Naturkatastrophen: Wenn „El Niño“ zur Bestie wird
Die Anzeichen verdichten sich, dass das Wetterphänomen El Niño dieses Jahr besonders heftig wird. Das macht Klimakatastrophen noch gefährlicher.
Da ist es wieder, das Christkind: Die Vorhersagemodelle prophezeien in diesem Jahr ein besonders starkes El Niño. Das Wetterphänomen tritt unregelmäßig, aber durchschnittlich alle vier Jahre auf und bringt die Meeresströmungen im Pazifik nahe dem Äquator durcheinander. Die Passatwinde wehen hier normalerweise von Ost nach West, was warmes Ozeanwasser von Südamerikas Küsten Richtung Indonesien und Australien treibt. Im El Niño-Jahr schwächeln die Passatwinde aber, dann erwärmt sich der Ozean vor den Küsten Chiles, Perus und Kolumbiens sehr stark – und sorgt weltweit für Wetterextreme.
Der Name dieser Wetteranomalie geht auf lange Beobachtungsreihen zurück: Nachweislich im 17. Jahrhundert registrierten Fischer in Peru erstmals, dass ihnen um die Weihnachtszeit plötzlich keine Beute mehr in die Netze ging, die Fischschwärme vor ihrer Küste waren verschwunden. Sie tauften dieses Ereignis „El Niño de Navidad“ – wie das neugeborene Christkind. Denn zu den fehlenden Fischen kamen einige andere Besonderheiten, die nicht nur die Fischer zum Beten veranlassten: heftigere Regenfälle beispielsweise, zerstörerische Stürme, längere, heißere Hitzewellen mit Ernteausfällen und Hunger.
Heute ist das Wetterphänomen natürlich gut erforscht: Im Normalzustand liegt der Temperaturunterschied zwischen östlichem und westlichem Pazifik bei etwa zehn Grad. Wenn die Passatwinde Wasser Richtung Osten blasen, strömt aus der Tiefe des Pazifiks vor den Küsten Südamerikas kaltes, nährstoffreiches Wasser nach, was zu üppigen Fischschwärmen führt. Im El Niño-Jahr fehlt dieser kalte Zustrom aus den Tiefen allerdings, weshalb in den oberen Wasserschichten das Plankton abstirbt, was zum Zusammenbruch ganzer Nahrungsketten führt – und eben auch den Menschen trifft.
Auch die Auswirkungen der Klimaerhitzung auf El Niño sind mittlerweile gut erforscht. In einer wärmer werdenden Welt nimmt die Heftigkeit der Begleiterscheinungen zu: Wetterextreme wie Hitzewellen oder Sturzfluten werden immer heftiger – und zwar existentiell für die Spezies Mensch.
Der Klimawandel stärkt El Niño
„Wenn diese Extremereignisse häufiger werden, hat die Gesellschaft möglicherweise nicht genug Zeit, sich zu erholen, wieder aufzubauen und anzupassen, bevor der nächste El Niño auftritt“, erklärte 2024 Pedro DiNezio von der Universität von Colorado. Der Ozeanforscher war damals einer der Autoren einer vielbeachteten Studie.
Für ihre Arbeit blickten die Wissenschaftler 21.000 Jahre zurück, also in eine Zeit, in der die letzte große Eiszeit Europa und Nordamerika mit einem gigantischen Gletscher bedeckte. Daten gewannen die Forschenden vom pazifischen Meeresgrund aus Überresten von sogenannten Foraminiferen – winzigen Einzellern, die eine Schale aus jenen Chemikalien bauten, die es damals im sie umgebenden Meerwasser gab.
So konnte das Team Wassertemperaturen rekonstruieren, und wie sich El Niño während dieser kalten Periode verhielt. Das ermöglichte ihm auch, die Genauigkeit seiner eigenen Klimamodelle zu testen. Und siehe da: Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen der CO₂-Konzentration in der Atmosphäre und der Intensität, Extremität und Häufigkeit von El Niño.
Steigt die Konzentration der Treibhausgase, werden die Auswirkungen von El Niño also weltweit heftiger. Beispielsweise werden dadurch die Niederschläge des indischen Monsuns intensiver, Regen in Ostafrika dagegen geringer, was dort Dürren zur Folge hat. El Niño beeinflusst die Strömungspumpe in der Antarktis, heizt die Arktis weiter auf, sorgte 2024 beispielsweise für Regenfluten in der Wüste auf der arabischen Halbinsel und führt auch in Europa zu langanhaltenden Dürren.
Seine letzte Hochphase hatte das Christkind zwischen November 2023 bis Januar 2024, nach Erhebung der Weltmeteorologie-Organisation das fünftstärkste bislang registrierte Ereignis seiner Art. Als bislang stärkstes El Niño gilt das aus dem Jahr 1997: Seine Extremwetter verursachten Schäden in Höhe von 33 Milliarden US-Dollar und kosteten mehr als 23.000 Menschenleben.
DWD: „Die Signale für einen El Niño sind sehr deutlich“
Im vergangenen Jahr ergab eine hochauflösende Computermodell-Simulation, dass durch die Klimaerhitzung das Wetterphänomen stärker ausschlagen wird. „Eine verstärkte Kopplung zwischen Atmosphäre und Ozean in einem sich erwärmenden Klima, kombiniert mit variablerem Wetter in den Tropen, führt zu einem Übergang in Amplitude und Regelmäßigkeit“, fasste Malte F. Stuecker, Hauptautor der Studie, die Ergebnisse zusammen.
Nun hat die US-Klimabehörde NOAA berechnet, dass sich in diesem Jahr ab voraussichtlich Juni bis August mit 62-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein neues Christkind vor Südamerika entwickeln und mindestens bis Jahresende anhalten wird.
Auch der Deutsche Wetterdienst rechnet mit solch einem Ereignis. „Die Signale für einen El Niño sind sehr deutlich, für einen sehr starken El-Niño ungewöhnlich hoch“, erklärt Thore Hansen von der Vorhersagezentrale in Offenbach. Und so könnte das Jahr 2026 einen neuen Temperaturrekord weltweit bringen: 2024 war mit 1,6 Grad mehr das bislang wärmste Jahr im Vergleich mit der vorindustriellen Zeit, El Niño war ein zusätzlicher Treiber des allgemeinen Trends.
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