100. Geburtstag von David Attenborough: Hoffentlich treibt er sich noch lange in der Welt herum!
Kaum ein Tierfilmer kommt seinen Objekten näher als David Attenborough. Seine Filme sind Straßenfeger – und nicht immer ganz so real, wie sie scheinen.
H eute, am 8. Mai, wird der englische Tierfilmer David Attenborough 100 Jahre alt. Seine Dokumentationen produzierte er im Auftrag der BBC. In keiner seiner Tiersendungen vergisst er auf die Gefährdung dieser oder jener Tierart durch die Ausbreitung der Menschenwelt hinzuweisen.
Sein Verständnis für die Ökologie verdankt er dem kanadischen Ojibwa Grey Owl, der eigentlich ein Engländer war, Archibald Belaney hieß und 1936 einen Vortrag in Leicester hielt, den David Attenborough zusammen mit seinem Bruder Richard, der Spielfilmregisseur war, besuchte.
Grey Owl war ein Pelzjäger gewesen und mit einer Mohawk verheiratet, die Anahareo hieß. Als er einmal ein Biberweibchen in einer Falle gefangen hatte, das dabei ertrunken war, rettete Anahareo ihre zwei Jungen und zog sie groß. Auf Drängen von ihr gab Belaney die Pelzjagd auf und fing an, Bücher zu schreiben – über Biber und seine Wandlung vom Biberjäger zum Biberschützer.
Seine ungewöhnlich selbstkritischen Bücher waren so erfolgreich, dass man ihn in England und in den USA zu Vorträgen einlud. Nach seinem Tod veröffentlichte auch Anahareo ein Buch: „Devil in Deerskins: My Life with Grey Owl“ (2014).
Sehr, sehr nahe
In Kanada hatten Pelzjäger den Biber in den zwanziger Jahren fast ausgerottet, sodass die Naturschutzbehörde das Ehepaar an einem See in Saskatchewan als „Biberschützer“ angestellt hatte. Im See gab es noch eine bewohnte Biberburg, zudem lebten die beiden dort mit ihren zwei Bibern. Richard Attenborough drehte 1999 einen Spielfilm über Grey Owl. David Attenborough hatte 1954 seine ersten naturwissenschaftlichen Sendungen produziert und bis heute unzählige Tierfilme gedreht, unter anderem auch einen über Biber. Daneben veröffentlichte er viele Bücher über die Tierwelt, zuletzt mit einem Koautor: „Ozeane: Die letzte Wildnis unserer Erde“ (2025).
Bei seinen Tierfilmen kommt er oft dem Tier, um das es jedes Mal geht, sehr nahe, auf Tuchfühlung quasi, und erzählt dann sehr ruhig Näheres über diese Art. Ich erinnere mich noch an eine Doku von ihm: Er geht einen tropischen Waldweg entlang, hockt sich nieder, drückt zielstrebig einige Blätter beiseite – und siehe da: Dort hockt ein kleines Tier, um das es in der Sendung dann geht. Ich glaube, es war eine Fledermaus.
Bei einigen anderen Attenborough-Dokus hatte ich den Eindruck, dass sie von anderen Tierfilmern gedreht wurden, von der BBC vielleicht aufgekauft, und Attenborough sich dann mittels Bluescreen in das Gefilmte sozusagen reingesetzt hat, um uns etwas zu erzählen.
Seine Tiergeschichten sind nahezu weltweit beliebt. So wie in Frankreich die Unterwasserfilme von Jacques-Yves Cousteau wahre „Straßenfeger“ waren, sollen auch in englischen Kneipen die Gespräche verstummen, wenn ein Attenborough-Film im Fernsehen läuft.
Die Frankfurter Rundschau fragte den für seine Produktionen geadelten Naturschützer 2011, ob seine Filme Fälschungen seien, nachdem er in einem Interview zugegeben hatte, die im Zoo gefilmte Geburt eines Eisbären in eine Sendung eingebaut zu haben, die diese Tiere in der Arktis zeigte – was einen kleinen „Attenborough-Skandal“ ausgelöst hatte.
Der des Betrugs Bezichtigte verteidigte jedoch nicht nur seine Täuschung, sondern gab gleich noch weitere zu. Die angloamerikanischen Tierfilmproduzenten sprangen ihm bei: Seine „Eisbären-Methode“ entspreche den „Redaktionsanforderungen“, sie sei „Standard“ bei der Produktion von „Natural-History-Programmen“.
Auf Facebook gibt es zu seinen Ehren zwei „David-Attenborough-Fan-Gruppen“, die laufend Tierbilder beziehungsweise -reels posten – nicht unbedingt aus seinen Filmen. Zwar musste der alte weiße Mann schon mehrmals in seinem Leben operiert werden, aber 2013, im Alter von 87, meinte er noch gegenüber dem Guardian: „Wenn ich mein Geld im Kohlenbergwerk verdienen würde, wäre ich in der Tat sehr froh, damit aufzuhören. Aber das tue ich nicht. Ich treibe mich in der Welt herum und sehe mir die fabelhaftesten und interessantesten Dinge an. Was für ein Glück.“ Möge es noch lange anhalten.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert