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Ein Sound, der Richterskala und Vorstellungskraft sprengt

Zwischen Track und Song, Gitarren und Glitch. Das britische Trio Seefeel veröffentlicht nach ewigem Tauchgang das neue Album „Sol.Hz“. Wie zeitgemäß ist die Musik?

Ohne Fenster: Seefeel sind klandestine Pioniere zwischen Gitarre und Elektronik Foto: Jeff Pitcher

Von Thaddeus Hermann

Der Sound von Seefeel war von Beginn an ein dringlicher Stachel im Kosmos der britischen Indie-Musik. Damals, in den frühen 1990ern, blühte der Rave und regnete seinen elektronisch grundierten Sound über der Gitarrenmusik ab. Mark Clifford, Sarah Peacock und Daren Seymour – Seefeel – abstrahierten diese Melange schon, bevor sie zu sich selbst gefunden hatte. Und bauten Songs, in denen die ätherische Klangwelt britischer Indie-Labels wie 4AD mit der kompromisslosen Reduktion von Dub und den endlosen Möglichkeiten digitaler Studiotechnik clashten.

Very british, eigentlich. Aber auch sehr eigen. In der Welt der elektronischen Musik gelten Seefeel seitdem als subversive Pioniere. Die Art und Weise, wie das Trio die Schnittstelle zwischen Gitarrenpop und Elektronik, Song und Track interpretierte, passte in die aufblühende Backroom-Kultur der Clubs. Ein bisschen krude, sehr porös, angemessen unberechenbar. Aphex Twin remixte pro bono. Die Cocteau Twins, selbst Studio-Wizards, bestellen Edits und nahmen Seefeel als Support mit auf Tour. Und Warp Records stiftete einen Plattenvertrag. Seefeel waren die erste „echte“ Band auf dem Label. Und auch die ersten Musiker*innen, die Gitarren verwendeten. Skandal!

Die Musik von Seefeel war immer „Post-Everything“ – geplant oder zufällig. Ein radikaler Verschnitt von Strömungen und Einflüssen, der wie von selbst Sinn ergibt im Strudel der Gegenwart – aber zu krude ist, um eindeutig genug kategorisiert werden zu können und Platz im Kanon zu finden. Wer Seefeel hört, erforscht die Welt aus den Cockpits von Klangerzeugern, Lautsprechen und Schaltkreisen. Steuert durch schwere Echos, navigiert an langen Hallfahnen vorbei, die mehr Information bereithalten, als ChatGPT sich je aneignen kann.

Bei Seefeel wird jede Wall of Sound brüchig – durchlässig für neue, noch unwägbarere Texturen. Über allem schwebt der Geist der gespielten, weil nicht programmierten Maschine. Ein Akkord, gehauchte Gesangsfragmente, unterschwellig drückende Grooves, bestückt mit Artefakten aus dem Metallbausatz. Seefeel-Musik ist ein Beben, das in aller Stille Richterskala und Vorstellungskraft gleichermaßen sprengt.

15 Jahre nach dem letzten Seefeel-Lebenszeichen wirken und klingen die neuen Stücke auf „Sol.Hz“, als wäre in der Zwischenzeit rein gar nichts passiert. Ist es auch nicht, einerseits. Andererseits zeigt schon der Auftakt „Brazen Haze“, dass es die schottischen Electronica-Darlings Boards Of Canada, die demnächst ebenfalls ein neues Werk veröffentlichen, ohne die Vorarbeit von Seefeel so nie hätte geben können. Wie aus dem Nichts schiebt sich eine Wand aus in Moll gefärbter Verzerrung immer weiter nach vorne, flankiert von weitem Hall und diffusem Nebel in intensivem Rosa.

„Sol.Hz“ manifestiert eine Wirkmächtigkeit, die die Band von Anfang an hatte. Eine Wirkmächtigkeit, die sich vielleicht erst heute zur Gänze entfaltet und wertgeschätzt werden kann. 2026 klingen die Tracks auf „Sol.Hz“ richtungsweisender denn je, sind ursprünglich. Der Sound bildet einen Zirkel aus konstantem Flirren, Annäherungen an das Unbegreifliche. Mal bestimmt von verfremdeten Gitarren-Motiven, dann wieder von holprigen Beats, die sich ihren Weg durch schroff-klirrende Geräusche und präzise bearbeiteten Singsang bahnen.

Wer „Sol.Hz“ hört, findet sich in den experimentellen Klanggeweben der Jetztzeit sofort wieder. Anknüpfungspunkte gibt es mehr als genug. Aber Seefeel ist der Ursprung dieser ultimativen Konfrontation mit der aus den Fugen kippenden Welt. Clifford, Peacock und Seymour saßen schon in den 1990ern an einem Prototypen des musikgeschichtlichen 3D-Druckers und pressten ihre Forschungen auf Vinyl. Noch heute passt jede Millisekunde in die konstant splitternden Realitäten. „Sol.Hz“ ist ein Soundtrack der Gegenwart, auch wenn er schon vor 30 Jahren hätte erdacht werden können. Beharrlichkeit ist die neue Größe.

Seefeel: „Sol.Hz“ (Warp/Rough Trade)

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