Ich kann Dich nicht als etwas benennen, was Du nicht bist. Man muss die Dinge beim Namen nennen, ein Tisch ist ein Tisch und ein Stuhl ist ein Stuhl, aber Du bist kein Vater. Und ich nicht Dein Sohn.

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Wie können wir Männlichkeit in ihrer Vielfalt darstellen und unterschiedliche Perspektiven zeigen? 14 Antworten von Fo­to­gra­f:in­nen der taz finden Sie hier in der Bildergalerie zur männertaz.

Brief III

Vater, Papa, Martin: Ich nenne dich nicht, nie, spreche nicht von dir, nie. Was du hättest sein können? Vage. Deine Existenz beschreibt sich durch ihre Abwesenheit. Dich zu dir zu sagen, zollt dir so viel Anerkennung, dass es mich fast ekelt. Als wärst du gewesen. Vaterrolle als Konjunktiv. Du bist ein Mann. Mehr bist du nicht.

Da wo die Mutter Mama war, immer, warst du nicht: überall, immer. Arbeitend, erziehend, anwesend, schreiend im Auto, schreiend gegen den Wind an der Nordsee: Schwimm nicht so weit raus! Komm zurück! Keine Hand frei: uns beide auf einem Arm. Drei Fahrräder auf dem Dachgepäckträger: Mutterrolle. Alles Arbeit. Alles für eine: Mama. Ein Nullsummenspiel. Du bist die Null.

Als wir als Kinder einen Vatertag einführen wollten, hattest du „Keine Zeit“. Keine Zeit, kein Vater, kein Unterhalt. Der größte Effort, den du dir uns bezüglich geleistet hast, war die Post von deinem Anwalt im Bafög-Stress, warum du den Betrag xy dazugeben sicherlich nicht in der Lage sein wirst.

Teller hast du an die Wand geschmissen, erzählt die Mutter. „Ich klatsch den gleich an die Wand“, hast du gesagt, als ich als Baby schrie – hast uns wohl doch mal besucht. Dann wir dich mit fünf. Dein Fahrrad riesig, deine Wohnung klein, mit Dartscheibe und Eis im TK: „Wow!“ Wie leicht es ist, Kinder mit nichts zu beeindrucken, während alles für bare Münze genommen wird: weil allgegenwärtig.

Als wir uns nochmal trafen war ich 28, du nervös. „Hab gehofft du magst Autos!“ Dem unsicheren Versuch bin ich nicht böse: Du warst nie Vater. Dich mir gewünscht hätte ich mir nur für die Mutter, dass mal einer sagt: „Lass! Ich mach schon.“ Als letztens zwei vom Tod ihres Vaters erzählten, schrieb ich dir angetrunken eine Nachricht: „Ob“. Als am Tag darauf nicht sofort Rückmeldung kam, schriebst du: „Habe jetzt den ganzen Tag auf einen Anruf gewartet. Auch ich habe ein gewisses Pensum zu erfüllen! Verkehre in der Regel mit Menschen die zu ihrem Wort stehen. Zu allen anderen bin ich nur freundlich. Martin“ Was für anrufen, „Martin“? Jeder Kraftausdruck für dich wär Energieverschwendung. Nur meine Mutter hat Kraft ausgedrückt: Du wurdest gegangen. Bevor ich diesen Brief hier schreibe, verschick ich erstmal den an meine Mutter.

Brief IV

Lieber Papa, wir haben nie über Geld gesprochen. Es war einfach da – nie viel, aber immer genug für das, was wichtig war: Schulbücher, Sprachreisen. Thank you und merci dafür. Woher es kam, habe ich mich erst viel später gefragt. Siemens – klar. Du bist ein Siemensianer, wenn auch kein aktiver mehr, doch ein stolzer. Was wie eine Dinosauriergattung klingt, war in meinen Augen lang die Bezeichnung für jene Menschen, die die Welt nach den Kriegen des 20. Jahrhunderts wieder aufgebaut haben – mit Kraftwerken, Turbinen, Energienetzen. In Indonesien, Japan, Lincoln und Finspång.

Und dann die Frage: Habt Ihr Erlanger Industriesoldaten damit auch einen Anteil am Zustand der Welt? Den Globus mitkonstruiert – und Ungleichheiten vertieft? Vielleicht stimmt beides.

Du warst die Begrenzungslinie meines Denkens, der Abgesandte einer Welt, in die ich selbst vordringen wollte. Dein Vater, geboren 1902, war das für Dich nicht – er war wohl kein liebevoller Mann. Du wolltest es anders machen und hast es um ein Vielfaches besser gemacht – und ich glaube, das hat mich mehr geformt, als ich lange zugegeben habe.

Auf dein Selbstwirksamkeitswissen bin ich manchmal neidisch – und weiß, was es gekostet hat. Du warst häufig angespannt, hast deine Frau mit dem Projekt „Familie“ allein gelassen. Aus heutiger Sicht wirkt das Alleinverdienermodell auf mich absurd – dabei verlieren alle.

Das ist der Graben zwischen uns: Ich bin skeptisch, Du bist voller Vertrauen. Ich bin fragmentiert, Du bist im entscheidenden Sinne ganz. Am meisten bewundere ich Deine Neugier, Deine Unnachgiebigkeit in Beziehungen, die Dir wichtig sind – und dass Du dabei wirklich bei Dir bist. Kein Gehabe, keine breitbeinige Männlichkeit. Du umarmst die Welt, manchmal so kindlich, dass es schwer auszuhalten ist. Und doch gehen wir auch dadurch gemeinsam. Danke, Papa.

Brief V

Babacım, es war morgens um halb fünf in Deutschland. Ich lag in meinem Bett, und aus dem Badezimmer erschallte dein immer gleicher Gesang aus der Dusche: „Kanaryam güzel kuşum, ben sana vurulmuşum, hüzünlü bakma öyle, benim şarkımı söyle.“ Übersetzt: „Mein Kanarienvogel, mein wunderschöner Vogel, ich bin ganz vernarrt in dich. Schau nicht so traurig. Sing mein Lied.“

Danach zogst Du Deinen feinen Anzug an, klatschtest Dir viel zu viel Dior Fahrenheit auf die Wangen und schlichst Dich ins Kinderzimmer, in dem wir drei Geschwister in unseren Etagenbetten schliefen, und gabst jedem einen dicken Schmatzer auf die Backe. Ich habe mir nie anmerken lassen, dass ich schon wach war.

Wiedersehen würde ich Dich meist erst spätabends. Du kamst rein, schlangst hastig dein Abendessen hinunter, und ehe ich mich versah, schliefst Du laut schnarchend im Anzug auf dem Sofa, TRT im Hintergrund auf voller Lautstärke.

Dass Deine Tage wirklich schon um halb fünf begannen, habe ich erst Jahrzehnte später begriffen. Du reagierst heute noch verwundert, wenn ich von meinem Job erzähle. Stolz bist Du trotzdem. Aber wie soll meine Realität auch in Deinen anatolischen Schädel reingehen? Du kamst Anfang der 70er als 18-jähriger Junge nach Deutschland, hast alles hinter Dir gelassen und Dich in der Fremde abgerackert – Bananen erst gegessen, wenn sie schwarz waren, die Wohnung mit Sperrmüll eingerichtet. Für später. Immer nur für später.

Und jetzt sitzen wir auf der Terrasse deiner Gastarbeiter-Villa an der ägäischen Küste, der Tisch voll mit Melonen, Simit, Menemen, Oliven, selbst gemachter Marmelade. Ich mampfe gemütlich vor mich hin, während Du längst fertig bist und still ins Leere blickst.

Ich bin nicht wütend auf Dich. Ich bin wütend auf Deutschland. Manchmal frage ich mich, ob das Gastarbeiterprogramm der BRD nicht eine Form von Kolonialismus war – dass sie Dich als armen Jungen aus Anatolien lockten, damit Du die Drecksarbeit machtest, und Dich wie einen Kanarienvogel in einen goldenen Käfig sperrten.

Du hast Dein Leben weggearbeitet, damit ich heute dieses Leben habe, das Du nicht verstehst. Ich danke Dir für alles, babacım. Rate mal, welches Lied ich jetzt morgens immer unter der Dusche singe? Levi Okur

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

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Brief VI

Lieber Papa, viele Jahre lang dachte ich, dass ein Vater und sein Sohn ihre Gefühle miteinander teilen können, ohne sie explizit auszusprechen. Es reicht, so glaubte ich, der Austausch über Fußball. Ich schickte dir Nachrichten am Wochenende, wir sprachen am Telefon – und schafften es doch nicht, die wichtigen Dinge zu sagen. Vielleicht sind unsere Fußballnachrichten ein Versuch, das Kindsein über die räumliche Entfernung kurz zurückzuholen. Dann bin ich wieder 10, wir sitzen kurz wieder zusammen auf dem Sofa, im Fernsehen läuft ein Pokalspiel. Das einzige Fußballspiel, bei dem ich geweint habe.

Aber da ist eben auch noch mehr – und das fehlt. Dir fehlt oft der Zugang zu Deinen Emotionen – da geht es Dir vielleicht wie den meisten Männern deiner Generation. Bei allem, was zwischen uns gesagt wird, ist in den vergangenen Jahren immer klarer geworden, was nicht gesagt wird. Und das tut weh. „Wie geht es dir wirklich?“, fragst du nie. Und wenn mir etwas gelingt, dann hast Du nie diesen einen Satz gesagt, den ich so gerne gehört hätte: „Ich bin stolz auf dich.“

Du hast mich in den Arm genommen und mir zugehört. Du hast nie den dummen Satz gesagt, dass Männer nicht weinen. Aber Deine eigene Trauer hast Du nie gezeigt. Nachdem einer Deiner besten Freunde sich das Leben genommen hat, schriebst Du, dass Du gerne an eure gemeinsamen Erinnerungen denkst. Geweint hast Du vor mir nie – obwohl ich ihn auch gut kannte.

Das wäre eine der wichtigsten Aufgaben eines Vaters: seinen Söhnen beibringen, wie man Gefühle zeigt – und sich dabei selbst verletzlich zeigen. Ich wünsche Dir, dass Du das noch lernst. Und dass wir es schaffen, die Bundesligaergebnisse mal auszublenden, um die wichtigen Fragen zu stellen. Wie geht es Dir? Also, wie geht es dir wirklich? In Liebe

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