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Weltkriegsgedenken in der UkraineWenig Festtagsstimmung in Odessa

Anders als Russland erinnert die Ukraine am 8. Mai ans Ende des Zweiten Weltkriegs. Doch Angriffe überschatten die Feierlichkeiten – trotz Feuerpause.

Am 8. Mai legen Menschen Blumen nieder, am Denkmal für den unbekannten Seemann in Odessa Foto: Nina Liashonok/Ukrinform/Avalon/imago

Aus Odessa

Marco Zschieck

27 russische Drohnen meldete die ukrainische Luftwaffe in der Nacht zu Sonntag. Am Tag davor waren es 43 und eine ballistische Rakete. In der östlichen Großstadt Charkiw wird eine Wohnung getroffen. In der südlichen Region Saporischschja stirbt ein 67-jähriger Mann. Zwei weitere Zivilisten werden verletzt. Eine 46-jährige Frau wird in Nikopol durch russischen Artilleriebeschuss getötet.

In der Ukraine nennt man solche Meldungen im fünften Jahr des russischen Angriffskriegs einen ruhigen Tag. In Russland nennt man das eine Waffenruhe. US-Präsident Donald Trump hatte die dreitägige Feuerpause am Samstag verkündet. Anlass ist der Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg.

Der Kreml stellt seinen Machtanspruch seit vielen Jahren am 9. Mai mit einer großen Militärparade zu Schau. Luftalarm wegen anfliegender ukrainischer Drohnen würde dabei wohl stören. Zum ersten Mal seit fast 20 Jahren fuhren keine Panzer oder anderes schweres militärisches Gerät auf. Russland hatte den Vorschlag Kyjiws ignoriert, schon ab dem 6. Mai die Waffen schweigen zu lassen.

In Odessa ist Nastya, die ihren Nachnamen lieber nicht nennen möchte, angesichts bisheriger Erfahrungen mit Versprechungen aus Moskau skeptisch. „Heute werden uns die Russen vielleicht mal in Ruhe lassen“, sagt die Psychologin. „Aber ich fürchte, wenn sie ihre kleine Parade gehabt haben, werden sie wieder versuchen, uns zu töten.“ Ihr setze die ständige Bedrohung natürlich zu. „Aber auch nach mehr als vier Jahren sind wir immer noch hier.“

Entlang der mehr als 1.000 Kilometer langen Front meldeten beide Kriegsparteien Verstöße

Kränze am Denkmal des unbekannten Matrosen

Der Krieg mit Russland überschattet auch in diesem Jahr das ukrainische Erinnern an den Zweiten Weltkrieg. Unter den Sowjetrepubliken hatte die Ukraine im Verhältnis zur Bevölkerungszahl nach Belarus die meisten Opfer zu beklagen. Die Front bewegte sich damals von West nach Ost und wieder zurück durch das ganze Land. Kaum ein Stein blieb auf dem anderen. Jede Familie hatte jemanden zu betrauern.

Anders als Russland gedenkt die Ukraine des Endes des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai. Am Freitagvormittag legten in Odessa Vertreter von Rathaus, Kirchen und Militär Kränze am Denkmal des unbekannten Matrosen nieder. Dort brennt am Fuße eines Obelisken am Hang über der Bucht eine ewige Flamme.

Die Zeremonie war nicht vorher öffentlich angekündigt, um sich nicht zur Zielscheibe für russische Luftangriffe zu machen. Bis zum frühen Nachmittag sind noch einige Sträuße dazugekommen. Alle paar Minuten kommt jemand und legt eine Blume ab oder macht ein Foto. Ähnliche Zeremonien fanden laut Medienberichten in den Regionalhauptstädten und in Kyjiw statt.

„Wir haben das früher auch gemacht“, erinnert sich Igor. Auch er steht lieber nur mit seinem Vornamen in der Zeitung. Die Gräber seiner Vorfahren befänden sich in der nördlichen Region Tschernihiw. Der Tag beschäftige ihn im Moment nicht. „Wir müssen mit dem klarkommen, was hier und jetzt passiert.“ Vor drei Wochen sei eine Angriffsdrohne vom Typ Shahed ein paar Häuser weiter in seiner Straße eingeschlagen.

Krieg in der Ukraine

Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.

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Wenig Feiertagsstimmung

Trotz des guten Wetters sind in Odessa nur wenige Menschen unterwegs. Allerdings hatte es eine Stunde zuvor auch Luftalarm gegeben. Drohnen seien im Anflug von der Krim über das Schwarze Meer. Am Langeron-Strand, nur wenige Gehminuten entfernt von Gedenkstätte und Altstadt, fuhr die Luftverteidigung mit einer mobilen Flak vor und schoss in Richtung Meer. Am Abend gab es erneut Alarm, weil eine ballistische Rakete im Anflug war.

Etwas Festtagsstimmung kommt am Samstag dann doch noch auf: Zum Europatag, der ebenfalls auf den 9. Mai fällt, wird die EU-Flagge gezeigt – als Symbol dafür, wohin sich die Ukraine entwickeln möchte. Im Stadtgarten im Zentrum von Odessa ist eine kleine Bühne aufgebaut und TänzerInnen treten zu Musik auf. Ein paar hundert Passanten sammeln sich im Umkreis und machen Videos mit ihren Smartphones. Nebenan wird Eis verkauft. In Kyjiw wurde die riesige Mutter-Heimat-Statue in Blau mit gelben Sternchen angestrahlt.

Immerhin: An vielen Orten hat die Waffenruhe für die Menschen eine Atempause bedeutet. Entlang der mehr als 1.000 Kilometer langen Front meldeten beide Kriegsparteien Verstöße. Sowohl die russischen als auch die ukrainischen Streitkräfte nutzen nach Angaben aus Kyjiw die aktuelle Feuerpause, um ihre Truppen in den vordersten Stellungen auszutauschen und zu versorgen, sagte Armee-Pressesprecher Viktor Trehubow im Fernsehen.

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