+++ Entwicklungen zum Hanta-Virus +++: WHO-Chef: „Kein zweites Corona“
Das Kreuzfahrtschiff „Hondius“ hat Teneriffa erreicht. Die Passagiere sollen unter Sicherheitsvorkehrungen von dort abreisen. Die Entwicklungen im Überblick.
Schiff hat Teneriffa erreicht
Das von einem Ausbruch des Hantavirus betroffene Kreuzfahrtschiff „Hondius“ ist in den Hafen von Granadilla im Süden der spanischen Urlaubsinsel Teneriffa eingefahren. Live-Aufnahmen des staatlichen Fernsehsenders RTVE zeigten die Ankunft des Schiffes am frühen Morgen.
Von Granadilla aus sollen die Menschen an Bord der „Hondius“, darunter mehrere Deutsche, unter strengen Sicherheitsvorkehrungen zu einem nahegelegenen Flughafen gebracht und sofort in ihre Heimatländer geflogen werden. (dpa)
Kreuzfahrtpassagiere fürchten Stigmatisierung
In den Tagen seit dem Ausbruch des Hantavirus auf einem Kreuzfahrtschiff im Atlantik hat sich unter einigen der spanischen Passagiere Besorgnis breitgemacht. Sie fürchten jedoch weniger eine Ansteckung, sondern vielmehr, wie sie nach ihrer Rückkehr an Land empfangen werden. Auslöser sind reißerische Medienberichte und hämische Memes, die Passagiere an Bord der „Hondius“ an den Pranger stellen.
„Wenn man in die sozialen Medien schaut – da wollen sie das Schiff in die Luft jagen“, sagt ein Passagier aus Spanien telefonisch der Nachrichtenagentur AP. „Sie wollen es versenken.“ Er sorge sich, als Virenträger stigmatisiert zu werden, den man besser meiden sollte – oder Schlimmeres. Wegen dieser Bedenken wollte der Mann lieber anonym bleiben, genau wie eine ebenfalls spanische Mitreisende.
„Man sieht, was draußen vor sich geht, und erkennt, dass man direkt ins Auge eines Hurrikans steuert“, erklärt sie. „Viele Menschen vergessen, dass sich hier drinnen mehr als 140 Passagiere befinden. In Wirklichkeit sind es 140 Menschen.“ (ap)
WHO-Chef versichert: „Kein neues Covid“
Spaniens Gesundheitsministerin Mónica García, Innenminister Fernando Grande-Marlaska und der Chef der Weltgesundheitsorganisation WHO waren eigens auf die Insel gekommen, um die komplizierte Aktion zu überwachen. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus versicherte, dass es sich beim Hantavirus nicht um einen mit dem Coronavirus vergleichbaren Erreger handele. In einer Botschaft direkt an die Bevölkerung von Teneriffa betonte er: „Das ist nicht ein neues Covid.“ Das Risiko für die Menschen auf der Insel sei gering – zumal auf dem Kreuzfahrtschiff kein neuer Verdachtsfall aufgetreten sei.
Zunächst hatte es geheißen, das Schiff werde aus Sicherheitsgründen vor dem Hafen vor Anker gehen. Die spanische Handelsmarine erteilte in der Nacht dann aber doch die Genehmigung zur Einfahrt in den Hafen. (dpa)
Wie hoch ist die Gefahr einer Ausbreitung in Europa?
Selbst wenn es zu einer Übertragung des Andesvirus durch Passagiere käme, die vom Schiff evakuiert wurden, sei das Virus nicht leicht weiter übertragbar, „sodass es unwahrscheinlich ist, dass es zu vielen Infektionsfällen oder einem großflächigen Ausbruch in der Bevölkerung käme“, berichtete auch die EU-Gesundheitsbehörde ECDC. Das Risiko für die Allgemeinbevölkerung in der EU durch eine Ausbreitung des Andesvirus infolge des Ausbruchs auf dem Kreuzfahrtschiff „ist sehr gering“.
Hinzu kommt: Das natürliche Reservoir der Andesviren, die Reisratte Oligoryzomys longicaudatus, sei in Europa nicht vorhanden. „Deshalb ist nicht davon auszugehen, dass das Virus in die Nagetierpopulation eingeschleppt wird und es in Europa zu einer Übertragung von Nagetieren auf Menschen kommt“, sagte ECDC-Experte Thomas Hofmann.
„Die Kombination aus Isolation, Kontaktverfolgung und medizinischer Überwachung dürfte das Geschehen vergleichsweise gut kontrollierbar machen“, sagte Mikrobiologe Roman Wölfel von der Universität der Bundeswehr in München. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums befindet sich an Bord des Schiffs eine mittlere einstellige Zahl von Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit. (dpa)
Alle Passagiere als Risikokontakte eingestuft
Nach einem tödlichen Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff werden alle Passagiere vorsorglich als Kontaktpersonen mit hohem Risiko eingestuft. Dies teilte das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) am Samstag mit. Das Schiff wird am Sonntag vor der spanischen Insel Teneriffa erwartet. Passagiere ohne Symptome sollen mit speziell organisierten Transporten in ihre Heimatländer zurückgebracht werden, wo sie sich in häusliche Quarantäne begeben müssen. Reguläre Linienflüge seien für die Heimreise nicht vorgesehen. (rtr)
Was ist das Besondere am Andesvirus?
Die verschiedenen Typen von Hantaviren in Deutschland werden meist durch Staub übertragen, der mit Ausscheidungen von Nagetieren kontaminiert ist. Ein großer Teil der Infektionen verläuft laut Robert Koch-Institut (RKI) symptomlos oder mit unspezifischen Symptomen. Die Viren können aber auch mit Blutungen einhergehendes Fieber und Nierenschäden auslösen. Bei dem am häufigsten auftretenden Virustyp in Deutschland sterben laut RKI deutlich unter 0,1 Prozent der Erkrankten, bei einer selteneren Variante seien es 0,3 bis 0,9 Prozent. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung gebe es bei diesen Virentypen nicht.
Die Zahl der bundesweit übermittelten Hantavirus-Erkrankungen variiert laut RKI von Jahr zu Jahr sehr stark. Die durchschnittliche jährliche Zahl der Neuerkrankungen lag demnach zwischen 2010 und 2019 bei 1,3 Fällen pro 100.000 Einwohner.
Auf dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ ist ein anderer Hantavirus-Typ aufgetreten: das südamerikanische Andesvirus. „Es ist das einzige Hantavirus, bei dem begrenzte Mensch-zu-Mensch-Übertragungen überzeugend beschrieben wurden“, sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. Dabei scheint enger und längerer Kontakt zu Erkrankten entscheidend zu sein, „insbesondere im häuslichen Umfeld, bei Paaren, Familienangehörigen oder bei pflegerischer beziehungsweise medizinischer Versorgung“.
„Das Hantavirus ist primär eine Umweltinfektion, und selbst in seltenen Fällen der Übertragung von Mensch zu Mensch verhält es sich nicht wie ein hoch ansteckendes Atemwegsvirus“, betonte Scott Weaver von der University of Texas Medical Branch (USA). Das Andesvirus gehört zu einer Gruppe von Hantaviren, deren Infektion etwa zu Übelkeit, Erbrechen, Husten, einer Lungenerkrankung und zum Tod führen kann. Nach RKI-Angaben gibt es weder einen zugelassenen Impfstoff noch eine spezifische Therapie gegen Hantaviren. Es können aber Symptome behandelt werden. (dpa)
Widerstand aus der Politik in Spanien
Wie schon während der Corona-Zeit schenken manche Menschen den Einschätzungen der medizinischen Experten keinen Glauben. Die spanische Gruppe „Iustitia Europa“, die durch ihren Widerstand gegen Beschränkungen während der Pandemie Bekanntheit erlangte, forderte, der „Hondius“ das Anlaufen spanischer Häfen zu untersagen. „Die Kanarischen Inseln dürfen nicht zu Europas Gesundheitslabor werden“, schrieb die Gruppe auf der Plattform X. „Wir fordern Transparenz, Verantwortung und Schutz für die Spanier, um eine Wiederholung der Fehler der Vergangenheit zu vermeiden.“
Andere gehen eher in die Defensive. Der Regionalpräsident der Kanarischen Inseln, Fernando Clavijo, sagte der spanischen Zeitung „El País“, er werde erst dann wieder ruhig schlafen können, wenn das Schiff Spanien verlassen habe und sich alle Passagiere auf dem Weg zu ihren jeweiligen Quarantäneorten befänden. Die Regionalpräsidentin von Madrid, Isabel Díaz Ayuso, widersprach der Entscheidung, die 14 spanischen Passagiere des Schiffes in ein Militärkrankenhaus in der spanischen Hauptstadt zu verlegen. Dort sollen sie nach Angaben der Behörden unter Quarantäne gestellt werden. (ap)
Wie die Rückreise der Passagiere ablaufen soll
Medizinisches Personal soll die Menschen an Bord zunächst auf akute Krankheitssymptome untersuchen, wie die spanischen Behörden mitteilten. Liegen keine vor, werden die Passagiere in Gruppen von maximal fünf Personen ausgeschifft. Nach Angaben Garcías müssen sie FFP2-Schutzmasken tragen und dürfen nur leichtes Handgepäck mitnehmen.
Per Bus geht es dann zum wenige Autominuten entfernten Flughafen. Dort sollen die streng abgeschotteten Menschen mit ihren jeweiligen Landsleuten ohne weitere Abfertigung sofort die für sie bereitgestellten Flugzeuge besteigen und in ihre Heimatländer zurückgebracht werden. Nach Angaben der Weltgesundheitsbehörde WHO sollen alle Flüge am Sonntag und Montag starten, da später eine Schlechtwetterfront aufzieht. Nach der Ankunft dürften alle Ausgeflogenen in Quarantäne müssen, da eine Entwarnung wegen der langen Inkubationszeit erst nach Wochen möglich ist.
Sobald die Menschen von Bord sind, soll die „Hondius“ ihre Fahrt sofort fortsetzen und Richtung Niederlande steuern, unter deren Flagge sie fährt. Erst dort soll der Leichnam einer an Bord gestorbenen Deutschen vom Schiff gebracht werden. Auch die Desinfektion des Schiffes wird in den Niederlanden vorgenommen. (dpa)
Virusausbruch löst international Besorgnis aus
Das Hantavirus wird in der Regel von Nagetieren übertragen, kann bei engem Kontakt aber auch von Mensch zu Mensch überspringen. Der Ausbruch der südamerikanischen Andes-Variante des Virus auf dem kleinen Kreuzfahrtschiff löste weltweit Besorgnis aus – auch und gerade wegen der Erinnerung an die Corona-Pandemie. Vor allem auf den Kanaren äußerten Menschen Angst wegen einer möglichen Infektion mit dem potenziell tödlichen Virus.
Doch der jetzige Fall ist anders gelagert als der Beginn der Corona-Pandemie vor mehr als sechs Jahren. Selbst wenn es zu einer Übertragung des Andesvirus durch evakuierte Schiffspassagiere käme, wäre das Virus laut der EU-Gesundheitsbehörde ECDC nicht leicht weiter übertragbar, „sodass es unwahrscheinlich ist, dass es zu vielen Infektionsfällen oder einem großflächigen Ausbruch in der Bevölkerung käme“. Das Risiko für die Allgemeinbevölkerung in der EU durch eine Ausbreitung des Andesvirus sei „sehr gering“.
Im Fall der „Hondius“ spricht die WHO von sechs bestätigten Hantavirus-Fällen und zwei Verdachtsfällen. Drei dieser acht Personen sind gestorben. Bei den Toten handelt es sich um ein älteres Ehepaar aus den Niederlanden und die Frau aus Deutschland. Da bei Zwischenstopps des Schiffes insgesamt mehr als 30 Passagiere und Besatzungsmitglieder ausgestiegen sind, wird nun weltweit nach potenziellen Verdachtsfällen gesucht. (dpa)
Spanisches Gesundheitssystem gab den Ausschlag
Die WHO hatte Spanien gebeten, die Menschen auf den Kanaren vor der Westküste Afrikas an Land gehen zu lassen, weil die Inselgruppe das erste potenzielle Ziel auf der Route des Schiffes mit einer erstklassigen Gesundheitsversorgung war. Kap Verde, wo die „Hondius“ zuletzt vor Anker gelegen hatte, wollte die Passagiere mit Verweis auf die unzureichenden Versorgungsmöglichkeiten dort nicht aufnehmen.
Die „Hondius“ hatte ihre Fahrt durch den Südatlantik am 1. April in Ushuaia im Süden Argentiniens begonnen. Zehn Tage später starb ein Niederländer, seine Frau verließ das Schiff bei einem Zwischenstopp auf St. Helena und flog am 24. April nach Südafrika, wo sie kurz darauf in einem Krankenhaus starb. Nach Angaben des Schiffsbetreibers Oceanwide starb die Deutsche dann am 3. Mai. Die WHO vermutet, dass die Infektionskette von dem verstorbenen niederländischen Ehepaar ausging, das sich vor der Einschiffung in Argentinien noch an Land angesteckt haben könnte. (dpa)
Argentinien: Ansteckung nicht in Feuerland
Wo sich die Menschen mit dem Virus infiziert haben, ist noch immer unklar. Nach Einschätzung der örtlichen Behörden in Argentinien liegt der Ursprung des Hantavirus-Ausbruchs auf dem Kreuzfahrtschiff nicht in der argentinischen Provinz Tierra del Fuego (Feuerland). „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Ansteckung hier erfolgte, liegt praktisch bei null“, sagte der Direktor für Epidemiologie im Gesundheitsministerium der Provinz im äußersten Süden des Landes, Juan Petrina.
Das niederländische Paar, das an der Infektion starb, war nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Tierra del Fuego nach einer monatelangen Reise durch ganz Argentinien, Chile und Uruguay am 29. März in der Provinzhauptstadt Ushuaia eingetroffen und hatte sich am 1. April auf der „Hondius“ eingeschifft. Bereits am 6. April hätten die beiden erste Symptome gezeigt, die Inkubationszeit des Hantavirus betrage allerdings mindestens zwei bis drei Wochen. „Diese Zeiten passen nicht zu einer Ansteckung in Tierra del Fuego“, sagte Petrina. (dpa)
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