Ausbau der Stromtrasse Südwestlink: Streit um neue Strommasten als Alternative zu Erdkabeln
Wirtschaftsministerin Reiche (CDU) will, dass neue Starkstromleitungen statt unter der Erde überirdisch verlegt werden. Dagegen regt sich Widerstand.
Ein alter Konflikt kehrt zurück. Soll eine große Starkstromleitung mit hohen Masten gebaut werden, oder wäre es besser, dass die Kabel unterirdisch verlaufen? Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bevorzugt die Masten-Variante. Dagegen plädiert unter anderem die niedersächsische Landesregierung dafür, die Kabel unter die Erde zu verlegen.
Es geht um die neue Leitung Südwestlink, die ab Mitte der 2030er Jahre Windenergie als Gleichstrom transportieren soll. Der genaue Korridor steht zwar noch nicht fest. Die Trasse soll aber bei Sahms östlich von Hamburg beginnen und Niedersachsen von Nord nach Süd durchqueren, dabei Hannover und Göttingen passieren. Der weitere Verlauf führt durch Hessen bis zu zwei Endpunkten: Einer liegt in Baden-Württemberg südwestlich von Stuttgart, der andere im nördlichen Bayern bei Triefenstein zwischen Aschaffenburg und Würzburg.
Laut Bundesregierung ist die zusätzliche Stromtrasse nötig, damit mehr Windstrom von der Nordsee und aus Schleswig-Holstein in die Industriegebiete Süddeutschlands fließen kann. Um die Planung zu ermöglichen, will das Wirtschaftsministerium nun das sogenannte Bundesbedarfsplangesetz ändern und dabei den Vorrang für Erdkabel in bestimmten Fällen aufgeben.
Die Frage Masten oder Erdkabel wurde vor rund zehn Jahren bereits diskutiert und entschieden – zugunsten der unterirdischen Variante. Denn gegen ähnliche Leitungen wie die jetzt geplante Trasse gab es damals viele Proteste. Zum Beispiel im Süden Niedersachsens wehrten sich Bürgerinitiativen gegen die bis zu 70 Meter hohen Masten, an denen die zusätzlichen Starkstromkabel aufgehängt werden sollten.
Sind Masten wirklich billiger?
Ergebnis: Die Politik beschloss, vier neue, große Nord-Süd-Leitungen mehr oder weniger unter die Erde zu verlegen. Dadurch verebbte die Gegenwehr. Die vier damals umstrittenen Stränge sind nun im Bau, teils fertig – und von der aktuellen Gesetzesänderung nicht betroffen.
Die beabsichtigte Änderung beim Südwestlink begründet das Wirtschaftsministerium jetzt vor allem damit, dass die sogenannten Freileitungen an Masten deutlich billiger seien als die unterirdischen Kabelstränge. Im ersten Fall falle „etwa die Hälfte der Kosten“ weg, heißt es im Gesetzentwurf. Tim Meyerjürgens, Chef des Netzbetreibers Tennet Germany, bestätigt das: „Milliarden Euro lassen sich einsparen, was sich kostendämpfend auf die Netzentgelte auswirkt und dadurch die Stromkunden entlasten kann.“
Christian Meyer, grüner Minister für Umwelt und Energie in Niedersachsen, bezweifelt das jedoch: „Das Kostenargument rechnet sich der Bund schön.“ Er weist darauf hin, dass es nicht nur um die unmittelbaren Aufwendungen für den Bau gehe. Ein anderer Faktor, der zu Verzögerungen und höheren Kosten führen könne, sei Gegenwehr. „Wenn wieder Hochspannungsmasten errichtet werden sollen, rechnen wir mit massiven Protesten von Bürger:innen“, sagt der Grüne, „und auch Kommunen werden sich wehren“.
Dass es so kommt, ist nicht unwahrscheinlich. Klageberechtigte Verbände wie der Bund für Umwelt und Naturschutz, Greenpeace und die Deutsche Umwelthilfe plädieren ebenso für Erdkabel wie die Landesregierung aus SPD und Grünen in Hannover. Und selbst unter den vier Netzbetreibern, die die Nord-Süd-Trassen bauen, ist die Einschätzung nicht einhellig. „Akzeptanz ist ein zentraler Kostenfaktor“, warnt Hendrik Neumann, Manager des Unternehmens Amprion. Erdkabelverbindungen seien „schnell und konfliktarm zu realisieren“.
Fachleute uneins
Neben Gegenwehr kann auch zu Zeitverlusten führen, dass bereits geleistete Planungsarbeiten für Erdkabel zugunsten der Masten-Variante über den Haufen geworfen werden. „Wenn sich der Trassenverlauf des Südwestlinks infolge des Gesetzentwurfs ändern muss, wird es zu Umplanungen und möglicherweise auch einer späteren Inbetriebnahme kommen“, schätzt Fiete Wulff, Sprecher der Bundesnetzagentur, der Genehmigungs- und Regulierungsbehörde.
Anderseits sagt Tennet-Chef Meyerjürgens: „Ein möglicher Mehraufwand bei der Umplanung wird durch deutlich schnellere Bauzeiten kompensiert.“ Projekte wie der Südwestlink blieben damit im Zeitplan, auch als Freileitung.
Die Fachleute sind also uneins. So scheint immerhin das Risiko zu bestehen, dass der Südwestlink mit Masten im Vergleich zur ursprünglichen Planung später fertig wird. Käme es so, bedeutete das einen erheblichen Nachteil für die hiesige Stromversorgung. Haben doch die neuen Nord-Süd-Leitungen den Sinn, möglichst schnell dafür zu sorgen, dass sämtliche im Norden hergestellte Elektrizität auch die Verbraucher im Süden erreicht.
Heute müssen Windparks immer wieder abgeregelt werden: Energiemengen werden sozusagen weggeworfen, die Betreiber dafür entschädigt. Diese Milliarden-Euro-Kosten, die letztlich die Stromkunden zahlen, könnten vermieden werden. Auch dieser Faktor ist in die Rechnung einzubeziehen. Und seit dem tagelangen Ausfall in der Berliner Stromversorgung im vergangenen Winter kommt noch ein Aspekt hinzu: Terror. Überirdische Anlagen sind leichter zu attackieren, allerdings auch leichter zu reparieren als verbuddelte Starkstromtechnik.
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