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Rechtsruck in GroßbritannienDer lange Schatten von Farage

Reform UK wächst zur ernsthaften Macht heran. Wenn Labour und andere progressive Kräfte weiter gegeneinander arbeiten, profitiert vor allem Parteichef Nigel Farage.

Nigel Farage dringt mit einfachen Botschaften aktuell durch Foto: Jordan Pettitt/dpa

B ei den Wahlen am Donnerstag profilierte sich der 62-jährige Brexit-Papst Nigel Farage mit seiner Partei Reform UK so stark wie noch nie. Seine Ambition, bald Premierminister zu werden, wird damit immer realistischer. Aus Sicht der EU würde Farage nahezu alle Bande mit dem Staatenbund zerreißen. Aber auch aus der Perspektive eines Großbritanniens, das bisher eher seine Pluralität und Offenheit feierte und selbst unter den Tories zu einem Sozialstaat mit nationalem Gesundheitssystem sowie der Einhaltung internationaler Abkommen und Konventionen stand, stellt dies eine große Gefahr dar, die einen neuen Fokus in der britischen Politik erfordert.

Die Hoffnung ist, dass von Reform UK dominierte Gemeinde- und Landräte ihre Aufgabe schlecht machen und das Wohlwollen für Farage und seine Partei, wie schon in der Vergangenheit, von selbst verschwindet. Dafür gibt es in einigen Verwaltungseinheiten, in denen Reform UK bei den Kommunalwahlen 2024 erfolgreich war, bereits Anzeichen. Doch das ist keine Garantie.

Sollte dies nicht gelingen, müssen andere Wege gefunden werden, Reform UK den Marsch in die Downing Street zu verwehren. Labour muss dringend die versprochenen deutlichen Veränderungen und Verbesserungen auf den Tisch legen. Die Partei muss dies mit ihrem Premierminister Starmer tun, denn die Suche nach einem neuen Chef würde zu einem Chaos führen, das nur Farage dienlich wäre.

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Der Erfolg anderer Parteien, unter anderem der Grünen, bereitet eine Ablösung des viel zu selbstverständlich gewordenen parteilichen Duopols von Labour und den Tories in England vor. Eine Entwicklung, die in Wales und Schottland mit dem Erstarken der nationalistischen Parteien schon längst stattgefunden hat. Andererseits können die beiden keltischen Landesteile kaum auf eigenen Füßen stehen, weswegen die Unabhängigkeit auch nicht im Mittelpunkt der Programme der Wahlsieger von Plaid Cymru und SNP stand. Gerade ein anhaltender Zuspruch für Farage in englischen Wahlbezirken könnte aber zur weiteren Spaltung des Vereinigten Königreichs führen.

Linke Parteien müssen sich untereinander einig werden, wer wo die beste Option gegen Reform UK darstellt. Das britische Mehrheitswahlsystem zwingt Wäh­le­r:in­nen dazu, nicht die eigenen Lieblinge zu wählen, sondern jene, die am ehesten der schlechtesten Option den Weg versperren. Ein Kampf verschiedener linker Parteien gegeneinander würde Reform UK nur beflügeln. Somit kann die britische Parteienvielfalt nur unter Berücksichtigung dieser Realität willkommen geheißen werden. Ab sofort heißt es: Verbündet euch gegen Farage!

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Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
Auslandskorrespondent Großbritannien
Der geborene jüdische Münchner und Sohn eines Holocaustüberlebenden schreibt seit 2012 aus London für die taz. Der SOAS-Absolvent der Politik Afrikas und der Zeitgeschichte des globalen Südens und zwei weiteren Magistern arbeitete auch für DW, das Friedensdorf 'Wahat-al-Salam-Neve-Shalom' und als Pilateslehrer. 2025 veröffentlichte er seine zweiteilige Bücherserie 'Soll sein Schulem.'
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